Energiemarkt : Mit dem Strom schwimmen

Der Energiemarkt ist seit zehn Jahren liberalisiert – aber noch nicht genug.

Thomas Mecke

Der Beginn der Liberalisierung des Strommarktes vor genau zehn Jahren war mit großen Hoffnungen verbunden. Doch das Modell des vom Oligopol der Stromerzeuger und Netzbesitzer „verhandelten“ Netzzugangs war untauglich. Neue, von den großen Energiekonzernen unabhängige Anbieter, hatten keine Chance, sich zu behaupten.

Bis zur zweiten Liberalisierungswelle, die mit der Energierechtsnovelle von 2005 ihren Anfang nahm, wurde viel Zeit verschenkt. Ohne die beharrliche Arbeit der Bundesnetzagentur wäre auch die zweite Welle der Marktöffnung vom Scheitern bedroht worden.

Durch die vielen neuen Anbieter und die Regulierung der Wechselprozesse ist die Bereitschaft der Kunden zu wechseln deutlich gestiegen. Nach Angaben der Bundesnetzagentur wechselten 2007 rund 1,3 Millionen Haushalte den Versorger, 800 000 blieben zwar bei ihrem Anbieter, wählten aber einen anderen Tarif. Dieser Trend belegt: Wettbewerb ist möglich und wirkt preisdämpfend. Richtig in Gang kommt der Wettbewerb jedoch erst durch den Wechsel zu unabhängigen Anbietern. Wie in der Telekommunikationsbranche, müssen sich die etablierten Versorger daran gewöhnen, auch mit geringeren Marktanteilen eine Rolle zu spielen. In Großbritannien und Skandinavien, wo die Wechselquoten 40 beziehungsweise 20 Prozent betragen, haben die Energieversorger längst ein Selbstverständnis als Dienstleistungsunternehmen verinnerlicht. Ihre Produkte sind auf die Bedürfnisse der Kunden zugeschnitten. Diese Entwicklung steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen.

Es gibt eine Reihe weiterer Punkte, die mehr Wettbewerb verhindern. So fehlt in Deutschland ein bundesweites Ausgleichssystem für die Regelenergie. Das Rauf- und Runterfahren von Kraftwerken in getrennt bewirtschafteten Zonen verursacht unnötige Kosten in dreistelliger Millionenhöhe. Kosten, die von allen Verbrauchern zu tragen sind.

Ein unzeitgemäßer Zustand herrscht auch beim Ausgleich von Mehr- oder Minderverbrauchsmengen in den Gasnetzen. Hier zahlen Anbieter für Verbräuche Ihrer Kunden ohne jede energiewirtschaftliche Grundlage bis zum dreifachen Preis, bekommen bei geringeren Abnahmen als geplant jedoch nur einen Bruchteil ihrer Kosten erstattet. Das erinnert an Wegelagerei.

Mehr Augenmerk muss auch auf den Wechselprozess als solchen gerichtet werden. Dieser ist noch immer nicht massenmarktfähig. Nach Angaben der Bundesnetzagentur belaufen sich die durchschnittlichen Kosten für den Anbieter bei einem Lieferantenwechsel auf 108 Euro. Das ist für junge Wettbewerber nicht akzeptabel. Diese hohe Summe muss durch Automatisierung der Prozesse deutlich gesenkt werden, damit noch attraktivere Angebote für den Endkunden möglich sind. Zudem dauert der Wechsel eines Stromanbieters in Deutschland sechs bis acht Wochen, in den Niederlanden sechs bis acht Tage. Das muss auch in Deutschland möglich sein. Es muss deutlich höherer Effizienzdruck auf die Bearbeitungsprozesse ausgeübt werden, damit der Wechsel des Energieanbieters so einfach und selbstverständlich wird, wie der Griff ins Supermarktregal.

Heute, zehn Jahre nach der Liberalisierung, hat sich für den Stromverbraucher viel getan. Er kann aus einem Angebot an Anbietern auswählen, ganz nach seinem persönlichen Präferenzen. Auch im Gasmarkt nimmt der Wettbewerb Fahrt auf. Hier gibt es aber keine Alternative zu einer schnellen Regulierung nach dem Vorbild des Strommarktes. Bis hier echte Ergebnisse sichtbar sind, dürfen nicht wieder etliche Jahre ins Land ziehen.

Die alles in allem positive Entwicklung sollte die politisch verzerrte Diskussion um zu hohe Energiepreise und den Ruf nach dem Kartellamt versachlichen und auf eine marktwirtschaftliche Grundlage zurückführen: Ein wirklich liberalisierter Markt kann sich auch ohne dirigistische Vorgaben der Politik entwickeln. Preise müssen sich im Markt bilden und kostendeckend sein, sonst werden keine neuen Wettbewerber antreten – und auch nicht in Kraftwerke investieren.

Der Autor ist Vorsitzender der Geschäftsführung von Nuon Deutschland.

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