Meinung : Erst Saddam, dann Arafat, dann Frieden?

Das israelische Militär überschätzt die Wirkung eines Irak-Krieges auf den Nahostkonflikt

Clemens Wergin

Militärs gelten gemeinhin nicht als Träumer. Besonders dann nicht, wenn sie gerade in einen Krieg verwickelt sind. Und doch haben die israelischen Militärs einen Traum. Sie nennen es Sicherheitsanalyse. Und die geht so: Wenn es zu einem Krieg gegen den Irak kommt, verliert Palästinenserführer Jassir Arafat endgültig jegliche Unterstützung zu Hause und in der arabischen Welt. Mit einem kaltgestellten Arafat wird es innerhalb weniger Wochen zu einem Waffenstillstand zwischen den palästinensischen Terror-Organisationen und Israel kommen. Folgen wird ein Annäherungsprozess, der zu einer wirtschaftlichen Erholung in den besetzten Gebieten und Israel führen könnte.

Die Entwicklungen dieser Tage scheinen der Prognose Recht zu geben: Mit Abu Masen hat Arafat jetzt einen Premierminister vorgeschlagen, der nicht nur einer der schärfsten Kritiker der „militärischen Intifada“ ist, sondern Arafat tatsächlich einmal ersetzen könnte. Schließlich gehört er mit zur legendären Gründergeneration der PLO und genießt die Unterstützung vieler Funktionäre von Arafats Fatah-Bewegung.

Der Rest der Gleichung wird aber so nicht aufgehen. Denn Arafat ist nur ein Teil des Problems. Dass er der alleinige Herr der Terrors wäre, ist eine von der israelischen Regierung immer wieder verbreitete Behauptung. Doch auch wenn es genug Belege für eine Verstrickung Arafats gibt, so können er und sein Zirkel allenfalls eine Ausdehnung oder eine gewisse Beruhigung des Terrors bewirken. Gerade die islamistischen Organisationen Hamas und Islamischer Dschihad entziehen sich seiner Steuerung.

Ein Irak-Krieg könnte die Lage in Israel höchstens indirekt verbessern. Weil Syrien und der Iran sich bei der Unterstützung von Terroristen stärker zurückhalten müssen, wenn die Amerikaner sich vor ihrer Haustür einrichten. Und vielleicht könnten die Geldströme zur Hamas besser unterbunden werden, die sich mit ihrer Sozialarbeit etwa im Gaza-Streifen Popularität erworben haben.

Aber auch das von den Kriegsgegnern prophezeite Anschwellen des Terrors gegen Israel dürfte ausbleiben. Die palästinensischen Terroristen schmeißen jetzt schon alles in diese Schlacht, was sie zur Verfügung haben. Den Israelis gelingt es immer öfter, Anschläge zu vereiteln, weil die Attentäter nicht mehr intensiv auf ihre Missionen vorbereitet werden können. Und weil die Infrastruktur des Terrors unter dem beständigen israelischen Druck leidet.

Die israelische Theorie vom großen Wurfwird wohl ein Traum bleiben. Die Terror-Organisationen mögen langfristig durch ein amerikanisches Engagement im Irak geschwächt werden. Ihren Rückhalt in der palästinensischen Bevölkerung werden sie aber nur dann verlieren, wenn Israel ein glaubwürdiges Angebot macht. Auch ein Irak-Krieg würde Ariel Scharon also nicht aus der Pflicht entlassen, neben militärischer Härte auch politischen Mut zu beweisen.

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