Meinung : …England

Matthias Thibaut

über Asche, die zum Leben erweckt wurde First things first, sagen die Engländer. Eine Erhöhung der Gaspreise (30 Prozent in diesem Jahr), die Prognose, dass die idyllische englische Landschaft in 30 Jahren verschwunden sein wird, Terrorangst – nichts kann das Wohlbefinden dämpfen, solange es Wichtigeres gibt. Zum Beispiel die Frage, warum die „kaugummikauenden Australier“, als am Freitagnachmittag dunkle Wolken über dem „Oval Cricket Ground“ in London aufzogen, das Angebot des Schiedsrichters von „schlechtem Licht“ annahmen, nach der Teepause stracks in die Kabinen zurückmarschierten und so am zweiten Tag des fünftägigen „Ashes-Tests“ die Chance für „37 Overs“ vertaten.

Rätselhaftigkeit gehört zum Reiz dieses Sports. Die BBC gab vor Jahren die Übertragungen auf, weil das Geschehen für die Mehrheit zu unverständlich ist. Enthusiasten vergleichen Cricket mit Poesie und Kammermusik. Nun verfolgten 8 Millionen Briten auf Channel 4 den diesjährigen Länderkampf gegen Australien. Und was sie sahen, übertraf das Bollywood Cricketepos „Lagaan“ an Dramatik. Tickets kosten am Schwarzmarkt über 2000 Euro. In Englands Sackgassen und Parks üben Kinder das Batting und Bowling (Schlagen und Werfen), in den Pubs diskutieren die Alten Taktik und Cricketgeschichte. Sogar Tony Blair, der vom Cricket keine Ahnung hat, musste beim Indienbesuch mit ausgestrecktem Arm ein paar Bälle bowlen.

Zum ersten Mal seit 1989 hat England die Chance, den „Ashes“ Pokal zurückzuerobern. Nach vier „Tests“, wie Cricket- nationalspiele heißen, führen sie 2 zu 1. Alle zwei Jahre findet das älteste Länderspiel der Sportgeschichte statt, immer gegen Australien und mit sommerfüllender Ausgiebigkeit – fünf mal fünf Tage. Es begann 1877. Als die Australier 1882 zum ersten Mal gewannen, brachte die „Sporting Post“ eine Todesanzeige: Englands Cricket sei im Oval eingeäschert und die Asche nach Australien gebracht worden. Aus der Schmach der Briten war eine beflügelnde Tradition geboren.

Mit unfehlbarem Geschick lenken die Engländer von dem, was sie bedrückt, auf das, was sie hochzieht. Gerade erlitt Englands Fußballteam eine schmachvolle Niederlage gegen Nordirland. Gestern wurde bei den Proms schon wieder „Land of Hope and Glory“ gesungen. Halb Europa sang an den Fernsehern mit, weil sie auch nichts Besseres zu feiern haben. Am Dienstag geht es richtig los: Der englische Cricket-Verband hat vorsorglich schon einmal den Trafalgar Square für die größte Siegesparade der Cricketgeschichte gebucht.

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