Meinung : Erziehung beginnt zu Hause Von Ursula Weidenfeld

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In Thüringen bekommen Eltern kleiner Kinder Betreuungsgeld. Betreuen sie die Kinder selbst, können sie das Geld behalten. Nutzen sie einen Krippenplatz, müssen sie den Zuschuss weitergeben. Das Resultat: Mehr Eltern betreuen ihre Kinder jetzt lieber zu Hause. Das finden moderne Politiker schlecht. Sie sagen es nicht laut, aber sie meinen: Eltern, die selbst nicht gebildet oder arbeitslos sind, verweigern ihren Kindern die optimale Betreuung.

Das ist Nebelkerzenwerferei. Denn aufgeklärte Jamaica-Christdemokraten wie Friedbert Pflüger können zwar sicher sein, für diese Position viel Applaus zu bekommen. Doch sie verschleiern damit nur, dass sie es keineswegs allen Eltern überlassen wollen, die beste Betreuung für ihre Kinder auszusuchen. So wertfrei mag es die moderne CDU dann doch nicht. Deshalb setzt sie jetzt auf ein Gutscheinsystem. Eltern bekommen einen Gutschein für Kinderbetreuung, statt Geld wie in Thüringen. Ob sie den Bon bei einer Tagesmutter, einer Musikschule oder einer Krippe einlösen, bleibt ihnen überlassen. Fair wäre diese Art der Förderung aber nur, wenn das Guthaben auch ausgezahlt würde. Dass nämlich in Westdeutschland die Kleinkinderbetreuung zum großen Teil nicht über Geld, sondern über Eltern und Großeltern organisiert wird, darf nicht bestraft werden.

Gäbe es eine nur annähernd objektive Schätzung des tatsächlichen Bedarfs an Krippenplätzen, so würde man vermutlich feststellen, dass nur in Westdeutschland Betreuungsplätze fehlen. Wie viele? Das Beispiel Thüringen zeigt, wie stark der Bedarf von der Art der finanziellen Hilfe abhängt. Gäbe es echte Wahlfreiheit, würden sich vermutlich viele Eltern in Ostdeutschland entscheiden, ihre Kinder zu Hause zu betreuen, während mehr Westler einen Krippenplatz brauchen. Sicher wäre es für Eltern mit vielen Kindern und einem relativ schlechten eigenen Einkommen attraktiv, Kinder zu Hause zu erziehen. Wer – wie die Befürworter des Gutscheinsystems – unterstellt, dass hier vor allem Migranten und bildungsferne Familien betroffen sind, mag zwar Recht haben. Doch daraus abzuleiten, dass ein Betreuungsgeld deshalb falsch sei, ist diskriminierend. Eltern, die ihre kleinen Kinder zu Hause erziehen wollen, verdienen denselben Respekt dieser Gesellschaft wie die, die ihre Kinder betreuen lassen.

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