Meinung : Es ist nicht alles eine Suppe

„Die völkische Ursuppe schmeckt nicht“ vom 17. Januar

Den Text habe ich schon bis zum Schluss gelesen, aber der aufkommende Ärger wurde nicht weniger. Schon die Überschrift „Die völkische Ursuppe schmeckt nicht“ nervt wie die Thesen, auch wenn viele davon einen Kern Wahrheit enthalten. Ich habe während meines Studiums vor 50 Jahren türkische (aber auch andere, wie griechische, persische, ägyptische) Kommilitonen gehabt, die zu meinem Erstaunen und Entsetzen mit ihren Landsleuten, den gerade eingetroffenen Gastarbeitern, nichts, aber auch gar nichts zu tun haben wollten. (Ist das heute wirklich anders?) Diese ausländischen Kommilitonen hatten sich in ihrem Heimatland das Recht erworben, aufgrund ihres Abiturs und ihrer Bildung in Deutschland studieren zu dürfen. Viele von ihnen sind nach dem Studium hier geblieben; einer meiner Freunde hat schon damals gesagt: „Warum soll ich Deutscher werden, ich werde aufgrund meines Aussehens immer der Türke bleiben.“ Trotzdem ist er voll integriert, ohne seine Identität oder seine Kultur aufzugeben, er ist auch nicht in einer völkischen Ursuppe verschwunden.

Herr Sezer hat anscheinend noch nicht realisiert, dass es nicht um Migranten geht, denn die braucht Deutschland, sondern um die von dem „väterlichen Lokalpolitiker in seiner Dienstlimousine“ und von Sarrazin gemeinten Menschen des Prekariats, der Bildungs- und Ausbildungsunwilligen, denn genau die will „der in seiner Dienstlimousine“ einbinden, der Gesellschaft wegen, aber auch ihretwegen. Die Art der Argumentation von Sezer, wenn man sie denn als solche bezeichnen darf, bringt uns keinen Schritt bei der Bewältigung der immensen Probleme weiter.

Norbert Balmer, Berlin-Lichterfelde

Soll dieser Artikel als ironische Posse, Realsatire oder Ernst aufgefasst werden? Eigene Theater, eigene Schulen, eigene Unis, eigene Kneipen – eine bessere Parallelgesellschaft kann man sich gar nicht vorstellen.

Dr. Hans-Joachim Wenzel, Berlin

Herr Sezer schreibt in seinem Artikel, die Deutschen hätten keine Ahnung, wie schön es sei, als Türke in Deutschland zu leben. Die Aussage zum Wohlbefinden vieler türkischstämmiger Menschen freut mich. Sie freut mich, weil es Menschen gut geht. Sie freut mich, weil sie deutlich macht, dass es nicht nur das Deutschland gibt, das von Sarrazin, mit seinen wenig kaschierten pauschalen Vorbehalten gegen Migranten, bis hin zu rechtsradikaler Schwerkriminalität reicht, sondern auch ein tolerantes und buntes Deutschland, in dem es sich auch Minderheiten gut gehen lassen können. Um so mehr befremden mich einige Misstöne in diesem Artikel.

Die Behauptung „aus einem Türken wird kein Deutscher“ suggeriert, dass es nur ein Entweder-Oder gebe. Andererseits verdeutlicht Herr Sezer mehrfach, dass dem nicht so ist, sondern eine wechselseitige Beeinflussung stattfindet. Allerdings gelingt es ihm am Schluss des Artikels, diese Beeinflussung negativ darzustellen, als sei man durch das Lesen seines Artikels in eine Falle gelockt worden. Erstaunt hat mich auch das Bekenntnis, Integrität und Souveränität der Türkei seien ihm „heilig“. Diese Formulierung klingt fatal nach „right or wrong my country“. Dass die Türkei glücklicherweise dabei ist, Defizite in Sachen Demokratie und Menschenrechte abzubauen, erwähnt Herr Sezer nicht als etwas, worauf er stolz ist.

Sicherlich agieren nicht alle, denen die Integration der Migranten ein Anliegen ist, immer glücklich. Trotzdem ist die pauschale Abqualifizierung dieser Menschen mit der – vorsichtig ausgedrückt – wenig freundlichen Formulierung „Sie alle nerven gewaltig!“ unsinnig. Die Sarrazin-Freunde wird Herr Sezer vermutlich ablehnen, „linke Gutmenschen“ (abstoßende Bezeichnung) und andere nerven. Da bleiben nur noch wenige Menschen, die sich Herrn Sezers Wertschätzung erfreuen dürfen.

Leider verbindet Herr Sezer die weitgehend positive Botschaft dieses Artikels mit viel Negativem, angefangen von der „völkischen Ursuppe“ – die Bedeutung dieser Bezeichnung bleibt offen – bis hin zur abschließenden Unterstellung, die Leser des Artikels wollten sich durch Argumente nicht beeinflussen lassen.

Rudolf Rüter, Berlin-Kreuzberg

„Aus einem Türken“ mit deutschem Pass, „wird kein Deutscher“. Kamuran Sezer findet es schön, Türke in Deutschland zu sein, „mit eigener Gastronomie, eigenen Theatern, Vereinen, Unternehmen und Schulen, mit dem Netz aus soziokulturellen und ökonomischen Zentren von München bis Bremen“, in einer Parallelwelt also, umgeben von den durch Besitz eines deutschen Passes nutzbaren Voraussetzungen, sich, seiner Familie und seinen Freunden, den, wie er selbst es nennt, „egoistischen“ Wunsch nach Sicherheit, Wohlstand und Gesundheit zu erfüllen und ganz eigene Ziele anzustreben. Aber bei der Realisierung dieses Lebensentwurfes wird er gestört. Auf der nicht schmeckenden, (deutsch) „völkischen Ursuppe“ herbeigeschwommene linke Gutmenschen, Versicherungsvertreter, Rechtskonservative, Karnevals-Rheinländer, Bierkrüge schwingende Bayern, Kleinbürgerliche, Traditionelle, Hedonisten, Selbstverwirklicher, Feministinnen, nostalgische Technokraten, der väterliche Lokalpolitiker, der seine Ansichten aus der Dienstlimousine heraus verkündet, die Deutschlandstiftung Integration, kurz, zu viele Nichttürken mit deutschem Pass behelligen ihn mit Meinungsäußerung und Ratschlägen. Das „nervt“ Herrn Sezer „gewaltig“. Mich auch!

H. Korneli, Berlin-Mitte

Dem Autor schmeckt die „völkische Ursuppe“ nicht. Als Koch und Kellner fungieren Feministinnen, Technokraten, Lokalpolitiker und Integrationsbeauftragte. Dazu ein Gedankenexperiment: Wie wäre es wohl einem deutschen Autor ergangen, der in seinem Sinne geschrieben hätte: „Die Türken wollen sich weder unserer Sprache noch unseren Gepflogenheiten anpassen. Sie nehmen zwar gerne die Wohltaten unseres Sozialstaates in Anspruch, ansonsten ziehen sie es vor, in ihren dörflich geprägten, archaisch patriarchalischen Sozialstrukturen zu verharren, die sie den unseren überlegen dünken, auch wenn sie im Widerspruch zum Grundgesetz unseres Landes stehen“? Richtig: Er wäre von unseren Qualitätsmedien nach allen Regeln der Kunst zur Sau gemacht worden, und Barbara John hätte noch geschrieben, dass wir den Einwanderern mediterrane Küche und Fähnchenschwingen beim Fußball verdanken. Ein furchtbarer Verdacht: Ist Kamuran Sezer ein türkischer Sarrazin?

Dr. Wolf-Dieter Schleuning,

Berlin-Hermsdorf

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