Meinung : Erzwungener Exhibitionismus

„Google, Gouda und Godzilla“

von Henryk M. Broder vom 29. August

Ob ich, in meinem Garten hinter zwei Meter hohen Hecken vor fremden Blicken wohl geschützt sonnenbadend, meinen unbekleideten Körper der ganzen Welt zur Schau stelle, möchte ich bitte selbst entscheiden dürfen und nicht den Paparazzi von Google Street View überlassen. Wie wehrt sich eigentlich eine 80-jährige Frau, die weder Internet hat noch es beherrscht, dagegen, dass Google sie morgens beim Öffnen der Fensterläden im Nachthemd fotografiert und das Bild weltweit publiziert? Sie möchte nicht im Nachthemd fotografiert werden. Es widerspricht ihrem Begriff von Würde. Aber sie weiß gar nichts davon.

Leider kann ich mich gegen den Angriff durch Street View auch gar nicht wehren. Denn ein Widerspruch gegen die Veröffentlichung der Bilder meines Anwesens wird seinen Wert vorhersehbar mindern. Und dazu müsste ich der Datenkrake ja auch noch meinen Namen und meine Kontaktdaten preisgeben – um womöglich am Ende in einer Datei von Paranoikern oder „Hysterikern“ weltweit diffamiert zu werden. Aber Google ist auch eine Gesinnungsdiktatur: Street View macht den distanzlosen Exhibitionismus einiger Angehöriger der Facebook- und Twitter-Gemeinde zum obligatorischen Lifestyle für jedermann, zwangsweise und ohne die Möglichkeit der Gegenwehr seitens der Opfer.

Prof. Dr. Jörg Ramseger, Berlin-Dahlem

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