Essay : Die Krise der anderen

Der Mensch ist kein moralisches Wesen - Finanzdebakel, Doping, SPD: Welchen Wert hat der Anstand?

Nadja Klinger

Vor Wochen noch war die Finanzkrise amerikanisches Kino. Doch jetzt merkt Europa, dass zu jedem Film Publikum gehört. Was immer irgendwo angerichtet wird, gelingt nur, wenn es keine Gegenbewegung gibt. Also haben wir es auch uns selbst zu verdanken, dass wir dumm dastehen, eins und eins nicht zusammenzählen können.

Bislang hatte jede Zahl ihren Wert. Er war niedrig, hoch, riesig. Jetzt stellt sich heraus, dass riesige Milliardenbeträge alles andere als riesig wertvoll sind. Obgleich sie nie existierten, richten sie Katastrophen an. In der Zeitung steht, es herrsche völlige Unklarheit darüber, was ist und was nicht ist. Die Welt verändert sich. Das ist eine Nachricht. Eine richtig gute.

Wo die Dinge unklar sind, muss Klarheit geschaffen werden. Fangen wir bei Worten an. Bei den Worten „verlieren“ und „gewinnen“. Fragen wir: Wie kann, wer nichts hat, viel verlieren? Muss viel tun, wer viel gewinnen will? Kann man Verlust erleiden und trotzdem Gewinner sein? Die Fragen kommen frisch aus Amerika. Könnte man meinen. Dabei kennt das Publikum sie längst. Es hat sie übersehen. Denn jede Krise war immer die Krise der anderen.

Im Sportstadion sieht das Publikum den Gewinner als Ersten ins Ziel laufen. Es sieht den Sieg, aber weiß nicht, worum es sich bei einem Sieg handelt. Ob der Läufer gewonnen hat, weil seine Beine perfekt waren. Ob die Trainingspläne stimmten, die Medikamente oder der Zeitpunkt, da er sie einnahm. Das Publikum weiß nicht einmal, wen der Gewinner besiegt hat. Seinen eigenen Schweinehund oder die Dopingkontrolleure oder all diejenigen, die der Angelegenheit keine Bedeutung beimessen.

Auch Hochleistungssport ist eine Blase. Das können viele Sportfans überall auf der Welt kompetent beurteilen. Im Sommer wohnten sie den Olympischen Spielen bei. Sie betrachteten die Gewinner in Peking wie man derzeit auf die Broker an der Wall Street blickt: mit ungläubiger Miene und dem Vorsatz, sich nicht kirre machen zu lassen. Auch im Fernsehen wurde über Doping geredet. Aber niemand sagte: Die Krise des Sports verändert die Welt.

Fast niemand. Vor den Olympischen Spielen hat die Schriftstellerin Ines Geipel ein Buch vorgelegt. Es heißt „No Limit“ und berichtet davon, dass Doping zu unserer Lebensweise gehört. Konkurrenz, Leistungsdruck nehmen zu, der Berufsalltag gestaltet sich als Rennen, das Verlierer einkalkuliert, damit es Gewinner gibt. Das Buch erzählt vom Sport. Und von der deutschen Studentin, die ihr Arbeitspensum nur mit Psychopharmaka bewältigt. Vom Manager, dessen persönliches Limit an anabolen Steroiden hängt, die er im Fitnessstudio einnimmt. Und dem Broker an der Wall Street, der vom Chef Hormone verordnet bekommt, um das Dauernervenpoker im Tagesgeschäft zu meistern. Der Untertitel des Buches ist eine Frage. Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft?

„Warum fürchtet die chinesische Regierung den Dalai Lama und warum nicht Ines Geipel?“, fragte der Philosoph Peter Sloterdijk im Juni in einer Talkshow. Und fürchten wir dieses Buch? Wenn wir in Fahrt kommen, öffentlich Fragen stellen, debattieren, geht es um Feuchtgebiete oder den Dativ, der dem Genitiv sein Tod ist. Wir haben die Wahl – weit entfernt von Problemen der anderen.

Als die SPD kürzlich in einem Brandenburger Hotel aus heftigem Gerangel um Machtinteressen ihren neuen Kanzlerkandidaten hervorbrachte, sahen wir den Parteivorsitzenden auf und davon ziehen. Wir sahen, dass Kurt Beck ungestüm ausschritt, mit Händen fuchtelnd und mit grimmigem Gesicht. Er war frustriert. Warum, das konnten wir uns denken. Später konnten wir es lesen: In der SPD hatte es an Anstand und Gewissen gemangelt, dafür Hinterhältigkeit und Verschwörung gegeben. Vertrauen wurde missbraucht, Versprechen wurden nicht eingelöst. Es gab einen Verlierer, der auf der Strecke blieb, und es gab Gewinner. Die Ereignisse wurden öffentlich analysiert. Man nannte sie: die Krise der SPD.

Hat faires Benehmen in einer Partei, der wir nicht angehören, für uns einen Wert? Was haben wir davon, wenn sie in der SPD anständig miteinander umgehen? Es heißt, mit Anstand ließe sich im politischen Geschäft kein Blumentopf gewinnen. Politik ist das Geschäft der anderen. Es gibt Leute, die sich in der Finanzkrise zusammenrauften. Sie kauften Aktien der Hypo Real Estate, die am Boden lag, und machten Gewinn. Der Mensch ist kein moralisches Wesen. Er will nicht Verlierer sein.

„Was machen Sie, sind Sie jetzt alle arm und depressiv?“, fragt am Morgen der Radioreporter einen Isländer, dessen Heimat so gut wie bankrott ist. Die Welt verändert sich. Aber nur, wenn sich die Krise noch ausweitet: auf eine Krise unserer Ansprüche. Wenn sie das Denken verändert, weil unsere Worte entwertet und wir gezwungen werden, ihnen eine neue Bedeutung zu geben. Es rauscht in der Telefonleitung, durch die der Isländer antwortet. Man versteht ihn nicht. „Das Problem ist rein akustisch!“, ruft der Reporter hinaus in die Ferne.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben