Die Debatte um Religion und Gesellschaft wird stets mit der Migrationsfrage verknüpft - zu unrecht

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Essay : Die Nicht-Religiösen werden aggressiver
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Das Miteinander zwischen religiösen und säkularen Bürgern muss offenbar neu verhandelt werden. Das bisher gültige Staatskirchenrecht, das den Kirchen in gesellschaftlichen Fragen Mitsprache und Einfluss garantiert, leidet schon lange an einem schleichenden Verlust an Plausibilität. Dieser Prozess wird seit einigen Jahren enorm beschleunigt.

Als Folge der Wiedervereinigung ist der Anteil von Atheisten und Konfessionslosen rasant gestiegen. Auch sind viele engagierte Christen aus der ehemaligen DDR skeptisch gegenüber einer Kirche, die mit dem Staat gemeinsame Sache macht. Hinzu kommt der immer stärker ins Bewusstsein drängende Islam, der verdeutlicht, dass das Verhältnis von Religion und Politik nicht allein durch Staatsverträge mit den christlichen Kirchen geregelt werden kann. Wie im Fall des Kölner Urteils wird dabei auffällig häufig übersehen, dass auch das Judentum mit einem neuen Selbstbewusstsein und einem erstarkten Gemeindeleben einen wichtiger werdenden Beitrag zum neuen religiösen Pluralismus in Deutschland leistet.

Vieles kommt also ins Rutschen. Dabei ist es erneut die Aufgabe der rechtlichen Regelung muslimischer Glaubenspraktiken, welche die grundsätzliche Frage aufwirft, wie es diese Gesellschaft mit der Religion im Ganzen halten will.

Dass solche Probleme immer mit der Migrationsfrage verknüpft werden und auf diesem Weg mit der Daueraufgabe der Gesellschaft, ihre Veränderung zur Kenntnis zu nehmen, ist nur eine Ursache für das Agendasetting durch den Islam. Diese Fokussierung spiegelt auch die Verbürgerlichung des Christentums, das sich für die einzig aufgeklärte und demokratiekompatible monotheistische Religion hält. Dies ist nicht nur hochmütig, sondern überdeckt auch eine Saft- und Kraftlosigkeit, die nicht zuletzt aus einer Vergessenheit der Leibhaftigkeit von Religion entsteht und aus der Fixierung auf Lehrsätze, Bekenntnisse und Bildungsprogramme. Judentum und Islam erinnern ausgerechnet das Christentum, die Religion der Inkarnation, an seine Fleischvergessenheit. Gott ist nicht ein bloßes Kopfprodukt, ein Gegenstand von reiner Lehre und Rechtfertigung. Religion hat ihren Sitz im wirklichen, gelebten Leben, in Praktiken, Ritualen, in Haltungen.

Haltungen sind, wie der Name sagt, nicht nur Einstellungen zu diesem und jenem, sondern ganz grundsätzlich etwas Körperliches. Eine Haltung verrät, wo und wie wir stehen, ob wir aufrecht sind oder uns ducken. Eine Haltung verrät, ob uns etwas in Fleisch und Blut übergegangen ist. Judentum und Islam erinnern das Christentum an diese Körperlichkeit, sie erinnern daran, dass authentischer Glaube einschneidend ist. Glaube hinterlässt Spuren.

Aber auch in der säkularen Rechtskultur macht sich die Rückkehr der verdrängten Leiblichkeit bemerkbar. Die Rede von der Sakralität der Person, die Betonung ihrer Unantastbarkeit, ist ein zentrales Prinzip des modernen Menschenrechtsgedankens, wie der Soziologe und Philosoph Hans Joas nachgewiesen hat. Unantastbarkeit und Unverletzlichkeit der Person, diese Grundbegriffe zeigen, dass auch das säkulare Recht nicht ohne körperliche Metaphern auskommt. Gegner und Befürworter des Kölner Beschneidungsurteils sind deshalb so ineinander verkeilt, weil sie ahnen, dass sie in ihren Widersprüchen auf gemeinsamem Boden stehen.

Es ist das nur undeutlich vorhandene Bewusstsein, dass die moderne liberale Rechtskultur und die gebildete Religion gleichermaßen leibhaftig werden müssen, wenn sie unser Leben bestimmen wollen. Denn auch die rechtlichen Sanktionen des säkularen Staates müssen in letzter Instanz einschneidend sein, wenn sie wirksam sein wollen, die Strafe des Rechts kann nicht restlos in sanfte Therapie überführt werden.

Säkulares Recht und religiöse Tradition stehen also gemeinsam vor der Frage, wie viel Leiblichkeit wir aushalten können, um das aufrechtzuerhalten, was uns wertvoll erscheint. Weil Religion und Recht einschneidend sind, wenn sie nicht belanglos bleiben, werden auch die Konflikte zwischen ihnen stets schmerzhaft sein. Dieser Schmerz kann nicht dauerhaft betäubt werden durch antiseptische formaljuristische Arrangements, weil wir hier zwar Handlungen erfolgreich reglementieren, aber den anderen in einer irritierenden Fremdheit nicht mehr spüren.

Genauso wenig darf sich der Konflikt zwischen säkularem Recht und Religion zur rechthaberischen Raserei steigern, in der einer wütend auf den anderen eindrischt und dabei doch nur das eigene Spiegelbild zertrümmert. Was auf dem Spiel steht, ist die Frage nach einem zivilen Zusammenleben angesichts der unvermeidlichen Konflikte der pluralistischen Gesellschaft, ein Zusammenleben, das die Extreme von kultureller Einförmigkeit und geistigem Bürgerkrieg vermeidet.

Der Autor unterrichtet Religionsphilosophie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und ist zur Zeit Fellow am Max-Weber-Kolleg in Erfurt.

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