Meinung : „Es ist eine halbe Welt auf mich eingestürzt“

Friedhard Teuffel

Das Diskuswerfen ist nicht gerade die Hauptattraktion der Leichtathletik, weil sich die Athleten in einem Käfig um sich selbst drehen und mit ihren kräftigen Körpern etwas entfernt sind vom Idealmaß. Franka Dietzsch hat es aber auch als Diskuswerferin geschafft, Liebling der deutschen Leichtathletik zu werden. Von der Weltmeisterschaft aus Helsinki kam sie vor drei Wochen als einzige mit einer Goldmedaille nach Deutschland zurück. Wenn sie nicht weiter trainieren oder arbeiten müsste, wäre jeder Tag für sie seitdem ein Feiertag.

Beim Istaf im Berliner Olympiastadion erhielt sie gestern sogar noch eine Anerkennung, die ihr bei der Weltmeisterschaft verwehrt worden war. Sie durfte eine Ehrenrunde drehen. Auch in Helsinki war das Ende des Diskuswerfens nämlich wieder zwischen Laufwettbewerben untergegangen. In Berlin genoss die 37 Jahre Athletin dafür das Privileg, obwohl sie hinter der Olympiasiegerin Natalia Sadowa aus Russland nur Zweite geworden war. Ihre Konzentration hatte nicht mehr gereicht für den weitesten Wurf. Vor den letzten drei Würfen war sie auch noch in einem Cabriolet ins Stadion gefahren worden.

Der Rummel zeigt, wie groß die Sehnsucht nach Erfolg ist in der olympischen Kernsportart. Die Aufmerksamkeit für Dietzsch ist auch um ein vielfaches höher als nach dem Gewinn ihres ersten Weltmeistertitels 1999 in Sevilla. Ihre Aufgabe als erste Repräsentantin der deutschen Leichtathletik erfüllt Dietzsch mit ihrer natürlichen Ausstrahlung bislang jedoch ausgezeichnet. Dietzsch führt nicht das einseitige Leben einer Spitzensportlerin, die sich nur um ihre Disziplin kümmert und nach ihrem Karriereende als Trainerin im Sport bleibt. „Nur Sport, das würde mich im Kopf nicht genug fordern“, sagt sie. Deshalb arbeitet sie noch bei der Sparkasse in Neubrandenburg.

So hat sie auch nicht den Spaß an ihrer Disziplin verloren und bis ins hohe Sportleralter die beste Form gehalten. Sie ist die einzige Diskuswerferin, die seit mehr als 20 Jahren über 60 Meter wirft. Franka Dietzsch ist auch eine Diskuswerferin aus Überzeugung. Schon in der Kinder- und Jugendsportschule in der DDR hatte sie sich ihre Sportart lieber selbst ausgesucht, anstatt sie sich von den Trainern vorgeben zu lassen. „Die wollten mich zur Kugelstoßerin machen. Aber das fand ich zu langweilig. Also habe ich gesagt: entweder ich darf diskuswerfen, oder ich gehe.“ Gut, dass sich Franka Dietzsch durchgesetzt hat.

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