Meinung : Erziehung heute: Generation ohne Grenzerfahrung

Wir wissen nicht, welche Probleme Doris Schröder-Köpf mit ihrer Tochter Klara hat. Aber wenn man sich die Äußerungen der First Mother zur Erziehung anschaut, so müssen es Probleme sein, die denen des normalen Elternvolkes recht nahe kommen. Doris Schröder-Köpfs Aufruf zu mehr Strenge bei der Kindererziehung, zu klareren Grenzziehungen im Alltag, hat erstaunliche Resonanz gefunden. Es gibt also etwas zu bereden, etwas ernstes.

Fragen wir zuerst eine Psychoanalytikerin. Sie wird uns von der eklatanten Zunahme narzißtischer Störungen bei jungen Leuten erzählen. Die zeichnen sich dadurch aus, dass sie ein sehr hohes Ich-Ideal haben, das oft stark von der Realität abweicht. Sie halten sich für Genies, ahnen aber, dass sie es nicht sind, und gehen deswegen direkten Auseinandersetzungen und Prüfungen aus dem Weg. Wenn sie dann doch einmal mit ihren Grenzen konfrontiert werden, bricht das überdimensionierte Ich-Ideal zusammen - sie fangen an zu weinen. So etwa berichtet die Analytikerin aus ihrer Praxis.

Fragen wir einen Fußballtrainer, dann wird er berichten, dass es zu wenige Kämpfer gibt. Fragen wir einen Chefredakteur, so wird er erzählen, dass fast alle Volontäre große, künstlerisch ambitonierte Reporter werden wollen. Die Tendenz ist oft dieselbe: Aus einem Mangel an Grenzerfahrung in der Kindheit entsteht eine Mischung aus Größenwahn und Weinerlichkeit.

Der Grund dafür liegt auf der Hand. Noch vor wenigen Jahrzehnten war jedes Kind umgeben von einem cordon autoritaire: Winkte im Bus jemand mit einem Ausweis und rief "kriegsversehrt", sprang man auf. Manche Großeltern rochen streng nach Diktatur. Der Lehrer schlug zuweilen. In der Politik hatte man Typen wie Kurt Georg Kiesinger, die von unten gesehen ziemlich groß wirkten. Der Vater war Vater, nicht: Du, Papps. Und in der Kirche schwebte ein großes schwarzes Über-Ich über den Köpfen der Kleinen. Es ist natürlich sinnlos, sich diesen cordon autoritaire zurückzuwünschen. Erstens hilft das Wünschen hier nichts; und zweitens war es oft furchtbar, man machte vor lauter Grenzen keine Erfahrung.

Heute herrscht das gegenteilige Extrem. Alle Instanzen der Erziehung fliehen vor dieser Aufgabe. Die Kirche ist zumeist butterweich. Großeltern verwöhnen listig: Das Strenge, das macht ihr mal schön. Die Politik wird vom Kanzler - immerhin dem Ehemann der neo-strengen Doris - lässig und verschwommen inszeniert. Während Eltern und Lehrer einander die Schuld geben, wenn es bei den Kindern nicht klappt. Massenflucht aus der Erziehung.

Man kann das verstehen: Es liegt nur wenig Autorität in der Luft. Was die Erziehung für die, die es denn tun müssen, umso schweißtreibender gestaltet. Außerdem kostet sie Zeit, weil man alles erklären muss. Zeit, die haben wir ja ohnehin nie. Und nicht zuletzt die ungeheure Anstrengung, die es bedeutet, Normen aufzustellen, sie zu begründen, sich gar selbst vorbildhaft daran zu halten.

Jede Bequemlichkeit und Feigheit schafft sich ihre Ideologie. Die der Erziehungsflucht lautet: Freiheit, Liberalität, Partnerschaftlichkeit. Ihre Praxis heißt: Verwöhnen, vollstopfen, drumrumreden. Die politische Konsequenz: Keine Kanonisierung der Schullektüre, keine Kopfnoten, kein Religionsunterricht. Das ist alles Gerede. Unsere Kinder brauchen in all der Freiheit, die sie haben, Orientierung und Grenzerfahrung. Sie brauchen Gegenüber, ja, auch mal Gegen, auch mal Über. Sie brauchen Konsequenz statt heute so, morgen so. Pathos statt Pragmatismus. Mehr Köpf, weniger Schröder.

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