Meinung : Erinnerungen an einen Krieg

Israelische Soldaten erzählen über ihren Gaza-Einsatz – ein Mythos gerät ins Wanken

Malte Lehming

Das Leid, das man anderen zufügt, wiegt schwerer als das, das man selbst erleidet. Soldaten der israelischen Armee haben über den Gazakrieg schreckliche Dinge zu Protokoll gegeben. Zivilisten seien gezielt getötet, Häuser mutwillig zerstört worden, die Kampftruppen hätten sich offenbar ermächtigt gefühlt, „schrankenlose Gewalt gegen Palästinenser einzusetzen“. Es sind schockierende Berichte, zumal in einem Land, das sich rühmt, extrem hohe ethische Standards im Militär zu befolgen.

Natürlich muss man Einwände berücksichtigen, die in solchen Fällen als mildernde Umstände angeführt werden: 1. Es sind Zeugenaussagen, bewiesen ist (noch) nichts. 2. Die Hamas verbarrikadiert sich hinter Zivilisten und setzt auch Frauen als Selbstmordattentäter ein. 3. Israelische Soldaten mussten alles tun, um nicht als Geisel genommen zu werden. 4. Bei einem Haus-zu-Haus-Krieg, zumal in dicht bewohnten Gebieten, lassen sich Ziviltote nicht vermeiden. 5. Die Hamas weiß, dass Geschichten über Israelis, die Palästinenser brutal töten, eine noch wirksamere Waffe im Kampf gegen Israel sind als von ihnen selbst brutal getötete Israelis. 6. Es mag einige bedauerliche Aktionen israelischer Soldaten gegeben haben, aber erstens stehen sie nicht für die gesamte Armee, und zweitens zeigt die offene Aufarbeitung solcher Skandale, dass Israel trotz allem die einzige Demokratie im Nahen Osten ist.

Das alles ist wahr, aber es entkräftet nicht den Hauptverdacht. Die absichtliche Tötung Unschuldiger in einem Krieg ist Mord. Unschuldig ist jeder, von dem keine Gefahr ausgeht. Absichtlich geschieht die Tötung dann, wenn sie genau diesem Menschen galt (unter bestimmten Umständen darf der Tod Unschuldiger als Folge einer anderen notwendigen Tat in Kauf genommen werden). Sollte es Indizien geben, dass israelische Soldaten im Gazakrieg gemordet haben, muss dies unverzüglich untersucht und gegebenenfalls als Kriegsverbrechen bestraft werden. Sollten Vorgesetzte das Mordverbot gelockert haben (ob aus Hassgefühlen heraus oder in der Hoffnung auf eine größere Abschreckungswirkung), muss dies ebenfalls geahndet werden. Nicht allein bessere Waffen garantieren das Überleben Israels in dieser Region, sondern vor allem jene Moral, die jetzt in ihren Grundfesten erschüttert scheint.

Im Nahen Osten leben zwei Völker auf engstem Raum, die beide davon überzeugt sind, die rechtmäßigen Bewohner zu sein. Deshalb befinden sie sich seit Jahrzehnten in einer Art Kriegszustand. Allein die Dauer dieses Zustands korrumpiert die Gesellschaften. Wer glaubt, den Kriegszustand perpetuieren zu können, ohne selbst zu verrohen, betrügt sich und andere.

Jeschajahu Leibowitz, der Anfang des letzten Jahrhunderts in Berlin studiert hatte und dann nach Palästina auswanderte, war Philosoph, Mediziner und Naturwissenschaftler. Bis ins hohe Alter unterrichtete er an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Leibowitz war das Gewissen Israels. Nach dem Sieg im Sechstagekrieg mochte er allerdings in den Jubel nicht einstimmen. Am siebten Tag des Krieges, warnte er, habe sich das jüdische Gemeinwesen in eine Besatzungsmacht verwandelt. Besatzung aber sei ein Fluch – mehr noch für die Besatzer als für die Besetzten. Und seine Zuhörer fragte er oft: „Was war die große Tat von Charles de Gaulle? – Er befreite sein Volk von der Herrschaft über ein anderes und zog die Franzosen aus Algerien ab.“

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