Meinung : Ernten, ohne zu säen

Die deutsche Wirtschaft wächst – das Risiko für die Konjunktur auch

Ursula Weidenfeld

Chapeau, das ist schon eine Leistung: Die Mehrheitsmeinung der deutschen Wirtschaftswissenschaftler zu widerlegen – und ganz ehrlich gesagt, die Mehrheitsmeinung der Wirtschaftsjournalisten dazu – das ist nicht schlecht. Angela Merkel und Franz Müntefering haben es geschafft. Die deutsche Wirtschaft wächst so robust, dass die Konjunktur womöglich auch die angekündigte Mehrwertsteuererhöhung ohne allzu große Blessuren überstehen wird. Das war Anfang des Jahres, als die Beschlüsse gefasst wurden, nicht zu erwarten.

Es war ein Glücksspiel auf hohem Niveau. Es sieht alles danach aus, als hätte die große Koalition auf die richtige Karte gesetzt. Dass die Superökonomen in der Bundesregierung jetzt aber übermütig werden und die Wachstumserwartungen für das kommende Jahr deutlich nach oben setzen – das ist kühn. Bisher haben sie Glück gehabt, aber von jetzt an gelten andere Gesetze.

Im kommenden Jahr wird niemand mehr überrascht sein, wenn das Wachstum hält, was es in diesem Jahr verspricht. Im Gegenteil, es wird schwieriger: Die Weltkonjunktur flacht deutlich ab, die USA sind als Wachstumslokomotive schon in den vergangenen Monaten ausgefallen. Der Euro steigt, der Dollar fällt: Für die Exportwirtschaft wird es nicht leichter, ihre Ware ins Ausland zu verkaufen.

Dazu kommt: Die Arbeitnehmer haben zu Recht hohe Erwartungen an die kommende Lohnrunde. Sie wollen endlich eine Belohnung dafür, dass sie in den vergangenen Jahren Zurückhaltung geübt haben. Sie verlangen nun auch ihren Anteil am Aufschwung – und eine kleine Kompensation für die happige Steuer- und Abgabenerhöhung zu Jahresbeginn.

Was aus Sicht der Beschäftigten mehr als verständlich ist, stellt sich in der volkswirtschaftlichen Gesamtschau anders dar: Schon sorgt sich die Europäische Zentralbank EZB wegen möglicherweise zu hoher Lohnabschlüsse. Das ist keine Verbalroutine, sondern eine ernst gemeinte Warnung: Wenn hohe Lohnabschlüsse in der größten Volkswirtschaft des europäischen Währungsraums zu Preiserhöhungen und damit zu mehr Inflation führen, müsste die EZB die Zinsen weiter erhöhen. Das würde das ohnehin verlangsamte Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr zusätzlich bremsen.

Was dann passieren kann, hat sich Mitte der 90er Jahre schon einmal ereignet. Nach einer harten Lohnrunde erhöhte damals die Bundesbank die Zinsen. Die D-Mark stieg rasant an, Deutschlands Wirtschaft rutschte in eine dramatische vierjährige Wachstumsschwäche, aus der sie sich erst 1999/2000 vorübergehend lösen konnte.

Es ist kein Wunder, dass die Sorgen über die weitere wirtschaftliche Entwicklung zunehmen. Angela Merkel und Franz Müntefering haben in diesem Jahr geerntet, ohne gesät zu haben. Wenn ihnen das noch einmal gelänge, wäre das ein kleines Wirtschaftswunder.

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