Meinung : Endorphine für den Kopf

Das ganze Jahr Berlinale: Auch der anspruchsvolle Deutsche Film ist erfolgreich – weil er endlich die Gefühle anspricht

Hans Weingartner

Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen,/ Wenn es nicht aus der Seele dringt/Und mit urkräftigem Behagen/die Herzen

aller Hörer zwingt,/ (…)Bewunderung von Kindern und Affen, wenn euch darnach der Gaumen steht?/ Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen, wenn es euch nicht von Herzen geht.“

Goethe, Faust I

Die Kunst ist lang, und kurz ist unser Leben.

In seiner jüngstem Streitschrift im „Spiegel“ fordert der renommierte Filmproduzent Günter Rohrbach die Filmkritik dazu auf, endlich auch die Publikumshits aus deutscher Produktion zu würdigen, damit es mit dem deutschen Film vorwärtsgeht. Im gleichen Artikel behauptet er verwirrenderweise, Filmkritiken hätten ohnehin keinen Einfluss auf die Zuschauerzahlen. Wie dem auch sei – was bleibt, ist der Eindruck eines Schreis nach Liebe. „Das Publikum liebt uns, warum ihr nicht auch?“, klingt da durch. Man könnte es allerdings auch schärfer formulieren: Die Großkaufleute des deutschen Spielfilms aus München und Berlin lassen ihre Muskeln spielen. Es genügt ihnen nicht, die absolute Macht in der Branche zu haben, sie wollen auch entsprechend gewürdigt werden: „Hört auf, diesen Kunstkino-Mist hochzujubeln, das guckt doch eh keiner, die wahren Player sind wir. ,Das Parfum‘, der teuerste deutsche Film aller Zeiten, 50 Millionen Euro Budget, den haben wir gestemmt, verdammt noch mal, knapp sechs Millionen Zuschauer gemacht, und ihr Miesmacher pinkelt uns ans Bein?“ So oder so ähnlich könnten ihre Gedanken sein.

Rohrbachs Forderung wird aber ziemlich sicher erfolglos bleiben. Die meisten Kritiker verstehen sich immer noch als Journalisten und nicht als Dienstleister der Filmindustrie. Von Berufs wegen der Wahrheit verpflichtet und nicht den Erfordernissen des Marktes. Dass die Wahrheit in der Kunst relativ ist und vor allem subjektiv, dagegen muss man sich als Filmschaffender abhärten: Der erste Verriss tut noch weh, der nächste nicht mehr so sehr.

Im Grunde ist die Divergenz zwischen Kritikern und Publikum systemimmanent: Damit ein Film Millionen erreicht, muss er so einfach gestrickt sein, dass ihn jeder, wirklich jeder versteht (also auch „Slow Joe in the back row“, wie man in Hollywood zu sagen pflegt). Keine komplizierten Dialoge, keine Verweise auf geschichtliche Ereignisse, stattdessen möglichst lineare Storyline, Helden mit Identifikationsflächen. Und der Film muss mit quer durch alle Kulturen verständlichen Motiven und Mythen arbeiten. Dass der Filmkritiker darauf nicht abfährt, ist ebenfalls klar: Er guckt fünf Filme die Woche, vielleicht 20 Jahre lang, irgendwann kann er es halt nicht mehr sehen, wenn der arme Arbeiterjunge doch noch das schöne Mädchen aus gutem Hause abkriegt. Haben Sie sich noch nie gelangweilt, wenn das Mädchen über dem Abgrund schwebt und der Held „Gib mir deine Hand!“ schreit? Stellen Sie sich das mal fünf Tage die Woche vor, und Sie wissen, was ein harter Job ist. Und verstehen, warum der Kritiker eine Aversion gegen solche Muster entwickelt.

In Wahrheit kriegt der arme Arbeiterjunge 2007 nicht mal ’nen Job, er sitzt im Internetladen und spielt Counterstrike. Das Publikum aber liebt Stereotypen – einfach, weil sie Emotionen erzeugen. Die Furcht, dass der Held stirbt, die unbeschreibliche Erleichterung, wenn er doch überlebt: Ist das schlecht? Nein! Seit ich in einem Kino in Jamaika, nicht mehr als ein Holzschuppen, erlebt habe, wie die Zuschauer ihre Helden anfeuern („Yeah, come on, kiss her!“) und warnen („Watch out, he’s behind you!“), teilweise sogar auf die Leinwand springen, um in die Handlung einzugreifen, bin ich kein emotionaler Asket mehr. Schlecht sind Stereotype also nicht, aber in ihrer Masse und auf Dauer halt langweilig. Wenn der Bösewicht im Finale dem Helden die Pistole an den Kopf hält und abdrückt, aber keine Kugel mehr im Lauf ist, ist das sicher 499 Mal spannend, beim 500. Mal aber nicht mehr so sehr.

Außerdem sind solche Bedienungsmuster am Ende vor allem Handwerk: Wie kann ich das Publikum maximal unterhalten? Einfach ist das nicht, im Gegenteil: Ein perfekt funktionierendes Haus zu bauen, ist ja auch schwieriger als eines mit neuartiger Architektur. Aber ich habe mich für die nichtmateriellen Dinge eben immer mehr interessiert. Für die existenziellen und die gesellschaftlichen Fragen.

Letztendlich geht es beim optimierten Verkauf von Eintrittskarten um ein Stück vom Glück. Für acht Euro kann ich 90 Minuten lang ein Held sein, der alle seine Probleme löst und auch noch das Mädchen kriegt. Eine Droge fast ohne Nebenwirkungen, außer vielleicht dem schalen Gefühl am nächsten Morgen, weil man sich nicht traut, dem Chef die Meinung zu geigen (so wie der Held im Film).

Die Industrie unterhält – und verkauft damit so viele Eintrittskarten wie möglich. Wir IndependentFilmer hingegen, und zu dieser fiktionalen Fraktion zähle ich mich jetzt ganz forsch mal, haben vor allem das Anliegen, uns mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, sie zu reflektieren und sie zu verändern. Das ist als Künstler unser Deal mit der Gesellschaft: Wir haben keinen Chef – und dafür versuchen wir die Sippe, in der wir leben, weiterzubringen, indem wir ihr Dinge erzählen, die sie über sich selbst nicht wusste. Das klappt ganz selten, aber wenn’s klappt, gibt’s dafür gute Kritiken, und das stärkt unser Ego.

Und das wollen uns die Produzenten jetzt auch noch wegnehmen? Das ist gemein. Sie haben schon die ganze Kohle und jetzt wollen sie auch noch die guten Kritiken! Ich schlage einen Tausch vor: die Villa in Potsdam oder am Starnberger See gegen meine guten Kritiken. Aber Scherz beiseite: Für Independent-Filmer wird es in Deutschland immer härter. Die Filmförderung in Deutschland, ohne deren Hilfe hierzulande kein Film produziert wird, hat sich von ihren Gründungsgedanken in den 70ern fast vollkommen verabschiedet: der Förderung des künstlerisch hochwertigen Films. Heutzutage werden zu 90 Prozent zinslose Darlehen vergeben. Und diese Darlehen werden logischerweise nur an Filme vergeben, die auch das Potenzial zur Rückzahlung haben – wie bei einer Bank ist das. Die Filmförderung ist also zur reinen Wirtschaftsförderung verkommen.

Das führt manchmal zu absurden Situationen. Da greife ich mir schon an den Kopf, wenn ich mit „Der Wixxer Teil 2“ oder „Bully Herbig Teil 3“ um dieselben Gelder konkurrieren muss. Wie geht’s einem Gremiumsmitglied, das zuerst den neuen Bully Herbig und dann den neuen Christian Petzold liest? Wer kriegt die Kohle, wem gebührt sie? Bully oder Petzold? Dem börsennotierten Unternehmen mit Milliardenumsatz oder der Minifirma? In den Gremien, in denen ich bisher saß, gewann nie der beste Film, sondern immer der, auf den sich alle einigen konnten.

Von den öffentlich-rechtlichen Sendern ist leider auch keine große Hilfe mehr zu erwarten, seit sie dem Quotenwahn ebenso verfallen sind wie die Privaten. Die vielen Rosamunde-Pilcher-Filme, Daily Soaps und Krimiserien, die gehen mit der Zeit ganz schön ins Geld. 100 Millionen jährlich für die Bundesliga, und dann die Live-Berichterstattung vom spanischen Hof! Da bleibt für europäische Filmkunst nicht viel übrig. Nur elf Millionen zahlen ARD und ZDF jährlich in die Filmförderungsanstalt ein. Können Sie sich erinnern, wann Sie das letzte Mal einen richtig anspruchsvollen Film um 20.15 Uhr auf ARD oder ZDF gesehen haben? Wenn ich mal kurz den Fernseher anmache, springen mir nur Carmen Nebel, Jörg Pilawa oder Fritz Wepper entgegen (woraufhin ich panisch den Ausknopf drücke).

Irgendwie muss da ein Zusammenhang bestehen zu den Entscheidungen der Rundfunkvertreter, die in den Fördergremien sitzen. Einigen können sich jedenfalls immer alle nur auf den Film, der glücklich macht. Das sind im Prinzip neurobiologische Entscheidungsprozesse, die da ablaufen.

Kleine Erläuterung: Wissenschaftliche Studien haben erwiesen: Reich sein macht nicht glücklich. Wenn’s einem immer besser geht, das macht glücklich. Wenn du arm warst und reich wirst, sozialer Aufstieg. Deshalb haben Publikumserfolge immer Helden, die arm sind und am Ende reich werden – egal ob reich an Geld oder Liebe oder sonst was. Kino ist ein Geschäft mit Endorphinen. Wenn es ein Geschäft ist. Deshalb kriegt Bully Herbig die dicke Förderkohle und die Zuschauer und ist so reich wie sein Held. Christian Petzold kriegt wenig Förderkohle und wenig Zuschauer, aber gute Kritiken. Das Publikum kriegt bei Bully den Endorphinkick. Bei Petzold lernt es etwas fürs Leben und hat seine Seele gespürt.

Obwohl, ich übertreibe natürlich. Denn man kann auch mixen. Crossover heißt das dann. Ich mixe kleine Endorphindosen in meine Filme, gut verträglich, ohne schale Nebenwirkungen, möglichst aus dem Leben gegriffen. Das hat bei meinem letzten Film so vielen Zuschauern gefallen, dass ich meinen neuen völlig ohne deutsche Gremien und TV-Sender finanzieren konnte. Das schützt mich vor dem sozialen Abstieg und ermöglicht mir, weiter kleine subversiven Filme zu machen. Außerdem macht es natürlich Spaß, die Konventionen der Hardcore-Arthouse Fraktion zu brechen. Bis vor wenigen Jahren war das unmöglich. Ein Film wie „Die fetten Jahre sind vorbei“, wo es auch was zu lachen gibt und linke Rebellen nicht stammheimmäßig vom Staat umgebracht werden, wäre von der Kritik gnadenlos niedergemacht worden.

Jetzt geht das. Mittlerweile darf ein inhaltlich interessanter Film sogar unterhalten und geht trotzdem noch als Arthouse durch! Da hat sich, von Ihnen sicher begrüßt, Herr Rohrbach, einiges getan.

Jetzt kann man auch Filme machen, die in Deutschland spielen, und es regnet trotzdem nicht die ganze Zeit. Man darf jetzt auch mal stimmungsvolle Bilder mit schöner Gitarrenmusik unterlegen und hochfliegende Gefühle beim Zuschauer erzeugen, ohne als dem Satan des Kommerz verfallen gebrandmarkt zu werden. Hin und wieder darf sogar der Held das Mädchen kriegen oder umgekehrt (wenn auch nur kurz). Und der Schizophrene muss sich am Ende nicht umbringen, er darf sogar kurz mal aufs Meer rausgucken.

Ein Film kann emotional sein, ohne seine Botschaft zu verwässern, so lautet die neue Erkenntnis. Und so lautet auch die Erfolgsformel des deutschen Films im Ausland: Wir haben uns aus der Isolationshaft der Nüchternheit befreit. „Good Bye, Lenin!“, „Gegen die Wand“, „Das Leben der Anderen“, „Sophie Scholl“ – diese Filme haben ein Thema, und sie nehmen es ernst. Sie haben eine Botschaft, sie behandeln eine Lebenswirklichkeit, und sie sind trotzdem nicht so langweilig, dass einem der Hintern nach einer halben Stunde wehtut. Nein, sogar so unterhaltsam, dass man mit der Freundin reingehen kann! Früher ein Unding, heute erlaubt: emotional zu sein, ohne flach zu werden. Die Kunst des Wanderns auf dem schmalen Grat: Bisher hat uns die deutsche Filmkritik dieses Wagnis erlaubt und ein paar Fehltritte toleriert, hoffentlich bleibt es so.

Und hoffentlich bleibt uns auch das deutsche Publikum gewogen – übrigens das kritischste der Welt, vor allem das männliche. Wenn ich nach der Vorführung auf die Bühne gehe, muss ich mich meist auf harte sachliche Analysen gefasst machen. Unlogische Plotwendungen werden schonungslos aufgedeckt, und mindestens zwei bis drei Szenen wurden „so schon woanders“ gesehen. Brasilianer und Russen zum Beispiel lassen sich wesentlich offener und naiver auf einen Film ein. Sie sagen: Okay, erzähl mir eine Geschichte, ich freu mich drauf. Da fühle ich mich mehr als Partner und Geschichtenerzähler, in Deutschland fühle ich mich auf der Bühne meist wie ein Politiker, der gerade die Steuern erhöht hat. Es gibt keine bessere Schule, als hier Filme zu machen: Bestehst du hier, bestehst du überall – vorausgesetzt, du lässt dir deine Freude an Emotionen nicht austreiben.

Am Ende müssen wir Filmemacher uns an der Wirklichkeit messen lassen. Und wie ist sie, die Wirklichkeit? Überwiegen die Happy oder die Bad Ends? Am Ende müssen wir alle sterben, aber was ist mit Wiedergeburt und Freigetränken im Paradies? Oh Mann. Wär ich doch Arzt geworden.

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