Es geht nicht nur um die Athleten : Olympia: Medaillenjäger im Auftrag der Nation

Der Blick auf den Medaillenspiegel sieht sportliche Leistungen durch das nationale Raster und ist deshalb politisch nicht korrekt. Und doch sind die Spiele hoch politisch - zum Nachteil für die individuellen Athleten.

von
Begehrtes Gold. Die Sammlung der Medaillen wird für die teilnehmenden Länder zum wichtigen Maßstab. Foto: dpa
Begehrtes Gold. Die Sammlung der Medaillen wird für die teilnehmenden Länder zum wichtigen Maßstab.Foto: dpa

Der Blick auf den olympischen Medaillenspiegel löst unterschiedliche Reaktionen aus. „Gottes Zuneigung gilt nicht nur Siegerinnen und Siegern“, verkündet der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. „Die Rechnung ist … nicht in Gefahr“, sagt Michael Vesper, der Chef der deutschen Olympia-Mission.

Der Blick auf den Medaillenspiegel sieht sportliche Leistungen durch das nationale Raster und ist deshalb politisch nicht korrekt. Er ist zugleich politisch, weil dieser direkte Vergleich einen großen symbolischen Wert hat. Liegt China am Ende vorn, ist die Ära des Westens vorbei, liegen die USA vorn, wird Barack Obama wiedergewählt. Aus dem Medaillenspiegel lassen sich so schön leicht Urteile über den allgemeinen Zustand des eigenen Landes ableiten. Sieger sind Sieger, Verlierer sind Verlierer.

Dass ein Schwimmer, der seit Jahren in großer Einsamkeit seine Bahnen zieht, in gesellschaftliche Haftung genommen wird von denen, die so rasch enttäuscht auf den Medaillenspiegel blicken, ist ungerecht, aber kaum verwunderlich. Inzwischen wird alles vergemeinschaftet, die Schulden, die Kindererziehung, der Sport. Medaillen gehören also in den Medaillenspiegel, und dort steht dann: Deutschland. Olympische Siege gehören allen, der Sieger muss sich sofort der Öffentlichkeit stellen und sagen, wie es ihm nun geht; der Verlierer darf zurück in seinen verschwitzten Kraftraum. Es geht bei Olympia nicht nur um die Athleten.

Die Spiele sind nicht mehr der antike Wettkampf, bei dem es mitunter um Leben und Tod ging, bei dem allein der Sieg zählte, bei dem Pindar dem Sieger eine Ode widmete. Der antike Olympiasieg war ein Fest des Individualismus, errungen allein, ohne Trainer und ohne Adidas. Das ist er für viele Spitzensportler, die ihr Leben allein nach diesem Ereignis ausrichten, noch immer. Gleichzeitig gibt es inzwischen aber Silber und Bronze, Mannschaften, die miteinander antreten, und reiche Profisportler und Medaillengewinner, die lieber einen Werbevertrag lesen als ein Gedicht von Durs Grünbein, das sie preist.

144 der 391 deutschen Athleten genießen die Sportförderung der Bundeswehr oder Polizei, 130 Millionen gibt das Innenministerium im Jahr für den Sport aus: An Medaillen, die den deutschen Sportlern verliehen oder nicht verliehen werden, hängt eine riesige Infrastruktur, hängen Olympiastützpunkte und Bundesleistungszentren. Spitzensport ist eben auch teuer. Und auch wenn sich Höchstleistung nicht erkaufen lässt, bleibt der Medaillenspiegel ein sinnvolles Instrument der Kontrolle darüber, wie erfolgreich die Funktionäre öffentliches Geld beim Spitzensport einsetzen. Das machte ihr nervöses Warten auf die erste Medaille deutlich. Heute tritt der Sportler nicht mehr alleine an, er ist abhängig von einem System, das von seinem Erfolg abhängt.

„Die Enttäuschungen für die deutschen Schwimmer nehmen kein Ende“, lautet eine Überschrift. Sie stammt von den Olympischen Spielen 2004. Vielleicht sind die Erwartungen an die deutschen Schwimmer einfach zu hoch. Vielleicht hat der viermalige Schwimm-Olympiasieger Roland Matthes recht, der sagt, dass es in Deutschland nicht genügend gute Trainer gibt. Vielleicht ist die Rechnung des Sportfunktionärs Vesper falsch. Der Blick auf den Medaillenspiegel könnte am Ende, wenn nötig, eine Debatte darüber in Gang setzen. Der Sportler weiß auch ohne Medaillenspiegel, wie die Spiele für ihn gelaufen sind.

2 Kommentare

Neuester Kommentar