Essay : Das dritte Deutschland

West-Berlin war ein merkwürdiges politisches Gebilde: Die Stadt weiß noch immer nicht, wie sie mit dem Erbe umgehen soll.

Wilfried Rott

People of the world – look at Berlin!“ Barack Obama wiederholte als Präsidentschaftskandidat am 24. Juli 2008 nur wenige hundert Meter vom Reichstag entfernt die legendären Worte von Ernst Reuter und richtete damit die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit auf die Anfänge West-Berlins und seinen Kampf um die Freiheit. Ein Ereignis und ein Mann wurden durch den zukünftigen US-Präsidenten aus ihrer Schattenexistenz geholt. Die Büsten von Ernst Reuter, einst in manchem Bezirksrathaus feierlich aufgestellt – nunmehr unbeachtet abgestellt unter Treppenaufgängen oder neben Toiletteneingängen

West-Berlin mit seiner einmaligen Geschichte droht einem Vergessen anheimzufallen, das einer „Vernichtung von Geschichte“ (Adorno) gleichkommt, doch wird im Fall von West-Berlin keineswegs „für sich schon Nichtiges“, sondern Besonderes vernichtet, an das zu erinnern im neuen vereinigten Berlin kein Platz zu sein scheint. Der Ostteil der Stadt negiert die Geschichte der anderen Stadthälfte und betont demonstrativ, dass dies nicht „seine“ Geschichte sei. Im Westteil ist es nicht sonderlich opportun, sich zum „alten“ West-Berlin zu bekennen oder dafür zu interessieren, will man nicht einer ranzigen Nostalgie verdächtigt werden.

Dabei war West-Berlin eines der merkwürdigsten politischen Gebilde des 20. Jahrhunderts, das mit all seinen Eigenheiten oft die Grenzen des Bizarren streifte. Es galt als Land der Bundesrepublik Deutschland – und wurde doch nicht von ihr regiert. Es war ein Land mit Gesetzen, die ohne Mitwirkung ihrer Bevölkerung zustande kamen, denn die Bürger West-Berlins durften nicht an den Bundestagswahlen teilnehmen und konnten sich an kein Verfassungsgericht wenden. Alle Macht in der Stadt ging von den alliierten Stadtkommandanten der Amerikaner, Briten und Franzosen aus, unter deren Regiment ein Regierende Bürgermeister als Stadtoberhaupt mit beschränkter Vollmacht agierte. Auf den Personalausweisen der West- Berliner prangte kein Bundesadler und ihre männlichen Inhaber mussten keinen Wehrdienst leisten. Wie auf einer Insel der Merkwürdigkeiten lebten die Menschen in West-Berlin und das Festland erreichten sie nur nach langer, von DDR-Schikanen bedrohter Transitfahrt.

Dieses West-Berlin war ein „drittes Deutschland“, weder Bundesrepublik noch DDR. Dass es nun dem Vergessen anheimzufallen droht, liegt unter anderem an dessen Ende. Fast stillschweigend verabschiedete sich West-Berlin nach dem Mauerfall aus der Geschichte. Schlagartig war die halbe Stadt kein Thema mehr, nachdem es plötzlich um die ganze ging. Der Aufbau Ost hatte Vorrang vor dem Ausbau West. Viel wurde über die Bewahrung der Ost-Identität diskutiert, die Abwicklung von Einrichtungen aus der DDR-Zeit beklagt. Teilweise rasche Änderungen im West-Berliner Gefüge wurden dagegen fast übersehen. Wer sie beklagte, handelte sich den Ruf des Ewiggestrigen ein. Als sich die Gewichte immer stärker nach Ost-Berlin verlagerten, erst das Schiller-Theater geschlossen, dann die Deutsche Oper vernachlässigt und schließlich Nofretete nach Berlin-Mitte transferiert wurde, fiel auf, was die Schriftstellerin Katja Lange-Müller auf die deftige Formel brachte: „Den West-Berlinern wurde die Stadt unterm Arsch weggezogen.“

Das Ende ereilte West-Berlin in einer unglücklichen Phase der Desorientiertheit und Schwäche. Mit der rot-grünen Koalition scheiterte auch das von der SPD angepeilte Zukunftsmodell, das auf mehr Kooperation mit der DDR angelegt war und von der Vorstellung geleitet wurde, West-Berlin könnte wirtschaftlich stärker mit seinem natürlichen Umfeld rundum kooperieren. Die DDR gab sich stark genug, solche Perspektiven zu ignorieren und war schon längst zu schwach, um in eine aussichtsreiche Kooperation eintreten zu können. Nicht die langfristigen Möglichkeiten zählten, sondern nur das schnelle Geld, das sich aus West-Berlin etwa mit seinen Müllnöten herauspressen ließ.

Aber auch das auf eine stärkere Bindung an Westdeutschland zielende Halbinselkonzept hatte kaum Aussicht auf Erfolg, weil sich Bonn immer weniger geneigt zeigte, West-Berliner Wünschen nachzukommen. Mit einem neuen Plenarsaal des Bundeshauses in Bonn wurde überdeutlich, dass sich die Bundesrepublik als Weststaat etabliert hatte und die Insel West-Berlin ein im Grunde störender Annex war, der immer wieder daran erinnerte, dass es keine lupenreine deutsche Zweistaatlichkeit geben kann, solange das merkwürdige Dritte gegeben ist. Solidaritätsbekundungen mit West-Berlin wurden im gleichen Maße wie die bundesdeutschen Finanztöpfe leerer. Subventionen für West-Berlin wurden als Einsparmöglichkeiten erkannt. 20 Jahre nach dem Mauerfall meinte ein langjähriger Referent im Finanzministerium: „Niemand hat je gern für Berlin gezahlt.“ Es sei ein „Schweinegeld“ für die Stadt ausgegeben worden, von der die Haushälter am Rhein dachten, es wäre billiger, sie in der Lüneburger Heide neu aufzubauen und den „ganzen alten Krempel“ der DDR zu geben. Der diese Ansicht kolportierte und teilte war Thilo Sarrazin, von 2002 bis 2009 Finanzsenator im vereinigten Berlin.

Das für West-Berlin von Anbeginn bestehende Problem, nicht aus eigener Kraft lebensfähig zu sein, begleitete es bis zu seinem Ende. Der Standortnachteil konnte durch das Vier-Mächte-Abkommen gemildert, aber nicht grundsätzlich beseitigt werden. Regierende Bürgermeister konnten bei westdeutschen Konzernvorständen antichambrieren, aber doch die nach Blockade und Mauerbau abgewanderten Unternehmen nicht mehr zurückholen. Die zum Ausgleich für diese Defizite nach West-Berlin geflossenen Subventionen förderten geradezu naturgesetzlich deren Missbrauch, nicht nur, wenn auch vor allem, in der Bauwirtschaft. Auch im kulturellen Bereich wurde aus dem Vollen geschöpft und damit eine Heerschar von Kulturschaffenden alimentiert. Bei Ausstellungsgroßprojekten wurde konzeptionell großzügig gedacht, doch gehörte der Rotstift nicht zu den bevorzugten Arbeitsinstrumenten der Planer. Immer war auf glanzvolle Außenwirkung zu achten, sollte nicht die makabre Attraktion der Mauer das primäre Angebot für Touristen sein.

Hinter der glanzvollen Fassade begann West-Berlin in seinen letzten Jahren merkliche Ermüdungserscheinungen im kulturellen Bereich zu zeigen. Die legendäre Schaubühne wollte nach dem Abgang von Peter Stein nicht mehr recht Tritt fassen. Die staatlichen Bühnen mit dem Schiller-Theater, größter Schauspielbetrieb der Bundesrepublik, verlor an Profil und Strahlkraft. In der Deutschen Oper zeigte die Ära von Götz Friedrich erste Anzeichen der Stagnation. Ein Menetekel schien es zu sein, als den Berliner Philharmonikern das Dach auf den Kopf fiel. Deckenteile des legendären Scharoun-Baus stürzten ins Parkett. Der Schaden ließ sich beheben und wirkte doch wie ein Zeichen, dass so manches brüchig geworden war in dem merkwürdigen Gebilde West-Berlin. Auch die Antwort auf die Sinnfrage der Stadt verlor für viele an Schlüssigkeit. Wer noch gesamtdeutsch dachte, wusste, dass West-Berlin sozusagen der Fuß in der Tür zur deutschen Einheit war. Aber eine neue Generation wuchs nach, die nur noch in den Grenzen der Bundesrepublik dachte und mit dem in West-Berlin manifestierten Freiheits- und Einheitswillen nicht mehr viel anfangen konnte.

Die „schleichende Gefahr der Auszehrung“ (Egon Bahr) machte sich bemerkbar und die Zeichen des Leerlaufs und einer lauernden Sinnlosigkeit lassen die Frage auftauchen, wie es mit West-Berlin weitergegangen wäre, wenn es nicht durch den Mauerfall aus seiner problematischen Existenz erlöst worden wäre. Wer sich nicht in die gehobene Stammtischdebatte in Form einer fakultativen Geschichtsbetrachtung verlieren will, wird sich hier zurückhalten. Fruchtbarer und realistischer ist ein Blick auf das, was aus West-Berlin seit 1990 geworden ist. Es zeigt sich eine Mischung von oft beharrlichem Bewahren und als Verlust empfundener Veränderung. Alarmistische Betrachtungen übersehen, dass viel von dem, was West- Berlin nach 1990 verloren hat, im Grunde eine Normalisierung bedeutet. Museen wandern von den Ausweichstandorten in Dahlem oder Charlottenburg wieder an die angestammten Plätze auf der Museumsinsel. Regierender Bürgermeister und Abgeordnetenhaus müssen nicht mehr im Rathaus Schöneberg als Untermieter residieren. Der Bahnhof Zoo ist wieder, was er eigentlich immer war: eine Station der Stadtbahn und nicht Fernbahnhof. Territorial und personell gesehen, ist der Westteil der Stadt keineswegs belanglos geworden. Der neue Hauptbahnhof, das Kanzleramt und der zur Touristenattraktion gewordene Reichstag liegen auf dem Gebiet des ehemaligen West-Berlin. Die gesamtberliner Stadtregierung wird auch nach 20 Jahren noch immer vorwiegend von westlichen Politikern bestimmt. Selbst die Partei „Die Linke“, die immer als Stimme des Ostens auftritt, stellt als Bürgermeister und Wirtschaftssenator einen Politiker, der in West-Berlin sozialisiert wurde.

Problematisch und aufschlussreich ist das Fehlen einer stringenten Planung dafür, was eigentlich mit dem seiner alten Funktionen beraubten Westteil der Stadt geschehen kann. Die Sinnfrage, die ewig über West-Berlin schwebte, drängt sich in veränderter Form wieder auf – und wird schnell als querulatorisches Nörgeln abgetan. Zufällig und eher lieblos wird mit dem umgegangen, was einst West-Berlin war. Von einem aus dem DDR-Kulturapparat stammenden ehemaligen Berliner Kultursenator muss sich die Stadt sagen lassen, dass es enttäuschend sei, wie das West-Berliner Erbe ignoriert wird und wie die Stadt die eigene Traditionslosigkeit immer weiter fortführt. Eine Ex-Bundestagsvizepräsidentin diagnostiziert im Blick auf die Ignoranz gegenüber dem einstigen West-Berlin eine „eigenartige Krankheit in dieser Stadt“, deren Ursache sie in einer „katastrophalen Schwächung des Selbstbewusstseins und der fehlenden Ahnung, was sich zu verteidigen lohnt“ ausmacht.

Das vereinigte Berlin pflegt ein ambivalentes, spannungsreiches Verhältnis zum Erbe West-Berlin. Ignoranz und Nostalgie prallen aufeinander. Schon hat ein Drittel der Bevölkerung die Teilung der Stadt nicht mehr erlebt, noch aber ist für den Westteil so viel Erinnerung lebendig, dass 100 000 Menschen zum 60. Jahrestag der Luftbrücke zum Flughafen Tempelhof strömen. Noch scheint West-Berlin nur ein Thema Alteingesessener zu sein, die den plüschigen Cafés am Kurfürstendamm nachtrauern, aber schon melden sich Nachgeborene, die wissen wollen, wie eine zur Bundesrepublik gehörige Stadt inmitten der DDR existierte. „Wie konnten die Westberliner in dieser Exklave bloß leben?“, fragt ein Jugendlicher in einem Internetforum. „Haben sich die Westberliner nicht einsam gefühlt, so isoliert von der restlichen BRD und nur umgeben von der grauen sozialistischen DDR?“ Vor allem aber: „Wie ist man über das Staatsgebiet der DDR nach Westberlin gekommen? Durch Tunnel?“

Schon ist den Jungen unvorstellbar, was den Älteren noch Erlebtes ist. Aber Geschichte vergeht nicht mit denen, die Teil von ihr waren, schon gar nicht im Fall von West-Berlin, diesem sonderbaren Gebilde, über das sich viel Gutes und einiges Schlechtes sagen lässt. West-Berlin war eine unmögliche Stadt, in der das Bestehende spätestens mit dem Mauerbau das Vorstellbare übertroffen hat. Der urbane Torso gemahnte nicht nur an die ganze Stadt, sondern auch an das ganze Deutschland, das in dem Moment Wirklichkeit zu werden begann, wo mit dem Öffnung der Mauer West-Berlins schon fast vergessener Traum in Erfüllung ging, nicht bloß Schaufenster und Leuchtturm, sondern Tor zur Freiheit zu sein.

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