Meinung : Es kommt ein Schiff von nirgendwo

Wie das Satelliten-TV Jordaniens Desinformation durchkreuzt

Andrea Nüsse

Ein Gerücht bedroht Jordaniens Regierung: Die US-Schiffe mit Soldaten und Kriegsgerät für den Irak-Einsatz, die in der Türkei nicht ausgeladen werden durften, sollen im jordanischen Hafen Akaba anlegen. Wenn es so käme, müsste das Regime bekennen, dass es die USA beim Angriff auf den Irak aktiv unterstützt – gegen den erbitterten Protest der Bürger. Oder treibt es dann die Desinformationspolitik auf die Spitze und deklariert die Waffen als Hilfsgüter? Vielleicht hat Amerika Erbarmen. Und bringt die Ladung weiter südlich an Land, in einem saudischen Hafen. Dann hätte freilich ein anderer arabischer Staat das gleiche Problem.

So oder so nimmt die Diskrepanz zwischen der heimlichen Unterstützung der USA und den offiziellen Dementis beängstigende Züge an. Besonders in Jordanien. Als das ganze Land darüber redete, dass USSoldaten zur Bedienung der vier Patriot-Luftabwehrbatterien im Land sind, leugnete die Regierung das. Wochen später räumte sie die Stationierung „einiger hundert" GIs ein. Ausländische Militärexperten sprachen da bereits von 6000 bis 7000. Auch Bushs Truppen, die die Flugfelder im Westirak eingenommen haben, müssen über Jordanien oder Saudi-Arabien gekommen sein. Was beide Länder abstreiten.

Leugnen heißt die Devise. Die man gemeinhin mit einer unvermeidlichen „Gratwanderung" erklärt: Die Regierung könne sich nicht gegen die USA stellen, die das Land wirtschaftlich und militärisch massiv unterstützen, müsse aber Rücksicht auf die Haltung der Bevölkerung nehmen, die den Irak-Krieg größtenteils ablehnt.

Solche Geheimnistuerei mag früher funktioniert haben. Heute können sich die Jordanier über arabische Satellitensender informieren. In Gesprächen kann man den Eindruck gewinnen, die Wut über die eigene Regierung sei größer als der Zorn auf Amerika. Womöglich wäre die Stimmung gemäßigter, hätte das Regime offen bekannt, dass eine begrenzte Kooperation mit den USA im Interesse des Landes, seiner Sicherheit und seiner Wirtschaft liege. Jordanien fehlt der Mut, seinen begrenzten Spielraum zu nutzen. Als einziges arabisches Land wies es am vierten Kriegstag drei irakische Diplomaten aus – auf amerikanischen Druck hin. Hätte Amman nicht ablehnen können? Schließlich brauchen die USA Jordanien zum Schutz Israels.

Angst regiert, das Regime fürchtet jede offene Debatte, setzt auf seine Sicherheitsdienste, um Krisen zu meistern. Es gibt keine jordanische Zivilgesellschaft, die eine gemeinsame Vorstellung hat, wie ihr Gemeinwesen aussehen soll. Viele Palästinenser, Iraker und andere Zuwanderer, die ihr ganzes Leben in Jordanien verbringen, fühlen sich immer noch im „Transit", leben mental halb in Palästina oder hängen pan-arabischen Träumen nach. Schwer vorstellbar, wie unter solchen Umständen eine neue, eine demokratische arabische Welt entstehen soll.

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