Meinung : Erst stirbt der Wal …

… und dann das Meer: Weltweit werden Ozeanbewohner immer ungehemmter gejagt

Dagmar Dehmer

Der Walschutz hat einen Rückschlag erlitten. Bei der Jahrestagung der Internationalen Walfangkommission (IWC) ist es Japan gelungen, eine Mehrheit gegen das seit 1986 geltende Walfangverbot zu organisieren. Jahrelang hatte Tokio versucht, das Stimmenverhältnis durch den gezielten Einsatz von Entwicklungshilfe in Staaten der Karibik, des Pazifiks und Afrikas zu seinen Gunsten zu verändern. Jetzt hat es für eine knappe Mehrheit von einer Stimme gereicht.

Damit kann zwar das Moratorium nicht beendet werden – dafür bräuchte Japan eine Dreiviertelmehrheit. Aber es ist nun fast unmöglich, Mehrheiten für neue Walschutzgebiete zu bekommen. Die Folgen sind fatal. Denn nicht nur die Jagd setzt den Meeressäugern zu. Japan und Island unterlaufen das Walfangverbot unter dem Deckmantel der Wissenschaft, Norwegen erkennt das Moratorium nicht an. Seit dessen Inkrafttreten sind mehr als 27 000 Großwale erlegt worden. Außerdem verenden Delfine, Schweinswale und große Pottwale in den Netzen der Fischfangflotten – als Beifang. Die Umweltorganisation WWF schätzt, dass jedes Jahr rund 300 000 Tiere auf diese Weise ihr Leben verlieren.

Kein Wunder, dass viele Arten sich trotz des Moratoriums kaum oder gar nicht erholt haben. Wale reproduzieren sich sehr langsam. Blauwale, von denen es höchstens noch ein- bis zweitausend gibt, werden frühestens im Alter von sechs Jahren geschlechtsreif. Sie legen Wanderungen um den halben Erdball zurück. Es ist für sie schwierig, einen Partner zu finden. Doch weil es nur noch so wenige sind, pflanzen sich die Tiere kaum noch fort. Und da sie am Ende der Nahrungskette stehen, reichern sich in ihrem Fett Gifte und Schwermetalle an, die ihre Fortpflanzungsfähigkeit weiter beeinträchtigen.

Damit geht es den Walen wie vielen anderen Meeresbewohnern. Sie sind im 20. Jahrhundert gnadenlos gejagt worden, bis selbst die IWC begriff, dass sie nur so lange Fangquoten festlegen kann, solange es noch Wale gibt. Dasselbe passiert mit nahezu sämtlichen Großfischen wie Kabeljau, Thunfisch, Schwertfisch oder Marlin. Auch diese Arten sind um bis zu 90 Prozent dezimiert worden. Doch für sie gibt es gar keinen Schutz. Die See ist ein nahezu rechtsfreier Raum. Es wird nach Öl gebohrt, Giftmüll abgeladen, sie wird ohne Rücksicht leer gefischt. Bis heute gibt es kein internationales Abkommen, das diese Ausbeutung einschränkt oder beendet.

Es geht beim Walschutz nicht mehr allein darum, besonders sympathische Ozeanbewohner zu retten. Es geht um das Ökosystem Meer. Und es geht um die Welternährung. In vielen Ländern bieten Fische das einzige erreichbare Protein. Wenn viel zu große Fangflotten – auch der Europäischen Union – vor Westafrika alles Leben aus dem Meer herausziehen, bleibt für die lokalen Fischer nichts mehr übrig. Die EU hat ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn sie sich zwar für den Walschutz einsetzt, aber nicht erkennt, dass sie mit ihren riesigen Fangflotten Menschen und den Walen ihre Existenzgrundlage raubt.

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