Meinung : Erpressung und Presse

Sensationslust, Mitgefühl, Ohnmacht: Zum Umgang mit Entführungen

Rüdiger Schaper

Mit wenigen, trockenen Sätzen hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern zur Entführung der Leipziger Techniker Thomas Nitzschke und René Bräunlich im Irak geäußert. Dabei war die Betroffenheit der Regierungschefin nicht zu übersehen. In wenigen Wochen ist das – nach Susanne Osthoff und der Familie Chrobog – das dritte Mal, dass deutsche Staatsbürger verschleppt wurden. Zweimal ist das Drama glimpflich ausgegangen; und viele Fragen blieben offen.

Hat die Öffentlichkeit ein Recht zu erfahren, wie der Krisenstab arbeitet? Wer die Entführer sind? Auf welchen Wegen die Kontaktaufnahme erfolgt? Ob, wie und wie viel Lösegeld gezahlt wird? So lange das Leben der Geiseln in Gefahr ist, lautet die Antwort: nein. Eine Informationspolitik, die einer möglichen Befreiung der Entführten zuwiderläuft, kann man nur verantwortungslos nennen.

Aber es ist nicht Sensationslust allein, wenn Zeitungen und Fernsehsender bei Entführungsfällen recherchieren, spekulieren, Schlagzeilen produzieren. Es ist auch: Mitgefühl.

Die Entführer kalkulieren mit einer teuflischen Dramaturgie. Erst lassen sie eine gewisse Zeit verstreichen, ohne Nachricht, ohne ein Lebenszeichen ihrer Opfer. Dann taucht ein Video auf, in dem die Verbrecher ihre Geiseln vorführen – und die Waffen zeigen. Nach Lage der Dinge muss man noch froh sein, wenn überhaupt eines dieser Horrorvideos bei Al Dschasira gesendet wird. Die Bilder gefesselter, unrasierter, auf den Boden gedrückter Menschen in Todesangst erzeugen ohnmächtige Wut, nacktes Entsetzen. Sie nehmen den Betrachter bildlich gefangen. Es ist ein abscheuliches Ritual, man kann sich nicht entziehen. Wer einen Gott hat, mag für die Geiseln beten.

Denn nicht alle kommen frei. Auch daran muss man jetzt denken. Werden – unerfüllbare – politische Forderungen von den Erpressern gestellt, hilft vielleicht auch kein Lösegeld. Deutschland hat keine Truppen im Irak. Aber die Bundesrepublik bildet irakische Polizisten aus, und deutsche Firmen beteiligen sich am Wiederaufbau des besetzten Landes, dessen Befreiung vom Regime Saddams Zivilisten und Soldaten Tag für Tag teurer zu stehen kommt.

Ist es hartherzig, wenn man darauf hinweist, dass die irakische Entführungsindustrie auch die so genannten Aufständischen finanziert? So funktioniert es seit Jahrzehnten in Kolumbien. Dort sind jährlich 3000 Entführungen zu beklagen, und auch dort führen die Kidnapper Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Und sie holen sich Ausländer – weil sie Dollars brauchen für ihre Privatarmeen.

Also keine Lösegeldzahlungen mehr? Das kann kein Mensch aus sicherer Entfernung ernstlich verlangen. Eine andere Frage ist, ob jetzt die Firma der entführten Deutschen an den Kosten ihrer Rettung beteiligt wird. Man kann das bejahen. Aber es ändert nichts an dem furchtbaren Dilemma: Entführung ist schlimmste Folter. Und Gleichgültigkeit kann ebenso tödlich sein wie krisenhafter Aktionismus.

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