Meinung : Er kam, sah und sagte

Gerd Appenzeller

Mit dem deutschen Nationalgefühl ist es nicht weit her. Bisher empfanden die meisten Bürger das auch nicht als besonderen Mangel. Wenn einem Land aber in einer internationalen Studie bescheinigt wird, es sei auf einem für die Zukunftschancen ganz wesentlichen Gebiet, der Bildung, nicht einmal Mittelmaß, dann wird das Selbstbewusstsein doch arg gebeutelt. Das Ergebnis der internationalen Pisa-Studie beruhigt vielleicht die Fußballspieler, sie sind nun in ihrem Elend nicht mehr allein. Aber die Politiker zeigen sich, parteiübergreifend, doch reichlich zerknirscht. Miese Leistungen kommen ja nicht von ungefähr. Irgendetwas scheint da schief gelaufen zu sein.

In einer solchen Situation kommt der Bundespräsident gerade richtig. Niemand in diesem Land kann den Deutschen besser ins Gewissen reden als das Staatsoberhaupt. Johannes Rau hat das gestern auf dem "Forum Bildung" getan und eine breitere und frühere Teilhabe möglichst vieler Menschen an der Bildung gefordert. Dem Forum, vor dem Rau sprach, gehören Bildungspolitiker aus Bund und Ländern an, Vertreter der Kirchen und der Sozialpartner. Es ist überparteilich und kam in den letzten zwei Jahren zu ähnlichen Ergebnissen wie die Pisa-Studie. Die Pisa-Daten freilich wurden Nationen übergreifend erhoben und stehen deshalb nicht im Verdacht, mit einer bestimmten parteipolitischen Brille auf der Nase eingesammelt und ausgewertet worden zu sein.

Genau das ist in Deutschland früher leider oft der Fall gewesen. Jahrzehntelang nämlich waren in der föderalistisch strukturierten Bundesrepublik objektive Auswertungen von Bildungsdaten nicht möglich, weil der Blick auf die Fakten durch ideologische Scheuklappen behindert wurde. Dennoch hatte sich, stillschweigend, eine unbestrittene Rangfolge bestimmter Schulabschlüsse und Universitäten herausgebildet.

Johannes Rau hat nach der Genforschung und der Ausländerintegration mit der Bildung das dritte Schwerpunktthema seiner Amtszeit gefunden. Rau kehrt damit zu den eigenen Wurzeln zurück. Er selber war Wissenschafts- und Forschungsminister in Nordrhein-Westfalen, bevor er Ministerpräsident wurde. In dieser langen Zeit sind in NRW 13 neue Universitäten gegründet worden. Diesmal freilich geht es "nur" um die kleinen, und nicht um die großen "Kinder". Und die Mängel, Johannes Rau und Bildungsministerin Bulmahn haben darauf hingewiesen, liegen jetzt nicht mehr in den Universitäten, sondern in der Vernachlässigung der Vorschulerziehung und der Grundschulen. Hier werden Bildungsreserven nicht ausgeschöpft, werden Erziehungsmängel der Elternhäuser nicht ausgeglichen.

Die Familie ist heute eben oft nicht mehr der sichere Hort, in dem kleine Menschen heranreifen können. Viele kommen etwa schon mit sprachlichen Defiziten in die Kindergärten. Wenn sie dort in viel zu großen Gruppen nur aufbewahrt und nicht gefördert werden, ist ihr späteres schulisches und berufliches Scheitern bereits programmiert.

Dem Forum Bildung und dem Bundespräsidenten ist eines gemeinsam: Beide haben keine Macht. Hat also das, was sie tun, sagen und beschließen, keine Auswirkungen? Oh doch. Mit dem Bundespräsidenten ist es wie mit der englischen Königin. Jeder sonnt sich gerne in ihrem Lichte.

Wen der Präsident durch Erwähnung, durch ein Lob gar, aus der Anonymität erhebt, der wird damit öffentlich auf ganz herausragende Weise gewürdigt. Das schmeichelt ein wenig der Eitelkeit und treibt zu neuen Höchstleistungen an. Dafür braucht das Staatsoberhaupt nicht einmal ein besonderes Budget, das wirkt ganz von selbst - vielleicht diesmal in der Bildungspolitik.

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