Essay : Der Glaube der anderen

Minarettvotum und Integrationsdebatte: Was Europäer von der Religionsfreiheit in Israel und den USA lernen können.

Malte Lehming

Das ist der neueste Stand: Drei von vier Deutschen haben Angst vor dem Islam – 39 Prozent machen sich „ein wenig Sorge“, 36 Prozent „große Sorgen“. Das berichtete am Freitag die ARD unter Berufung auf eine Infratest-dimap-Umfrage.

Wenige Tage zuvor, in der TV-Sendung „Links-Rechts“, warnte der Bürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, vor islamistischen Tendenzen in einzelnen Moscheen seines Bezirks. Kinder würden dort einer „Gehirnwäsche“ unterzogen, zudem bestünden Zweifel, ob dort der „Glaube gepredigt wird oder Gotteskrieger ausgebildet werden“.

In der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ wiederum meldet sich Gerhard Schröder zu Wort. Er kritisiert das Minarett-Votum der Schweizer. Dieses Verdrängen an den „sprichwörtlichen Rand der Gesellschaft“ sei der Versuch einer Ausgrenzung. „Der Islam ist keine politische Ideologie, sondern eine friedliche Religion.“

Darauf antwortete am Freitag die Soziologin Necla Kelek in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Der Islam sei Hingabe an den einen Gott, „er ist Glaube, Kultur, Weltanschauung und Politik. Seine Lehre kennt keine Trennung von Staat und Religion. Er ist unbestritten auch eine politische Ideologie, auch wenn Schröder das vom Tisch wischen will“.

Ganz anders am selben Tag der Orientalist und Schriftsteller Navid Kermani in der „Süddeutschen Zeitung“. Er meint, die Schweizer hätten mit zentralen Prinzipien des europäischen Projekts einer „säkularen, transnationalen, multireligiösen und multiethnischen Willensgemeinschaft" gebrochen.

Diese Kontroverse wird uns noch lange beschäftigen. Da hilft vielleicht ein Blick über den Tellerrand, auf zwei Staaten, die ebenfalls zur westlichen Wertegemeinschaft gehören, aber nicht zu Europa – nach Israel und in die USA. In beiden ist das Thema der Religionsfreiheit konstitutiv. Wären Juden nicht verfolgt worden, gäb’s heute wahrscheinlich keinen Staat Israel. Wären Christen nicht verfolgt worden, wäre ein zentrales Motiv für die Besiedlung der Neuen Welt entfallen.

Außerdem sehen sich beide Länder auf besondere Weise mit dem Islam konfrontiert. Knapp 17 Prozent der Israelis sind Muslime. Zum Vergleich: Von 400 Millionen Westeuropäern sind rund 20 Millionen Muslime. Die USA wiederum haben mit dem 11. September 2001 den größten Terroranschlag der Geschichte erlitten, verübt von militanten Islamisten, und das Land führt in zwei mehrheitlich muslimischen Ländern Krieg, Irak und Afghanistan.

Dennoch wird weder in Israel noch in den USA über Kopftücher, das Schächten, Minarett- oder gar Moscheebauten diskutiert. Verhüllte Frauen können zur Schule gehen, studieren und unterrichten. Einige zivilrechtliche Angelegenheiten von Muslimen in Israel werden sogar nach Koran und Scharia entschieden.

Nur wenige Tage nach dem Einsturz der beiden Türme des World Trade Centers besuchte der damalige Präsident George W. Bush das Islamische Zentrum in Washington D. C. und sagte: „Das Gesicht des Terrors ist nicht das wahre Gesicht des Islam. Der Islam ist eine friedliche Religion. Wir kämpfen nicht gegen den Islam.“

Sein Nachfolger, Barack Obama, knüpfte daran an. In den USA sei die Freiheit „untrennbar mit der Freiheit der Religionsausübung verbunden“, sagte er in seiner Rede in Kairo. Und er fügte hinzu: „Das ist auch der Grund, warum die US-Regierung vor Gericht gegangen ist, um die Rechte der Frauen und Mädchen zu schützen, die das Hijab tragen wollen, und um diejenigen zu bestrafen, die es ihnen verwehren wollen.“

Das Grundrecht auf eine ungestörte Religionsausübung zählt zu den Menschenrechten. Amerikaner kämpfen für dieses Recht, weil es ihrem Freiheitsverständnis entspricht. Sie stellen es im Zweifel sogar über ein so honoriges Ziel wie die staatliche Drogenbekämpfung.

Am 21. Februar 2006 fällte der Supreme Court, das Oberste Verfassungsgericht, ein vor dem Hintergrund der europäischen Integrationsdebatte sensationelles Urteil. Es ging um den Fall „Gonzales versus O Centro Espirita Beneficiente Uniao Do Vegetal“. Das ist eine Religionsgemeinschaft, zu deren Riten es gehört, einen halluzinogenen Tee zu trinken. Der nennt sich „hoasca“ und besteht aus Pflanzen, die in Brasilien wachsen. Deren Wirkstoff DMT indes fällt unter das Betäubungsmittelgesetz und ist an sich verboten. Religionsfreiheit contra Drogenmissbrauch. Das Verfassungsgericht entschied einstimmig, dass der „Religious Freedom Restoration Act“ stärker zu gewichten sei als das Drogenverbot. Seitdem darf der Hoasca-Tee offiziell getrunken werden.

Ähnlich umfassend, bisweilen an der Grenze des gesellschaftlich Zumutbaren, ist das Verständnis von Religionsfreiheit in Israel. Die kleine ultraorthodoxe Gruppierung „Naturei Karta“ etwa lehnt den Staat Israel kategorisch ab. Dessen Gründung verstoße gegen die Gebote der Tora, weil nur der Messias ein neues Israel errichten dürfe. In ihrer Hymne heißt es: „Die Tora ist unser Gesetz. Und an sie glauben wir. Und wir glauben nicht an die Regierung der Häretiker. Und wir kümmern uns nicht um deren Gesetze.“

Diese radikal antizionistische Position führte zu einer engen Zusammenarbeit mit der PLO. Rabbiner Moishe Hirsch, ein führender Aktivist der „Naturei Karta“, soll selbst Mitglied der PLO gewesen sein. Etwa seit Mitte 2005 wird Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad von Anführern der „Naturei Karta“ unterstützt. Im März 2006 erklärte ein Sprecher, man teile den Wunsch Ahmadinedschads, den Staat Israel „aus den Geschichtsbüchern zu tilgen“. Im Dezember 2006 nahmen führende Mitglieder der „Naturei Karta“ an der legendären Holocaust-Leugnungskonferenz in Teheran teil. Dennoch gibt es in Israel keine religiösen Restriktionen gegen die Anhänger der „Naturei Karta“. Ihre Synagoge in Jerusalem, die „Tora Ve’Yira“, ist belebt, ihre Mitglieder können ungestört ihren Glauben praktizieren.

Diese Beispiele sind radikal, und sie müssen kein Vorbild für Europa sein. Aber vielen Europäern täte es gut, bei den Reizworten in der Integrationsdebatte – Parallelgesellschaft, anderes Wertesystem, politisierte Religion – nicht automatisch in Identitätsangst zu verfallen. Freiheiten zu gewähren, wie in den USA und Israel, kann auch ein Ausdruck von Selbstvertrauen sein.

Europas Islamkritiker sagen: Der Islam sei keine Religion wie das Christentum, sondern greife tief ins gesellschaftliche und politische Leben ein. Doch was folgt daraus? Jede Religion ist unterschiedlich. Aber die Unterscheidung spirituelle Innerlichkeit hier (Christentum), anmaßender Gesellschaftsgestaltungswille (Islam) dort ist falsch. Über den Einfluss der Religion auf die amerikanische Politik werden viele, auch aktuelle Bücher verfasst. Und war Papst Johannes Paul II., dessen Wirken wir das Ende des Sowjetkommunismus mit zu verdanken haben, unpolitisch? Ist es die lateinamerikanische Befreiungstheologie? Ist es die protestantische Kirche, ohne die weder Friedens- noch Umweltschutzbewegung denkbar sind?

Natürlich sind viele Differenzen äußerst real. Doch Integration misst sich nicht daran, ob Muslime in Deutschland den „Musikantenstadl“ sehen, zum Christopher Street Day gehen, ihren Müll trennen, Freunde haben, die Vegetarier sind, Sex vor der Ehe und eine liberale Drogenpolitik befürworten. Kein Migrant muss so deutsch werden wie ein Deutscher.

Oft ist er sogar das kulturelle Gegenteil. So titelte etwa der „Tagesspiegel“ im September 2007: „Junge Migranten sind mehrheitlich homophob.“ Der Artikel bezog sich auf eine Studie, die vom Lesben- und Schwulenverband sowie vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegeben worden war. Demnach haben zwei Drittel der türkischstämmigen Jugendlichen und die Hälfte der russischstämmigen Jugendlichen in Berlin schwulen- und lesbenfeindliche Ansichten. Unter Jugendlichen ohne Migrationshintergrund ist ein Viertel homophob.

In den USA verhält es sich übrigens ähnlich. Schwarze und Latinos sind kulturell oft konservativer als Weiße. Darum hat etwa die Legalisierung der Homo-Ehe in Bundesstaaten, in denen viele Schwarze und Latinos leben, wenig Chancen. Das indes spricht dort ebenso wenig gegen Schwarze und Latinos, wie es bei uns das Recht der Muslime tangieren sollte, gemäß ihren relativ konservativeren Werten zu leben. Jede Einwanderergruppe bringt ihre Besonderheiten mit.

Und so drängt sich, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, ein Vergleich auf: Wer ist eigentlich besser in Deutschland integriert, die Ostdeutschen oder die Migranten? Die Frage zu stellen, heißt, eine Westperspektive einzunehmen, die viele Ostdeutsche als anmaßend empfinden.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die jüngste Studie des Sozialverbands „Volkssolidarität“ („20 Jahre friedliche Revolution 1989 bis 2009 – Die Sicht der Bürger der neuen Bundesländer“). Ihr zufolge fühlt sich eine Mehrheit der Ostdeutschen nicht oder noch nicht hinreichend „als Bundesbürger integriert“ (nur 25 Prozent fühlen sich als „richtige Bundesbürger“). Das Misstrauen gegenüber den politischen Parteien wächst, die Loyalität zum demokratischen freiheitlichen Rechtsstaat nimmt ab.

Im starken Kontrast dazu stehen die Ergebnisse der jüngsten repräsentativen Umfrage des US-amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Gallup („The Gallup Coexist Index 2009: A Global Study of Interfaith Relations“). Ihr zufolge identifizieren sich die rund vier Millionen Muslime in Deutschland sogar stärker mit ihrer Wahlheimat als die Gesamtbevölkerung. 40 Prozent der deutschen Muslime spüren eine „enge Bindung zur Bundesrepublik“ (gesamt: 32 Prozent); die Wertschätzung der politischen Institutionen in der Bundesrepublik ist erstaunlich hoch, die Loyalität zur Wahlheimat (mit 71 Prozent) ebenfalls.

Damit kein Zweifel entsteht: Terror, das Wüten islamischer Milizen etwa im Sudan, fehlende Meinungs- und Religionsfreiheit, die Unterdrückung der Frauen, die Geißelung der Homosexualität, Ehrenmorde, Antisemitismus, fanatische Reden: Das alles findet statt in der arabisch-muslimischen Welt. Oft genug, wie beim Karikaturenstreit, werden Lappalien grausam instrumentalisiert.

All das gehört angeprangert – wie auch die soziale Wirklichkeit vieler in Deutschland lebender Ausländer. Von 1971 bis 2000 stieg deren Zahl von 3 Millionen auf etwa 7,5 Millionen, dennoch blieb die Zahl der erwerbstätigen Ausländer nahezu konstant. Nicht der Arbeitsmarkt profitierte also von der Zuwanderung, sondern es wurden vornehmlich die Sozialsysteme belastet. Allein in Berlin sind rund ein Drittel der Menschen mit Migrationshintergrund arbeitslos. Von den Türkischstämmigen hat fast jeder Zweite keine Arbeit.

Dann: Wer gegen Gesetze verstößt, wird bestraft. Das Recht darf vor kultureller Andersartigkeit, die zum Verbrechen führt, niemals kapitulieren. Das schließt prügelnde Eltern ebenso ein wie Zwangsverheiratungen. Und es ist grundfalsch, den muslimischen Antisemitismus als eine Art Folklore zu betrachten, der mildernde Umstände verdient – ein ideologischer Import aus Europa, der den Lehren Mohammeds nur übergestülpt wurde, ein Kunstprodukt, nichts Organisches. Wer derart mit zweierlei Maß misst, ist entweder Ignorant oder Rassist.

Außerdem sollte es selbstverständlich sein, die Religionsfreiheit nicht nur bei uns zu verteidigen, sondern auch in der arabisch-muslimischen Welt. Im Jemen wurden unlängst zwei junge deutsche Christinnen, die in einem Krankenhaus arbeiteten, ermordet. Sie starben, weil sie das Wort Gottes weitertrugen. Ihr Schicksal reiht sich ein in das von rund 200 Millionen Christen in mehr als 60 Ländern weltweit, die diskriminiert, gefoltert, hingerichtet werden. Etwa 80 Prozent aller Menschen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, sind Christen. Das Christentum ist die am stärksten bekämpfte Religion überhaupt.

Was lehrt nun der Blick nach Israel und in die USA, in jene zwei Länder, in denen das Prinzip der Religionsfreiheit extrem hoch gehalten wird? Für unsere Debatte vielleicht das: Die Priorität der deutschen Nationaltrias – Einigkeit und Recht und Freiheit – sollte öfter mal umgekehrt werden. Erst die Freiheit, dann das Recht und am Schluss die Einigkeit.

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