Meinung : Es darf diskriminiert werden

Gerechtigkeit mit Mängeln: Das oberste US-Gericht bestätigt die „affirmative action“

Malte Lehming

Kein Mensch darf diskriminiert werden. Sein Geschlecht, seine Herkunft, Religion oder Rasse gehen nur ihn etwas an. Weder in der Ausbildung noch im Berufsleben dürfen ihm daraus Nachteile entstehen. So die Theorie. Jede Gesellschaft, die menschenrechtliche Prinzipien befolgt, kann sich daran halten. Komplizierter wird es, wenn Geschichte, Vernunft und Moral berücksichtigt werden. Prüfen Sie sich selbst: Bei einem Großunternehmen haben Sie sich um einen hoch dotierten Posten beworben. Den Zuschlag jedoch erhält ein anderer, ein türkischstämmiger Deutscher. Er ist weniger gut qualifiziert als Sie. Die Unternehmensleitung sagt: Wir setzen nicht allein auf Leistung, sondern wollen auch eine multikulturelle Belegschaft. Wir glauben, dass sich das positiv auf das Miteinander in unserem Betrieb auswirkt. Wie reagieren Sie? Verständnisvoll oder wütend?

Das oberste US-Gericht hat am Montag ein Urteil gefällt, das einem Bekenntnis gleichkommt. Es ist ein Bekenntnis zur Einwanderung, Multikulturalität und Integration. Die Bevorzugung von Minderheiten wurde grundsätzlich für rechtens erklärt. Ohne eine gewisse Vielfalt im Erziehungswesen, in der Wirtschaft und im Militär, heißt es in der Begründung, würde eine Führungsschicht entstehen, der es in den Augen der Bevölkerung an Legitimation mangelt. Eine weiße Führungsschicht. Deshalb dürfen Rasse und Herkunft eines Menschen bei seiner Einstellung berücksichtigt werden. In den USA ist diese Praxis seit den 60ern unter dem Begriff „affirmative action" bekannt. Ihr ist das Entstehen einer schwarzen und hispanischen Mittelschicht zu verdanken.

Die affirmative action ist ungerecht. Faktisch wird durch sie die weiße Mehrheit diskriminiert. Außerdem ist sie willkürlich. An vielen Universitäten werden Latinos, Schwarze und Indianer als Minderheiten gezielt gefördert, nicht aber Asiaten und Araber. Drittens ist sie absurd. Die Kinder des schwarzen Basketballers und Multimillionärs Michael Jordan würden durch sie leichter einen Studienplatz bekommen als weiße Kinder aus einer bitterarmen Wohngegend. Viertens ist sie überholt. Sie entstammt einem Amerika, in dem eine große weiße Mehrheit einer kleinen schwarzen Minderheit gegenüberstand, an der sie historisches Unrecht wiedergutmachen wollte. Heute sind die Latinos die größte Minderheit in den USA, in einigen Bundesstaaten bilden die Weißen nicht mehr die Mehrheit. Im multikulturellsten Bundesstaat, dem liberalen Kalifornien, ist die affirmative action deshalb längst abgeschafft. Und fünftens schafft sie psychologische Probleme. Es kann eine Last für einen Studenten sein, nicht aufgrund seiner Leistung, sondern seiner Abstammung ein Stipendium bekommen zu haben. Wenn an deutschen Universitäten eine Professorin ernannt wird, sind die Neider rasch mit dem Titel „Quoten-Frau" zur Hand. Ähnlich abfällige Begriffe kursieren in den USA über Angehörige von Minderheiten, die Erfolg haben.

All diese Einwände musste das wahrlich nicht liberale Gericht in Washington berücksichtigen. Dass es die affirmative action trotzdem im Grundsatz bejahte, wiegt besonders schwer. Übersetzt heißt das Urteil: Eine Gesellschaft muss manchmal kleine Ungerechtigkeiten erdulden, wenn dies der einzige Weg ist, eine große Gerechtigkeit zu schaffen. Das Gericht hat gesellschaftspolitischen Pragmatismus vor menschenrechtliche Prinzipien gesetzt. Es hat Gemeinschaftssinn bewiesen. Die affirmative action hat sich bewährt. Sie bleibt notwendig – bis auf weiteres. Hoffentlich nicht mehr in 20 Jahren.

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