Meinung : „Es ist nur euer Recht …

Harald Maass

… dass ihr uns kritisiert.“

Die Soldaten vor dem Haus in der Nähe des Kaiserpalastes werden angeblich regelmäßig ausgetauscht. Zugang haben nur die Tochter und enge Verwandte. Seit dem Tiananmen-Massaker vor 15 Jahren ist Zhao Ziyang der am besten bewachte Mann Chinas. Weil er als Generalsekretär der KP 1989 Sympathien für die demonstrierenden Studenten zeigte, verlor Zhao seine Ämter. Seitdem ist der heute 84-Jährige Symbolfigur für Chinas Reformer.

Es war kurz vor Mitternacht, die oberste KP-Führung hatte den Militäreinsatz bereits beschlossen, als Zhao Ziyang am 18. Mai 1989 noch einmal zu den demonstrierenden Studenten auf den Platz des Himmlischen Friedens trat. Er ist sichtlich mitgenommen. Die Augen hinter der schwarzen Kaderbrille sind wässrig. „Ich möchte ein paar Worte zu den Studenten sagen“, stammelt er in ein Megafon, dass ihm die Studenten reichen. „Wir sind zu spät gekommen. (...) Es ist nur euer Recht, dass ihr uns kritisiert“. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt. Einen Tag später wird er als Generalsekretär entmachtet. In der Nacht zum 4. Juni schreitet das Militär mit Panzern und Maschinengewehren ein. Hunderte sterben.

Zhao Ziyang war der höchste Funktionär, der damals geschasst wurde. Bis heute verehren ihn viele als Reformer. Als Regierungschef hatte er gegen den Widerstand der Altmarxisten die Öffnung der Gesellschaft vorangetrieben. Vergeblich plädierte er im Politbüro gegen den Einsatz des Militärs. Am Ende setzte sich die Fraktion der Altkommunisten um Li Peng durch.

Zhao war bereits als 19-Jähriger der KP beigetreten. Die jüngsten Fotos, heimlich von Mitarbeitern verbreitet, zeigen einen alten weißhaarigen Mann. Er soll schwer lungenkrank sein und angewiesen auf künstliche Beatmung. Zu Wort meldete er sich zuletzt 1997: In einem offenen Brief an den KP-Parteitag forderte er eine Aufarbeitung des Massakers von 1989. „Das Volk wird nicht vergessen“, mahnte er. Seitdem darf ihn nur noch die engste Familie besuchen.

Solange er lebt, ist Zhao ein Dorn im Auge der Mächtigen. „Sie sind ständig besorgt und entschlossen, seinen Namen aus den Herzen und Gedanken der Menschen zu löschen“, berichtet sein ehemaliger Sekretär Bao Tong. Selbst wenn Zhao eines Tages stirbt, bleibt er für Chinas Führer gefährlich. Im Frühjahr 1989 war es der Tod Hu Yaobangs, auch er ein Reformer, der die Studentenproteste auslöste.

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