Meinung : „Er reagiert schon wieder auf Worte“

Christoph von Marschall

Er ist eher ein Stiller: Schlagzeilen vermeiden, in Ruhe die politische Arbeit erledigen. Man muss lange suchen, bis man eine so intensive Medienbegleitung wie in diesen Tagen in der Karriere von Tim Johnson, demokratischer Senator des Staates South Dakota, findet. Täglich ist er auf den Titelseiten der großen US-Zeitungen. Das gab es nicht mal, als er abweichend von der Mehrheit seiner Parteikollegen für Präsident Bushs Steuerkürzungen stimmte (2001), den erzkonservativen Obersten Richter Samuel Alito bestätigte (2005) oder eine häufigere Verhängung der Todesstrafe forderte. In South Dakota, wo 2004 60 Prozent für Bushs Wiederwahl stimmten, sind auch Demokraten ziemlich konservativ. Johnsons Sohn dient im Irak.

Aber jetzt geht es nicht allein um ihn. An seiner Amtsfähigkeit hängt die hauchdünne demokratische Mehrheit von nur einer Stimme im Senat. Johnson war am Dienstag, zwei Wochen vor seinem 60. Geburtstag, während einer Pressebegegnung ins Stottern geraten, vergaß die gestellte Frage und wurde mit Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert. Dort wurde er wegen einer Gehirnblutung operiert und liegt seither auf der Intensivstation. Er mache Fortschritte, sagen die Ärzte inzwischen, er reagiere auf Ansprache und Berührung.

Müsste er wegen bleibender Schäden zurücktreten oder stürbe er gar, dürfte der republikanische Gouverneur von South Dakota einen Nachfolger ernennen. Dann stünde es wohl 50 zu 50 im Senat, und bei einem Patt hätte Vizepräsident Dick Cheney die entscheidende Stimme, so will es die Verfassung. Die Demokraten würden auch die Vorsitze in allen Senatsausschüssen verlieren. Ein Patt gab es zuletzt von Juli 2001, als Jim Jeffords aus Vermont die Republikaner verließ und als „Unabhängiger“ fortan mit den Demokraten stimmte, bis zur Kongresswahl 2002, bei der die Republikaner die Mehrheit zurückeroberten.

Doch abgesehen vom Tod kann niemand Johnson zwingen, sein Mandat aufzugeben. Er ist bis 2008 gewählt. Die übrigen Demokraten und die beiden mit ihnen verbündeten Unabhängigen haben, selbst wenn er fehlt, noch eine 50:49-Mehrheit. Auch lange krankheitsbedingte Abwesenheit gab es schon: 1991 fehlte der Demokrat David Pryor vier Monate nach einer Herzattacke, 1969 bis 1973 der Republikaner Karl Mundt gar dreieinhalb Jahre nach einem Schlaganfall.

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