England trinkt : Die Pille nach der Weihnachtsfeier

Warum nur kommen im Januar in Großbritannien so viel mehr Frauen zur Schwangerschaftsberatung als sonst? Schuld sind die Weihnachtsfeiern im Dezember und die besondere Hingabe der Briten zum Alkohol. Das hat Folgen, auf die der Engländer reagiert wie immer: pragmatisch.

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Party in der Londoner U-Bahn. Dort ist der Alkoholkonsum 2008 verboten worden.
Party in der Londoner U-Bahn. Dort ist der Alkoholkonsum 2008 verboten worden.Foto: dpa

So kennt man sie: Sie saufen bis zum Stillstand der Augen, entrückt, hemmungslos, und noch einen Liter, hinein, immer hinein, bis es überschwappt. Und kurz bevor die Äuglein still stehen, grölen sie noch ein bisschen und die Frauen kreischen dazu, bar jeder Etikette, so sind sie, die Briten. Mag sein, dass diese Charakterisierung ein wenig klischeehaft daherkommt, aber nun ist Weihnachtszeit, und das ist auch auf Albion die Zeit der Weihnachtsfeiern, der Zwischen-den-Jahren-Feiern und Silvesterfeiern. Und hoch die Tassen. Traditionell, und der Brite hält viel auf Tradition, das ist nichts Neues, fliegen in England die Tassen auf solchen Feierlichkeiten besonders hoch.

"Korn, Bier, Schnaps und Wein, und wir hören unsere Leber schreien" in der englischen Version. Also: "Rule Britannia! Britannia, rule the waves; Britons never will be slaves." Aber weil es eben auch auf der Insel die stille Zeit ist, ist auch leicht besinnlicheres Gegröle denkbar: "Oh, come, little children, oh, come, one and all, To Bethlehem’s stable, in Bethlehem’s stall. And see with rejoicing this glorious sight, Our Father in heaven has sent us this night."

So übersetzte eine Melanie Schulte um 1910 herum das alte, von Christoph von Schmid 1798 gedichtete und von Franz Xaver Luft 1837 vertonte deutsche Weihnachtslied "Ihr Kinderlein, kommet, o kommet doch all!"

Und damit muss jetzt Schluss sein drüben in Old England. Im Januar nämlich, auch das hat Tradition, kommen laut Erklärung der Schwangerenberatungsorganisation BPAS signifikant mehr Frauen zur Beratung als zu jeder anderen Jahrszeit und erklären, dass das Kindlein, das so um den September herum kommen will, ungewollt ist. Vielmehr ist es Folge der alkoholseligen Weihnachtsfeier. Nun regiert in England nicht die katholische Kirche, die in solchem Fall alljährlich eine Gewinnwarnung aussprechen würde, um den übermäßigen Alkoholkonsum zu mäßigen. Der etwas entspanntere Geist der Anglikaner hingegen reagiert pragmatisch. Wohl im Wissen, dass dem Briten der Alkohol so heilig ist wie das Herz Jesuskind in der Krippe zu Bethlehem, versuchen es die Briten erst gar nicht mit Abstinenzaufrufen. Sondern: Britische Frauen erhalten in den kommenden Wochen kostenlose Kondome, Ratgeberliteratur und Rationen mit der "Pille danach". Sie können ab sofort nach einer 15-minütigen Telefonberatung auf Vorrat abgeholt werden. Na denn: "Silent night, holy night". Und Cheerio!

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