Erika Steinbach : Die Sarrazenin

Immer wieder Steinbach, Erika Steinbach. Bald kennt jeder Deutsche diesen Namen, wenn das so weitergeht. Die Vertriebenen-Chefin wird zur dreifachen Belastung – wer sagt ihr das? Ein Kommentar.

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Erika Steinbach.
Erika Steinbach.Foto: AFP

Nie wird der Bund der Vertriebenen einen solchen Bekanntheitsgrad erreicht haben wie mit Erika Steinbach an der Spitze. Aber einen negativen. Darum kann das so nicht weitergehen.

Eine Organisation, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart hineinragt, muss sich über die Zukunft, ihre Zukunft Gedanken machen. Gedankenloses Reden dagegen kann ihr Ende bedeuten. Wenn Steinbach das bisher nicht bewusst sein sollte, dann muss sich jemand finden, der es ihr bewusst macht. Die Vertriebenen-Chefin riskiert nicht nur ihren Ruf, den könnte sie ruhig ramponieren – sie riskiert obendrein, dass ihr Bund nicht mehr als reputierlicher Gesprächspartner für ernsthafte Beratungsrunden infrage kommt.

Erika Steinbach sitzt auf einem – immer noch – hochpolitischen Posten in Deutschland und verhält sich völlig unpolitisch. Wer sich in solche Ämter wählen lässt wie sie, der/die muss Angriffe aushalten können. Wenn Steinbach sich zu Polen äußert, siehe ihre Sätze zur Mobilmachung 1939, dann kann es schlicht nicht in Form eines hilfswissenschaftlichen, quasihistorischen Rückblicks geschehen. Bei diesem Thema gibt es nichts Aseptisches. Und schon gar kein „Man wird doch wohl noch mal sagen dürfen“.

Alles, was auch nur von Ferne nach Revanchismus oder Revisionismus klingt, muss vermieden werden, wenn Aussöhnung gelingen soll. Aussöhnung, wohlgemerkt, wo versöhnliche Töne schon schwierig genug sind, wie sich gerade wieder zeigt. Wenn doch Peter Glotz, der SPD-Vor- und Nachdenker noch lebte. Der, selbst ein Vertriebener, hätte jetzt helfen können, einen Weg aus dem Desaster zu finden, glaubwürdig nach innen wie nach außen, nach links wie nach rechts.

Denn wäre die Affäre Sarrazin nicht gewesen – Steinbach wäre längst aus dem demokratischen Diskurs geflogen. Sarrazin rettet Steinbach. Wie das? Weil die Unionsführung den inzwischen Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin so schnell verurteilt hat, ist der konservative Flügel schwer verstimmt. Nun auch noch Steinbach zu ächten, das kann den gegen die Vorsitzende, gegen Angela Merkel, in Stellung bringen.

Viel kann Merkel überstehen, hat sie bereits überstanden, aber kein Schutzschild ist undurchdringlich. (Zumal gemeinhin Erfolge bei Wahlen den nötigen Schutz vor Angriffen garantieren, und davon kann die CDU, kann Merkel gerade nicht reden.) Darum wird wohl auch Steinbachs Ausfall gegen den international hochgeehrten Wladyslaw Bartoszewski so gnädig aufgenommen. Was die beiden persönlich trennen mag, tut aber nichts zu Sache.

Steinbach macht sich zur dreifachen Belastung: im Verhältnis zu Polen, im Binnenverhältnis der Koalition (weil Außenminister Guido Westerwelle die Polen immer wieder besänftigen muss) und für den Bund der Vertriebenen. Wenn der jetzt mit Steinbach nicht selbst ins Gericht geht – dann muss es Merkel richten. Da hilft ihr nichts.

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