Meinung : Es gibt ein Leben nach der Illusion

Das Jahr 2002 hat den Panarabismus entzaubert

Andrea Nüsse

Das Jahr 2002 ist in der arabisch-islamischen Welt eine Periode des Umbruchs, die sich vom 11. September 2001 bis zum drohenden Irak-Krieg in den kommenden Monaten streckt. Der 11. September hat die USA und damit seine Außenpolitik verändert.

Eines der ersten Opfer der neuen amerikanischen Entschlossenheit, ihre militärische Überlegenheit im Kampf gegen den Terror einzusetzen, ist der panarabische Traum. Zwar hatten sich die meisten arabischen Regime in der Praxis davon schon längst verabschiedet, aber in der Rhetorik wurde die Illusion von einem geeinten, durch Sprache und Kultur verbundenen politischem Raum aufrechterhalten. Den Schleier hat George Bush zerrissen: Entweder man sei für oder gegen die USA – diese Botschaft wurde verstanden, die Regime stellten sich auf die Seite der USA. An die Stelle der Illusion von einer arabischen Solidargemeinschaft ist eine neue Realpolitik getreten, bei der jedes Land seine ureigenen Interessen vertritt. Offensiv verkauft der jordanische König Abdallah diese Wende mit einer groß angelegten Werbekampagne, die den Titel „Jordanien zuerst“ trägt.

Einen bitteren Beigeschmack erhält diese durchaus gesunde Entwicklung dadurch, dass sie aus Ohnmacht erfolgt. Die arabischen Länder, einschließlich der engsten Verbündeten Washingtons in Kairo, Amman und Riad, mussten feststellen, dass sie keinerlei Einfluss auf die US-Politik in der Region haben. Sie hatten nur die Wahl, sich für oder gegen die USA zu entscheiden, für oder gegen den Fluss weiterer Finanzmittel, für oder gegen die Aussicht, bald selbst auf amerikanischen Liste der Schurkenstaaten zu erscheinen. Jeglicher Widerstand gegen einen Irak-Krieg, der von allen arabischen Regierungen mehr als Saddams Regime gefürchtet wird, fiel damit in sich zusammen. Die immer zaghafter vorgetragene Forderung, bei der von Amerika angestrebten Neuordnung der Region vor allem den Hauptkonflikt, das Palästina-Problem, nicht aus den Augen zu verlieren, verhallte ungehört.

Nun fehlt eine neue Sprache, die die panarabischen Parolen ersetzt. Sollen die Menschen in Arabien nicht in völlige Orientierungslosigkeit entlassen werden, müssen die bisher schwach entwickelten Zugehörigkeitsgefühle zum eigenen Staat gefördert werden. Dazu müssten soziale, ethnische und religiöse Differenzen offen angesprochen, Konflikte politisch ausgetragen werden.

So hat das Jahr 2002 auch Ansätze einer kritischen Auseinandersetzung mit dem militanten Islamismus gebracht. Unter Intellektuellen wurde debattiert, aber auch in den islamistischen Bewegungen selber über Methoden und Ziele nachgedacht. Hier gibt es Anzeichen für eine Rückkehr zum ausschließlich politischen Kampf innerhalb der bestehenden Systeme. Erschwert wird diese Entwicklung jedoch dadurch, dass die meisten arabischen Regime den gesellschaftlichen Gruppen kein Mitspracherecht einräumen wollen. Der Aufbau einer neuen Solidargemeinschaft auf der Grundlage des Nationalstaates wird dadurch verhindert.

Ob dennoch etwas Neues erwachsen kann, hängt davon ab, ob arabische Regierungen und Gesellschaften sich ihre Niederlage offen eingestehen können.

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