Meinung : „Es geht nicht nur um Protest“

Kurt Sagatz

Sein Terminplan für das Jahr 2005 wirkt äußerst übersichtlich: Zwei Vorträge im März und einer im April und dann noch vom 27. bis zum 29. Dezember der 22. Chaos Communication Congress in Berlin. Dabei gehört Andy Müller-Maguhn, der Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC), zu den wenigen Mitgliedern des Vereins – dessen Angehörige regen sich besonders auf, wenn von Hackervereinigung geredet wird –, die es geschafft haben, ihre äußerst komplizierten gesellschaftlich- technischen Anliegen so zu formulieren, dass sie von einer breiteren Öffentlichkeit verstanden werden. Außer ihm ist das vor allem Wau Holland gelungen. Der 2001 verstorbene Mitgründer des Clubs hatte in den 80ern durch die Offenlegung von Schwachstellen beim damaligen Btx-Dienst der Bundespost dafür gesorgt, dass auch die Schattenseiten der elektronischen Vernetzung bekannt wurden.

Zwar trug auch Andy Müller-Maguhn seine Abneigung zur Telekom gerne mit provokanten T-Shirt-Logos wie „T-Error“ zur Schau. Anders als Holland war und ist Müller-Maguhn aber in erster Linie ein politisch-motivierter Aktivist. Im Jahr 2000 hatte er es sogar für zwei Jahre zum ehrenamtlichen Direktor der Internetorganisation Icann gebracht – und somit an die Spitze jenes Unternehmens , das unter anderem über die Verteilung des Internet-Adressraums entscheidet. Doch nicht nur er musste erfahren, wie wenig Nichtregierungsorganisationen in der von US-Interessen geprägten Institution ausrichten können. Auch UN-Generalsekretär Kofi Annan scheiterte unlängst daran, die Internetverwaltung zu demokratisieren.

Seit seinem Icann-Ausflug ist es ruhiger um Müller-Maguhn geworden. Als ehrenamtliches Vorstandsmitglied von European Digital Rights kämpft er für die Durchsetzung der Menschenrechte im Digitalzeitalter. Zudem betreibt er in Berlin das „Datenreisebüro“. Dort werden Workshops zu Datenschutz und Datensicherheit veranstaltet. Der größte Workshop ist jedoch der Chaos Communication Congress, der um die Weihnachtstage stattfindet. Rund 3000 Mitglieder des CCC und andere Technikfreaks versammeln sich dann zum fröhlichen Computerwettstreit im Hackcenter. Um brisanten Diskussionsstoff muss sich die Veranstaltung nicht sorgen. Biometrische Reisepässe, Vorratsdatenspeicherung von Telefon- und Internetverbindungen, Funketiketten im Einzelhandel oder die Gesundheitskarte – das Thema Datenschutz ist aktueller denn je.

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