Erdbeben in Japan : Gewalt der Natur

12.03.2011 00:14 UhrVon Moritz Döbler
Am schlimmsten von der Naturkatastrophe betroffen ist die Hafenstadt Sendai. Unzählige Häuser wurden überspült und gerieten in Brand. Foto: Reuters
Am schlimmsten von der Naturkatastrophe betroffen ist die Hafenstadt Sendai. Unzählige Häuser wurden überspült und gerieten in Brand. - Foto: Reuters

Japan ist von einer Naturkatastrophe heimgesucht worden, deren Dimension man sich in Deutschland schlicht nicht vorstellen kann. Das Ausmaß ist noch gar nicht absehbar. Auch ökonomisch ist das Beben eine Zäsur für Japan.

Es sind Bilder und Ängste, die niemanden unberührt lassen können. Riesige Flutwellen, die alles mitreißen, eine explodierende Raffinerie, lodernde Flammen in einem Atomkraftwerk. Das geht nahe, im doppelten Sinne.

Zwar liegt Japan am anderen Ende der Welt, aber mit dem Land verbindet Deutschland mehr als mit den vielen Katastrophenschauplätzen, die täglich in den Fernsehnachrichten aufflackern. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten Japaner und Deutsche ihre Länder wieder aufbauen, und beide durchlebten trotz ihrer langen Geschichte so etwas wie einen Gründungsmythos. Sie kultivierten den Mittelstand, setzten auf Ingenieure, auf Maschinenbau und Autos, auf Sekundärtugenden und rückten gleichermaßen an die Weltspitze vor.

Dass diese Aufholjagd nur wenige Jahrzehnte dauern würde – wer hätte das 1945 beim Blick auf die Ruinen von Berlin, auf die Wüste von Hiroshima für möglich gehalten? Jetzt aber ist Japan von einer Naturkatastrophe heimgesucht worden, deren Dimension man sich in Deutschland schlicht nicht vorstellen kann. Gegen ein Erdbeben der Stärke 8,9 sind Oder-Hochwasser und Winterorkan eben nicht der Rede wert.

Jetzt, in diesen ersten Stunden nach dem Beben, geht es jedoch um ganz unmittelbare Hilfe. Japan ist ein hoch technisiertes, entwickeltes, reiches Land, doch in der Not ist jede Unterstützung recht. Immerhin in diesem Impuls ist die deutsche Politik geeint, reagieren Kanzlerin Angela Merkel, Außenminister Guido Westerwelle und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit – Tokio ist eine Partnerstadt Berlins – mit den richtigen Worten und den nötigen Versprechen. Aber muss das Feuer im Reaktor von Onagawa wirklich gleich für die deutsche Atomdebatte herhalten? Ist das Kalkgestein, auf dem Neckarwestheim steht, tatsächlich vergleichbar mit dem Boden, der in Japan bebte? Und sind das vor allem die ersten Fragen, die man sich angesichts des Bebens in Japan stellen sollte?

Grafik: Tsp/Kroupa

Denn noch ist das Ausmaß der Katastrophe nicht annähernd absehbar, besonders auf dem Land. Verloren Tausende, Zehntausende ihr Leben? Dieser Tag wird die kollektive Erinnerung des Landes auf Jahrzehnte prägen. Und auch ökonomisch ist das Beben eine Zäsur für Japan. Die Bänder bei Toyota, Honda, Nissan, Sony und vielen anderen standen still, Flughäfen und Häfen stellten den Betrieb ein. Der Schaden wird sich auf viele Milliarden belaufen, die Aktienkurse der Versicherer stürzten ab. Dennoch gaben die sonst so nervösen Börsen insgesamt nur vergleichsweise leicht nach. Für viele Menschen in Japan war es ein schwarzer Freitag, aber für die Welt des Geldes ein Tag, der nur einen kurzen Moment lang aus dem aktuellen Einerlei von Quartalsdaten und Sorgen um das libysche Öl hervorstach.

So zynisch die Märkte damit sein mögen, sie haben recht: Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt geht nicht unter, und der Wiederaufbau birgt auch gewaltige Chancen. Allerdings ist die Rolle des Staates dabei noch offen. In den vergangenen Jahren haben die Regierungen ständig gewechselt, sind die Staatsschulden auf rund 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Damit ist das Land im Vergleich zu seiner Wirtschaftskraft drei Mal so stark verschuldet wie Deutschland.

Japan ist zu wünschen, dass es im Wiederaufbau zu gesellschaftlichem Konsens und neuer Stärke findet. Neben der Anteilnahme wäre dem fernen nahen Land der Respekt der Deutschen sicher.

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