Meinung : Es fehlen nur noch 60 Kilo

Der Iran arbeitet weiter an der Atombombe. Daran wird auch der neue Präsident Rohani nichts ändern. Und dann beginnt das Horrorszenario.

Werner Sonne
Karikatur: Klaus Stuttmann
Karikatur: Klaus StuttmannFoto: WDR/Herby Sachs,WDR/Herby Sachs

Es war einmal ein Staat im Morgenland, der fühlte sich von seinen Nachbarn bedroht. Und als das Land dann tatsächlich in einen schrecklichen Krieg verwickelt wurde, da begann es zu überlegen, was wohl die beste Abschreckung wäre, damit sich das nicht wiederholt. So kamen die Anführer auf die mächtigste Waffe, die es gibt, die Atombombe. Natürlich sollte die Welt davon nichts wissen, denn die Bombe war ja verpönt – obwohl, andere hatten sie schließlich auch. Und so sprach man konsequent von einem nur ganz friedlichen Programm.

Nein, die Rede ist nicht von Israel. Aber der Staat der Juden könnte als Vorbild herhalten, wie man die Welt an der Nase herumführt. Denn Israel begann bereits in den 50er Jahren mit seinem Atomprogramm, das immer nur ein Ziel hatte: die Atombombe. Erst behaupteten die Israelis, man baue in der Negev-Wüste eine Textilfabrik, dann ging es um ein friedliches Atomprogramm, um die Wüste zu bewässern. Und bis heute bestreitet Israel, eine Atommacht zu sein. Deshalb braucht Israel, so die Logik in Jerusalem, auch dem Atomsperrvertrag nicht beizutreten. Wo nichts ist, ist ja auch nichts zu kontrollieren.

Wenn die Iraner also ein Vorbild brauchten, wie man so was macht, dann ist es ausgerechnet Israel. Schon nach dem blutigen Krieg (zwischen 1980 bis 1988 mit mindestens 500 000 Toten) mit dem Nachbarn Irak, der ebenfalls nach der Atombombe strebte (und von den Israelis mit einer spektakulären Bombardierung des Reaktors daran gehindert wurde), beschloss Teheran sein Atomprogramm – und es hatte, daran kann es kaum Zweifel geben, schon in seinem frühen Stadium das eindeutige Ziel, zur Abschreckung eine eigene Atomstreitmacht aufzubauen. Aus der Sicht der Mullahs stellte sich die Lage so dar: Der Iran wird von den Atommächten China, Russland, Pakistan, Indien und Israel umgeben – und vor der Haustür, in der Türkei, lagern US-Atomwaffen.

Schon 1986 verkaufte ein Mann sein Wissen an den Iran, der in Berlin an der Technischen Universität seine ersten Schritte als junger Wissenschaftler tat und zum „Vater der Bombe“ in seinem Heimatland Pakistan aufstieg: Abdul Quader Khan, der danach als Händler des Todes seine Kenntnisse an Nordkorea und dann an Teheran weitergab. Das war der Startschuss, und bald beobachtete Anfang der 90er Jahre der Bundesnachrichtendienst (BND) erste verdächtige Einkäufe auf dem Weltmarkt, über Scheinfirmen auch in Deutschland, die nur einen Schluss zuließen: Der Iran machte sich daran, eine Atombombe zu bauen.

Der Mossad verfolgte auch die Aktivitäten russischer Experten, die nach dem Zerfall der Sowjetunion nun dem Iran sowohl bei seinem Atomprogramm als auch bei der Weiterentwicklung der Scud-B-Raketen halfen. Mitte der 90er Jahre fiel dem Mossad eine Konstruktionszeichnung für einen Gefechtskopf für die Shahab-3-Rakete in die Hände, der eigentlich nur einen Zweck haben konnte: die Aufnahme eines nuklearen Sprengsatzes. Damit schloss sich der Kreis. Wer eine Atommacht werden will, braucht nicht nur einen Sprengkopf, sondern auch eine Trägerwaffe, und auch daran arbeitete der Iran ganz offensichtlich schon zu diesem Zeitpunkt. Bis heute ist die Shahab-3-Rakete Irans mögliche atomare Trägerwaffe mit einer Reichweite, die alle Ziele im Nahen Osten treffen kann. Die Arbeiten an Raketen mit noch größerer Reichweite laufen.

Mosche Jaalon, damals Chef des militärischen Geheimdienstes und heute Israels Verteidigungsminister, erzählte, wie er in geheimer Mission nach Moskau reiste und versuchte, seinen Counterpart Jewgeni Primakow, Chef des KGB-Nachfolgedienstes SWR, zu drängen, die russischen Techniker abzuziehen. Doch Primakow ließ ihn abblitzen. So erging es auch deutschen Geheimdienstexperten, die ohne Ergebnis aus Moskau zurückkehrten. Aus der Hinterlassenschaft des Sowjetreiches stammte auch der ukrainische Atomwissenschaftler Wjatescheslaw Danilenko, der bereits 1996 in die Dienste der Iraner trat, für sie eine Detonationskammer baute und seinen iranischen Kollegen beibrachte, wie man mit zwei statt mit 32 Zündern für einen Atomsprengkopf auskommt.

Neben dem ganz offiziellen Bau des zivilen Atommeilers in Buschehr zeigte sich hier also schon früh eine Komplizenschaft Russlands, das erst Ende der 90er Jahre auf internationalen Druck reagierte. Doch da waren die Grundlagen für das Streben nach der Bombe längst gelegt, wie eine spektakuläre Entdeckung 2002 endgültig offenbarte: Die iranische Oppositionsgruppe MKO lenkte die Aufmerksamkeit auf den eigentlichen, bis dahin unbekannten Kern des Atomprogramms, die Urananreicherungsanlage in Natanz, rund 250 Kilometer südlich von Teheran. Auch hier hatten die Iraner vom Verhalten der Israelis gelernt, die im Irak das atomare Streben mit einem Luftschlag beendet hatten. In Natanz entstanden Bunkeranlagen, tief unter der Erde angelegt, um sie vor Luftangriffen zu schützen– für ein rein ziviles Programm wohl kaum notwendig.

Doch dann erfand nach dem 11. September 2001 George W. Bush die „Achse des Bösen“ und zählte dazu auch den Iran. Und als die Amerikaner ernst machten und Saddam Husseins Herrschaft im Irak brachen, blieb das auch in Teheran nicht ohne Eindruck. Die US-Geheimdienste kamen zu dem Schluss, dass der Iran 2003 sein Ziel, eine Atomwaffe zu entwickeln, aufgegeben habe. Ein leichtfertiger Wunschtraum verunsicherter US- Geheimdienstler, die noch unter dem Trauma litten, im Irak Massenvernichtungswaffen entdeckt zu haben, die es nicht gab. Die Iraner erkannten schnell, dass die USA tief im irakischen Nachkriegsmorast steckten und auch in Afghanistan nicht richtig vorankamen. Spätestens ab 2005/2006, da waren sich zumindest Mossad und BND einig, ging das iranische Atomprogramm weiter. Bald begann auch der geheime Kampf mit Sabotage, Mord, Anschlägen und Cyberwar.

2003 hatte Libyens Diktator Muammar al Gaddafi seine nuklearen Ambitionen tatsächlich aufgegeben, der Preis für seine Annäherung an den Westen. Und plötzlich hatten Amerikaner und Israelis Zugang zu der Technologie seiner Zentrifugen. Und sie nutzten die Chance: Der Computerwurm Stuxnet entstand. Ziel war es, in das Siemens- Steuerungsprogramm für die iranischen Zentrifugen einzudringen und sie so aus dem Takt zu bringen, dass die iranischen Wissenschaftler die Fehlsteuerung nicht merkten. Das hat eine Weile funktioniert. Gleichzeitig begannen die Mordanschläge gegen iranische Atomwissenschaftler. Eine große Raketenbasis der Revolutionsgarden in der Nähe von Teheran flog in die Luft, unter den Opfern auch der Chef des Raketenprogramms, Brigadegeneral Hassan Moghaddam. All das hat das iranische Atomprogramm verzögert, beendet wurde es dadurch nicht – im Gegenteil. Die Iraner legten bei der Geschwindigkeit der Urananreicherung zu.

Israel zog daraus die Konsequenz, die bis heute der Albtraum der Weltgemeinschaft ist: die militärische Option. Jahrelang trainierte die israelische Luftwaffe für diesen Moment. Verteidigungsminister Ehud Barak begann zum Jahresbeginn 2012, die Welt auf diesen Angriff vorzubereiten. Er sprach von der „immunity zone“, die der Iran nicht erreichen dürfe, den Zeitpunkt, an dem es für einen Angriff zu spät sein würde. Das war nicht nur ein Krieg der Worte, im Sommer wollten Barak und Premierminister Netanjahu zuschlagen. Im März kam Barak auch nach Berlin, Verteidigungsminister Thomas de Maizière warnte ihn vor laufenden Kameras vor einem solchen Schlag – was ihn aber nicht davon abhielt, noch am nächsten Tag die Lieferung des sechsten deutschen Dolphin-U-Bootes unterschreiben zu lassen, das Israel für seine atomare Abschreckungsflotte braucht. Als die Angriffsabsichten immer deutlicher wurden, griff auch Angela Merkel zum Telefon und beschwor Netanjahu, auf den Angriff zu verzichten.

Verhindert wurde er freilich auf Druck des Wahlkämpfers Barack Obama, der einem kriegsmüden Amerika keinen weiteren Krieg zumuten wollte, und einer starken Allianz im eigenen Lager. Angeführt wurde der Widerstand vom greisen Staatspräsidenten Shimon Peres und unterstützt von einer beeindruckenden Phalanx ehemaliger Geheimdienstchefs und Generale, Netanjahu war gezwungen, den Luftschlag abzublasen. Aufgeschoben, nicht aufgehoben – so die Lesart weiterhin in Jerusalem. Das iranische Atomprogramm geht derweil weiter. Daran haben weder die IAEA noch die internationale Geheimdienstgemeinschaft irgendeinen Zweifel.

Über entscheidende Fakten sind sich die Analysten im Prinzip weltweit einig. Danach läuft seit Jahren ein Urananreicherungsprogramm auf 20 Prozent. Für einen herkömmlichen zivilen Reaktor braucht man jedoch nur einen Anreicherungsgrad von 3,75 Prozent. Der Iran begründet die hohe Anreicherung damit, dies für einen Forschungsreaktor zu brauchen, etwa für medizinische Experimente. Schon jetzt aber hat er mehr Material dafür, als er für Jahrzehnte brauchen könnte. Rund 190 Kilogramm stehen zusätzlich bereits jetzt zur Verfügung, und es werden immer mehr. 250 Kilogramm wäre die magische Zahl – daraus könnte man 25 Kilo, auf 90 Prozent hoch angereichertes Uran machen, und das wäre genug für, je nach Größe, mindestens einen atomaren Sprengkopf. Noch bleibt der Iran unter den von vor allem von Israel gesetzten roten Linien. Die Summe der Informationen jedoch fasst der Analytiker eines westlichen Geheimdienstes so zusammen: „Die Arbeiten in allen Bereichen gehen stetig voran.“

Das gilt auch für den Schwerwasserreaktor in Arak, der sich im Bau befindet und über die geplante Plutoniumgewinnung eine zusätzliche Option für ein militärisches Nuklearprogramm verschafft. Ist er erst einmal in Betrieb, was für Ende 2014 angekündigt ist, verbietet sich ein Luftschlag wegen der möglichen verheerenden Explosionsfolgen. Unsicher sind sich die Analytiker in einem wichtigen Punkt: Wie weit sind die technischen Fähigkeiten der Iraner, aus dem angereicherten Material wirklich einen Atomsprengkopf herzustellen?

Hier spielt die geheime Anlage in Parchim offenbar eine wichtige Rolle, ein Dauerzankapfel mit der internationalen Atomkontrollagentur. Die IAEA, in der auch der Iran vertreten ist, kann als die objektivste Institution gelten, aber auch dort reißt langsam der Geduldsfaden. Trotz zehn Verhandlungsrunden seit Januar 2012 stellt die IAEA in ihrer jüngsten Erklärung fest: „Um offen zu sein, seit einiger Zeit drehen wir uns im Kreis.“ Keine wirkliche Aufklärung über den IR-40-Reaktor in Arak, kein Zugang in Parchim, ständige Verstöße gegen Uno-Resolutionen. Immer wieder unterstellt die IAEA militärische Ziele. Sie könne nicht feststellen, dass „alles nukleare Material im Iran friedlichen Aktivitäten“ diene.

Doch sind nicht alle viel zu pessimistisch? Gibt es nicht den überraschenden Hoffnungsträger in Teheran? Einer, der doch als Reformer daherkommt und die Präsidentenwahlen gewonnen hat? Bricht mit Hassan Rohani nicht eine neue Ära an, die auch für das Streben nach der Bombe alles verändern könnte? Die Antwort ist fast einmütig. Sie lautet: Nein.

Wenig überraschend ist, dass Israels Premierminister gleich auf die Bremse trat. Rohani sei ein „Wolf im Schafsfell“, der „lächle und die Bombe baue“. Aber auch in Berlin und anderen Hauptstädten teilt man im Kern diese Einschätzung. Rohani ist bisher nicht dadurch aufgefallen, sich für ein Ende des Atomprogramms einzusetzen. Nur die schroffe Art der Verhandlungsführung, den Ton, hat er kritisiert. Die Vertreter der internationalen Verhandlungsgruppe haben sich denn auch nur darauf verständigen können, abzuwarten, was der neue Präsident in Teheran sagen wird, wenn er kommende Woche sein Amt antritt. Dabei ist sein Handlungsspielraum ohnehin sehr begrenzt. Die Entscheidungen über das Atomprogramm bleiben auch in Zukunft beim geistigen Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei.

Und für Chamenei komme das militärische Atomprogramm gleich nach dem Erhalt der Macht, analysiert man in Geheimdienstkreisen, und daran werde sich auch nichts ändern. Die scharfen Sanktionen, die die Bevölkerung hart treffen, haben diesen Kurs bisher nicht beeinträchtigt. Und in den westlichen Hauptstädten wächst die Bereitschaft, eine weitere Verschärfung nicht auszuschließen – nicht zuletzt, um am Ende nicht doch vor der Alternative zu stehen, einen Angriff der Israelis zu erleben.

Das Horrorszenario sieht so aus: Der „Breakout point“ wird erreicht, die angereicherte Menge steigt auf 250 Kilo plus, der Iran wirft die Inspekteure der IAEA aus dem Land. Das käme einer Einladung an die Israelis und selbst an die zögerlichen Amerikaner gleich, den Bombern doch den Startbefehl zu geben. Auch wenn allen klar ist, dass dies nur zu einer Verzögerung um wenige Jahre, nicht jedoch zu einer völligen Zerstörung des atomaren Potenzials führen würde.

Noch bleibt zwar die Hoffnung, mit Rohanis Wahl sei ein Wandel nicht ausgeschlossen. Aber die Skepsis überwiegt bei Weitem. Und wenn, so sagt man in der internationalen Geheimdienstcommunity, dieser „Breakout point“ erreicht ist, dann sei es nur noch eine Frage von Wochen, vielleicht Monaten, bis der Iran seine Zentrifugen hochfährt, um in Kürze so viel Material zu haben, dass er sich als Atommacht fühlen kann.

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