Meinung : Erinnerungen an ein Massaker

Wenige Ausländer waren 1988 in Birma, als das Militär schon einmal Proteste niederschlug. / Von Harald Maass

Harald Maass

Birma war im Sommer 1988 Paradies und Hölle zugleich. Ich war damals 17 Jahre alt und zum ersten Mal in Asien. Meine Eltern hatten meinen Bruder und mich zum Urlaub nach Birma eingeladen. Das war damals noch ein kleines Abenteuer. Mit einem offenen Jeep aus dem Zweiten Weltkrieg, den mein Vater für ein paar Flaschen Johnnie-Walker-Whisky gemietet hatte, holperten wir über das Land, durch Dörfer und Tropenwälder, vorbei an Stupas, Reisfeldern und alten Kolonialbauten. Es war in der Woche, in der ich meine Liebe zu Asien entdeckte, und das Regime ein Massaker am eigenen Volk verübte.

Nach einer Nachtfahrt erreichten wir die alte Kaiserstadt Mandalay im Norden, ein damals verschlafener kleiner Ort, in dem jeder zweite Bewohner ein Mönch zu sein schien, als wir zum ersten Mal von den Protesten erfuhren. Die Menschen seien unzufrieden mit der Armut und dem Regime, erklärte unser Fahrer Lathi. Er gehörte zu der muslimischen Minderheit im Land, kaute den ganzen Tag rote Betelnuss und ließ sich durch nichts in seiner guten Laune stören. An diesem Abend wurde er jedoch nervös. In der Innenstadt von Mandalay habe es erneut Demonstrationen gegeben, Tausende seien auf den Straßen, darunter auch Mönche. Zur Sicherheit, sagte Lathi, sollten wir im Hotel bleiben.

Birmas wirtschaftliche Situation war schon damals verheerend. Nach jahrzehntelanger Isolation und Stillstand sah man in den Städten fast nur heruntergekommene Kolonialbauten. Weil das birmanische Geld nichts mehr wert war, akzeptierten Hotels und Geschäfte nur noch Dollar oder Tauschwaren. Die übliche Währung für ein Zimmer waren damals Whisky und Zigaretten der Marke „555“, die mein Vater aus Bangkok mitgebracht hatte. Die Versorgung mit Essen und täglichen Gütern klappte kaum noch. In einem Hotel gab es nur magere Hühnerbeinknochen, die von dem Koch offenbar immer wieder neu frittiert wurden.

Trotzdem war Birma ein Land von geradezu magischer Schönheit. Der Buddhismus und dessen Traditionen schien für die Birmanen ein natürlicher Teil ihres Lebens zu sein. Morgens sah man die Mönche, die Haare kurz rasiert und in rote Roben gehüllt, die mit Holzkörben durch die Straßen gingen, um Essenspenden einzusammeln. In den Pagoden, die strahlend weiß aus den Wäldern leuchten, spielten Kinder. Frauen und Mädchen malten sich Muster aus einer Pflanzenpaste auf die Backen, zur Verschönerung und gegen die Sonne.

Die politische Situation spitzte sich schnell zu. Weil überall im Land die Menschen gegen das Regime demonstrierten, mussten wir Hals über Kopf mit der Eisenbahn in die Hauptstadt Rangun zurückreisen. Der Zug, der wie nahezu die gesamte Infrastruktur noch von den Briten stammte, rollte kaum schneller als ein Fahrrad. Auf halben Weg verrammelten die Angestellten plötzlich die Holzläden vor den Fenstern. Demonstranten hatten den Zug umstellt, weil sie darin Regierungskader vermuteten. Minutenlang prasselten Steine gegen unser Abteil. Den Rest der Fahrt saßen wir im Dunkeln.

In Rangun herrschte Ausnahmezustand. Vor dem Strandhotel, wo einst der berühmte Rudyard Kipling nächtigte, sahen wir Panzer und Militärlaster vorbeifahren. Die Soldaten auf den Lastern hatten ihre Gewehre im Anschlag. In der Nacht hörten wir Schüsse. Ein junger Schweizer, der mit seiner Kamera losgezogen war, berichtete von haufenweise Leichen vor den Krankenhäusern. Das Regime hatte dem Militär den Schießbefehl gegen das Volk gegeben.

Am nächsten Tag war der Flughafen bereits abgeriegelt. Die deutsche Botschaft hatte ein Auto geschickt, um uns an den Kontrollpunkten der Soldaten vorbeizuschleusen. Auf den Straßen war es gespenstisch leer. Im Flughafengebäude herrschte Chaos. Wohlhabende Birmanen und Hochgestellte im Land versuchten ihre Familien außer Landes zu bringen. Mit den restlichen Whiskyflaschen gelang es meinem Vater, Plätze auf der letzten Maschine aus dem Land zu ergattern.

In Bangkok empfing uns bei der Ankunft das Blitzlichtgewitter der internationalen Presse. Erst viel später erfuhr ich, dass während unserer Reise durch Birma bis zu 3000 Menschen von den Soldaten ermordet wurden.

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