Meinung : Erst wägen, dann wagen

Zur Diskussion über das Kopftuch in der Schule

Tissy Bruns

Erziehung ist Vorbild, sonst nichts. Leicht gesagt. Vorbilder sind aus der Mode gekommen; zumal gegenüber Kindern mag niemand sich recht anmaßen, maßgebend zu sein. Äußere Zeichen von Autorität sind verbannt aus der Erziehung. Eltern, ob sie wollen oder nicht, sind trotzdem Vorbilder. Lehrer und Erzieher auch.

Bis jetzt ist nicht zu überblicken, wie der Streit um das Kopftuch, den das Bundesverfassungsgericht nicht selbst entscheiden wollte, in Berlin und anderen Bundesländern ausgehen wird. Ein Verdienst darf man ihm jetzt schon zuschreiben. Die Bedeutung der Vorbilder in der Erziehung kann nicht mehr verdrängt werden – Ergebnis der Zuwanderung, die muslimische Frauen nach Deutschland gebracht hat, die sich mit einem äußerlichen Zeichen bekennen, ob nun religiös, fundamentalistisch, freiwillig, taktisch oder gezwungen. Aus den höchst unterschiedlichen Motiven der Kopftuchträgerinnen kann man vieles ableiten; die Antwort auf die Frage, ob Lehrerinnen im Staatsdienst es tragen dürfen, allerdings nicht. Denn so verschieden die Beweggründe sein können, so unbestreitbar eindeutig ist das Kopftuch ein Zeichen, ein Symbol, das seiner Umgebung etwas sagt. Das liegt nicht am Kopftuch allein, sondern auch daran, dass es hierzulande in einer Umgebung auftritt, die egalitär geworden ist. Die allenfalls Moden, nicht aber Standesunterschiede oder Gesinnungen äußerlich kenntlich macht. Der Lehrer kommt in Cordhosen und Pullover. Busfahrer und Polizist verströmen ungefähr gleich viel Macht, denn ihre Uniformen geben sich betont zivil. Der Pfarrer geht im Talar nicht einkaufen, und noch nicht einmal zum Religionsunterricht. Der Spitzenpolitiker trägt besseren Stoff, aber keinen anderen Anzug als der Bankangestellte. Symbole der staatlichen Macht sind personenferne Fahnen oder Adler, kein Zepter, Knüppel oder Orden zeichnet den Staatsbeamten im Alltag vor dem Bürger aus. In dieser Umgebung ist das Kopftuch ein starkes Bild.

Als naiv haben drei Berliner Abgeordnete die überparteiliche Frauen-Initiative gegen ein Kopftuchverbot kritisiert, die kürzlich von Marieluise Beck, Barbara John und Rita Süssmuth unterzeichnet worden ist. Beck, John und Süssmuth plädieren für einen differenzierten Umgang mit dem Lehrerinnen-Kopftuch – mit Blick auf Integration und Emanzipation. Das Kopftuch werde von Islamisten als politisches Kampfsymbol missbraucht, argumentieren dagegen die muslimischen Parlamentarierinnen aus Berlin. Sie sprechen sich für ein striktes Verbot im Staatsdienst und vor allem an Schulen aus – mit Blick auf die Schülerinnen und Schüler. Ein nützlicher Streit. Denn er macht deutlich, dass bei diesem Thema keine Lösung gefunden werden kann, die niemanden etwas kostet. Es muss abgewogen werden, worum es in erster Linie geht: um die Lehrerin oder um die Schüler.

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