Entführungen : Geiselnahme als Waffe

Für die Freiheit der bulgarischen Krankenschwestern ist viel Geld nach Libyen geflossen. Doch nicht nur das: Zwischen Brüssel, Paris und Berlin entbrannte gar ein peinlicher Streit, wer sich am engsten an Gaddafi ankuscheln darf. Was, wenn das Beispiel Schule macht?

Ein Kommentar von Malte Lehming

Je glücklicher dieses Ende, desto dunkler die Zornesröte. Sechs Menschen, fünf Krankenschwestern, ein Arzt, wurden achteinhalb Jahre in Libyen eingekerkert und, nach eigenen Angaben, gefoltert. Der Vorwurf, sie hätten im Auftrag von CIA und Mossad mehr als 400 Kinder mit dem Aids-Virus infiziert, darf als widerlegt gelten. Er war ein Vorwand, um von eigenen Schlampereien im Gesundheitswesen abzulenken. Schließlich kommen die sechs unschuldigen Menschen frei. Dafür wird viel Geld gezahlt, Lösegeld, auch von der EU.

Doch damit nicht genug. Dem Revolutionsführer Muammar Gaddafi dankt die EU für die "Geste der Humanität", zu seinem Land soll nun ein "neues Zeitalter der Beziehungen" eröffnet werden, inklusive besserer Handelsbeziehungen. Zwischen Brüssel, Paris und Berlin entbrennt gar ein Streit, wer sich am engsten an Gaddafi ankuscheln darf. Frankreich gewinnt. Nicolas Sarkozy nimmt den nächsten Flieger nach Tripolis, schließt ein Partnerschaftsabkommen im Rüstungsbereich ab und verspricht, einen Atomreaktor zu liefern. Einen peinlicheren Kotau vor einem dreisten Akt erpresserischen Menschenraubs gab's selten.

Zur selben Zeit - ja, es wird noch absurder! - stellt sich der Sprecher des Auswärtigen Amtes hin und warnt vor einem "Medienkrieg" der Taliban. Geschickt und gezielt würden die "Zeremonienmeister des Terrors" die politischen Diskussionen in Europa verfolgen, um sie zu beeinflussen. Was allerdings so raffiniert daran sein soll, Europas Einknicken vor Geiselnehmern zu beobachten und ganz simpel seine Schlüsse daraus zu ziehen, sagt der Sprecher nicht.

Wer regelmäßig Lösegeld zahlt und mit Erpressern wie Gaddafi als Belohnung für Selbstverständlichkeiten dicke Geschäfte abschließt, soll sich nicht wundern, wenn solche Beispiele Schule machen. Wie zum Beleg dafür rief der Militärchef der Taliban umgehend seine Anhänger auf, "Ausländer jeglicher Nationalität zu entführen, wo immer sie sie finden mögen". Verübeln muss man ihm das natürlich, aber überrascht sollte keiner sein. Sie tun, was wir honorieren.

Geiselnahme als Waffe: Die Methode ist so alt wie wirksam, womöglich wirksamer als Terroranschläge. Denn das Narrativ ist gefühliger. Es geht um lebende Menschen, die ein Schicksal vor sich haben, das sich beschreiben, ausmalen und dramatisieren lässt. Bei Anschlägen geht es "bloß" um Ermordete, deren Schicksal sich nur noch nacherzählen lässt. Eine offene, womöglich tragisch endende Geschichte packt uns mehr als eine geschlossene Geschichte, deren Ende bekannt ist. Mit Ausnahme von "Nine-Eleven", das alle Dimensionen sprengte, haben vor allem Geiselnahmen in Verbindung mit erpresserischen Forderungen nicht nur starke Bilder geprägt, sondern auch Historie begründet. München 1972, Teheran 1979, Beslan 2004. Von der PLO über die RAF, bis zur Hisbollah und den Taliban: Durch spektakuläre Entführungen die Moral des Gegners zu testen, ist Erfolg verheißender, als durch Attentate dessen Gegenwehr zu provozieren.

Wäre es besser, die fünf bulgarischen Krankenschwestern und der palästinensische Arzt säßen immer noch in libyscher Haft? Nein. Wer Menschenleben achtet und retten will, kann sich den Luxus moralischer Reinheit nicht immer leisten. Humanitärer Pragmatismus hat seinen Preis. Das aber bedeutet nicht, die eigene Erpressbarkeit derart hemmungslos öffentlich zu machen wie jetzt. Die Taliban studieren uns nicht, sie verfolgen einfach die Nachrichten.

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