Meinung : Es steht geschrieben

Nihilismus und Fundamentalismus: Papst Benedikt XVI. über die Ursachen des Terrors

Malte Lehming

Unsere Bilderwelt wird derzeit von zwei Ereignissen beherrscht. Hier der Papstbesuch, dort der 11. September 2001. Seltsamerweise scheint es keine Schnittmenge zu geben. Berlin, Deutschland, die Welt: Überall gedenken Menschen der Opfer der Anschläge. Und Papst Benedikt XVI.? Er besucht seine Heimat, schüttelt Hände, redet über Maria, das Gebet, den Glauben. Lediglich im Wallfahrtsort Altötting hält er kurz inne. „Wir bitten fünf Jahre nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York um Frieden in der ganzen Welt“, sagt er. Das war’s.

Die Zurückhaltung überrascht. Wenn es stimmt, dass kaum ein anderes Ereignis so viel Chaos in den Köpfen gestiftet hat wie „Nine-Eleven“: Warum hat der Papst dann die Chance verpasst, Orientierung zu geben, Klarheit zu verbreiten?

Die Antwort fällt leicht: Er hat es nicht nötig. Klar wie wenige hat Papst Benedikt XVI. seit seinem Amtsantritt das Problem thematisiert. Vor einer Woche erst ließ er, im norditalienischen Assisi vor Vertretern der Weltreligionen, eine Botschaft verlesen. Die Religion könne niemals terroristische Taten rechtfertigen, hieß es darin, und in Richtung Nahost kritisierte er, dass „vielen jungen Menschen in Regionen, die von Konflikten geprägt sind, Gefühle des Hasses und der Rache beigebracht werden“.

Entscheidender noch sind drei andere Daten – der 20. August 2005, der 1. Januar 2006 und der 25. Januar 2006. Bei seiner Deutschlandreise vor über einem Jahr empfing der Papst in Köln die Vertreter muslimischer Verbände. Als ersten Punkt seiner Ansprache verurteilte er den Terror als „pervers und grausam“. Vatikan-Beobachter sprachen von einer ungewöhnlich engagierten Rede.

Es folgte, zum Jahresbeginn, die Botschaft zum Weltfriedenstag. Zunächst dankte der Papst allen Soldaten, die zur Beilegung internationaler Konflikte eingesetzt sind und rief die Worte des Zweiten Vatikanischen Konzils ins Bewusstsein: „Wer als Soldat im Dienst des Vaterlandes steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker.“ Dann kam er umfangreich auf den Terror zu sprechen. Durch ihn werde „auf dramatische Weise“ die Wahrheit des Friedens geleugnet. Er werde genährt durch einen „tragischen und erschütternden Nihilismus“ und einen „religiösen Fanatismus“. Beide Irrlehren stünden in einem falschen Verhältnis zur Wahrheit: „Die Nihilisten leugnen die Existenz jeglicher Wahrheit, die Fundamentalisten erheben den Anspruch, sie mit Gewalt aufzwingen zu können.“

Dass dem Papst die spirituelle Dimension des Terrorismus mindestens ebenso wichtig ist wie dessen politische und soziale Ursachen, belegt indes das Regierungsprogramm seines Pontifikats – die erste Enzyklika „Gott ist die Liebe“. Zwar werden die Begriffe Islamismus und Terrorismus nicht explizit genannt, aber die Begründung für die Enzyklika ist unmissverständlich: „In einer Welt, in der mit dem Namen Gottes bisweilen die Rache oder gar die Pflicht zu Hass und Gewalt verbunden wird, ist dies eine Botschaft von hoher Aktualität und von ganz praktischer Bedeutung. Deswegen möchte ich in meiner ersten Enzyklika von der Liebe sprechen.“ Der christliche Gott als Antithese zu jenem Wesen, auf das sich Terroristen berufen: Radikaler geht’s nicht. Man muss ihn nur zu lesen wissen.

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