Essay : Die scheidende Generation - unsere Alten

Als sie geboren wurden, starb eine Welt – zwischen Kriegsende 1918 und dem Sturz der Weimarer Republik. Wer sind unsere Alten?

Dieter Lattmann

Zäsuren kündigen sich im Allgemeinen lautstark an, manche dagegen treten unauffällig ein, nur die Betroffenen bekommen sie zu spüren. Wer in seinen Jahren zwischen Vierzig und Sechzig auf einem Fachgebiet oder mehreren Aufmerksamkeit auf sich zog, sieht sich nach dem Auslaufen dieser Position unerwartet isoliert. Ob der Übergang sanft oder hart verläuft, ändert nichts an der Tatsache: Der Wirkungsgrad sinkt unaufhaltsam. Wie sich die erstmals wieder ganz auf sich Gestellten damit abfinden, beruht auf ihrem Charakter und entscheidet, ob sie sich, obwohl zurückgezogen, noch einmal erneuern können.

Nur Persönlichkeiten, die Geschichte machten, sterben unter allgemeiner Anteilnahme. Wie reguläre Begabungen einander ablösen, wirkt dagegen als Lauf der Dinge, und es scheint, dass ihre Leistung eher einem Rhythmus der Ähnlichkeiten folgt als der Einmaligkeit. Die heute Alten, die früher die entsprechenden Plätze einnahmen, sehen in den neuen Gesichtern und Namen trotz aller gepriesenen Erstmaligkeit die Kontinuität der eigenen Profession. Viele von ihnen haben ohnehin damit zu tun, die Spuren ihrer Lebenslinien aus den Gewalten und Brüchen der Zeit, in die sie hineingeboren wurden, zu entwirren.

Stück um Stück haben sie die Errungenschaften einer explosiven Epoche erfahren. Zu ihrer Lebenszeit haben Naturwissenschaft und Technik eine immense Zahl neuer Berufe in der Arbeitswelt hervorgerufen und altes Handwerk scharenweise ausgerottet. Was der Erste Weltkrieg für ihre Eltern bedeutete, haben sie im Zweiten durch überstürzte Siege, Jahre der Niederlagen und die totale Kapitulation durchgemacht. Sie waren Anfang Zwanzig bis Mitte Dreißig, als unser Land umgeschmolzen und geteilt wurde. Es lag in ihren Augen an der deutschen Fähigkeit zum Wiedererstehen, dass wir erneut in der Spitzengruppe der Weltproduktion figurieren, und sie wissen: Wer heute keine Arbeit hat, kann sich die Not der Arbeitslosen von 1930 kaum vorstellen. Gegenwärtig verursacht die Kluft zwischen Arm und Reich das vorherrschende Unrechtsgefühl.

Was immer mit den heute Alten und durch sie geschehen ist, bestimmt die Gemeinsamkeiten ihrer Generation, und in dem Maß, in dem sie erkennen, wie überholt sie den Jüngeren oft erscheinen, vermessen sie ihre Nähe und die Entfernungen zur Gegenwart neu. Welchen Stempel hat diese Generation, die jetzt gerade abtritt, unserem Staat aufgeprägt und wie vieles hinterlässt sie den Nachfolgenden mit bleibender Wirkung?

Als sie geboren wurden, starb eine Welt. Das war zwischen dem Kriegsende 1918 und dem Sturz der Weimarer Republik 1933. Ihre Eltern und die damals Alten sprachen noch vom Kaiserreich und seinem Glanz. Sie selber robbten als Kinder in den Uniformen der Hitlerjugend über den Zeltplatz der deutschen Hoffnung. In der Schulzeit begriffen sie bald, dass sie eine Fünf in Mathematik mit einer Eins im Sport ausgleichen konnten. Als der Führer den neuen Krieg befahl, rückten sie mit militärischem Gehorsam in fremde Länder ein. Nur die Glück hatten, kehrten als Überlebende in Trümmerstädte oder ausgemergelte Dörfer heim. Und gerade das sollte sich – vollkommen unerwartet – als Chance zu einem Neuanfang erweisen.

Sie alle konnten nicht ahnen, was aus ihnen werden würde, in ihrem von den Siegern besetzten Land. Wer von Geburt an besondere Talente mitbekommen hatte und sie in der von neuem umgestürzten Weltordnung anzuwenden wusste, stellte sich alsbald heraus. Zwei Gruppen, die zu Eliten wurden, mögen hier als Beispiel für andere gelten: die der Politik und die gegensätzliche der Literatur; die eine ist so extrovertiert wie die andere introvertiert.

Kein Politiker hat die Schriftsteller näher zu sich herangezogen als der Kanzler Willy Brandt. Günter Grass hat sie durch seine Wählerinitiative der SPD-Bundestagsfraktion dargeboten wie ein Geschenk. Helmut Schmidt nahm als Bundeskanzler seinen Freund Siegfried Lenz mit auf manche Reise in benachbarte Länder zu diplomatischer Mission. Hans-Jochen Vogel verstand sich mit Dieter Hildebrandt von der Münchner Lach- und Schießgesellschaft und mit Anneliese Friedmann, der Chefin der Abendzeitung. Autoren, nicht nur Klaus Harpprecht, bewährten sich als Redenschreiber für Regierende. Erhard Eppler gehörte auch als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit eher zur literarisch sensiblen Spezies, und Richard von Weizsäcker war als Bundespräsident wegen seiner geistigen Universalität geschätzt. Kanzleramtsminister Horst Ehmke wurde nach seiner Amtszeit zu einem Krimiautor mit Erfolg. Sie alle sind Angehörige der Scheidenden Generation. Hildegard Hamm-Brücher hat ihre politischen Wandel professionell in Buchform dokumentiert. Klaus von Dohnanyi wirkte wie die personifizierte Erfahrung des Widerstands im Hitlerstaat. Was für eine Phalanx gewachsener Zeitgeschichte!

Zu allen Zeiten bestimmen Generationszäsuren die Voraussetzungen für die tragenden Bündnisse der Macht. Die Alten begreifen, wie viele Entscheidungen, die für unser Land und seine Bewohner im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends getroffen werden, aus den Köpfen einer Regierung und von Parlamentariern stammen, die mit ihnen nur noch wenige Gemeinsamkeiten aufzuweisen haben. Und weil sie das schwerlich beeinflussen können, Passivität aber für sie kein wünschenswerter Zustand ist, beschäftigen sich ihre Gedanken zwischen Sorge und Hoffnung mit diesem Verwandlungsprozess.

Für die Alten sind es in der Regel die kleineren, persönlichen Dinge, die sie ununterbrochen hinzunehmen oder zu erfüllen haben. Sie haben es nie ganz verwunden, wie man mit ihnen umging, als das Ende ihres Berufs zuerst am Horizont erschien und dann wie im Sturm über sie herfiel. Plötzlich galt das meiste nicht mehr, was sie ihr Arbeitsleben lang als eigene Sache angesehen und wichtig genommen hatten. Das glich dem allgemeinen Vorgang in Betrieben und Behörden, wo viele Alte schon vor ihrem endgültigen Ausscheiden den Chef nicht mehr erreichen konnten. Vorgeschobene Freundlichkeit umfing sie wie Watte. Auf einmal uneingeweiht in die Interna, verloren sie das bisschen Mehr an Orientierung, das sie sich immer erarbeitet hatten. Gleichaltrigen, die ebenso an die Reihe kamen, erging es kaum anders. Falls nicht eine Reform ihre Stelle auslöschte. Das geschah auf allen Ebenen, in einer Fülle von Tätigkeiten.

Für Frauen war immer alles noch schwerer. Und als sie sich schließlich verabschiedeten, in die Rente gingen, kehrte ihnen nach einer Kurzwelle von Lobreden die Arbeitswelt den Rücken zu, und die ehemaligen Kollegen hüllten sich nur noch in Schweigen.

Inzwischen haben sie sich mit der Tatsache, dass sie nicht mehr zur Arbeit gehen, zwar nicht ausgesöhnt, aber abgefunden. Sie kennen sich aus mit Einkäufen, Gartenarbeit, Blumenpflanzen, Spaziergängen, Nachbarschaftstreffen und allen üblichen Gebräuchen. Ruhestand möchten sie das nicht nennen. Und weil ihre Köpfe nicht still stehen, stellen sie sich mitten in den veränderten Schichten ihrer Wirklichkeit immer neu die Urfrage: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin?

Als sie noch junge Erwachsene waren, haben die meisten von ihnen früh geheiratet, und ebenso jung waren sie gewillt, Verantwortung im Beruf zu übernehmen und eine Familie zu gründen. Im Krieg hatten sie gelernt, was es bedeutet, sich an der Front, in Lazaretten, auf dem Rückzug und der Flucht wie in Bombenkellern aufeinander verlassen zu können. Dass im Dickicht beruflicher Aussichten ihre eigenen Kräfte dominierten, haben fast alle der jungen Erwachsenen nach 1945 erfahren.

Zu Beginn dieses zweiten Versuchs, eine Demokratie in Deutschland heimisch zu machen, waren die jungen Deutschen durch die Jugendamnestie von der Gewissenslast aus dem Unrechtsstaat der Nationalsozialisten befreit. Als sie gegen Ende der sechziger Jahre das Schwabenalter erreichten, haben viele von ihnen auch aus diesem Grund ihr vierzigstes Jahr als Herausforderung verstanden, sich über die berufliche Arbeit hinaus sozial zu engagieren.

Die 68er-„Generation unter dem Wasserwerfer“ hat dann auch die inzwischen mittleren Jahrgänge neu politisiert. Daraus ging für viele der Älteren eine Nähe zu der Bewegung „Mehr Demokratie wagen“ hervor, und sie hatten einen Anteil daran, als nach zwanzig Jahren mit sieben Unionsregierungen, die aufeinander folgten, sich zum ersten Mal eine sozialliberale Koalition bildete.

Die Scheidende Generation bestellt ihr Haus. Wenn die Alten sehen, wie hoffnungsvoll und zugleich unsicher Heranwachsende heute in ihrer Umgebung sich in das Leben einschichten, vergleichen nicht wenige das mit ihrer eigenen, für sie neuartigen Unsicherheit und deren beiden Dimensionen, der geistigen und der körperlichen. Landschaften des Rückblicks zeigen ihnen Silhouetten der Generationen an. Die Erinnerungen des Alters sind gefüllt mit Bildern aus dem langen Leben, die am hellen Tag unaufhörlich ins Bewusstsein der Alten wiederkehren. In ihren Schlaf brechen Hirngespinste und Ängste ein, die Träume wollen nicht enden, sie bescheren ihnen Wiedersehen mit Toten, und in einem fort müssen sie nach Verlorenem suchen. Manchmal leuchtet eine plötzliche Hoffnung in ihnen auf, oft bedrücken sie Nachtmare, bis sie überrascht werden durch ein neues Wiederaufleben, das sie über sich selber staunen lässt.

Mögen die Alten sich noch so sehr um Gelassenheit mühen: Wie sie immer noch leidenschaftlich lieben, trauern, zürnen und vor Freude über Natur und Menschen erwärmen können, das hört nie auf, solange das Herz schlägt. Das Leben, wie sie es erfahren haben, ist der Stoff, den sie immer wieder durchdenken müssen. Zu den wiederkehrenden Begegnungen gehören die erwachsen gewordenen Kinder, wechselnd nah und fremd; es berührt sie als Mütter und Väter merkwürdig, wie sehr es immer ihre Kinder bleiben. Und die Wichtigkeiten der Enkel blitzen an den Augen der Alten vorüber.

Da sind die vordergründigen Erlebnisse, die einen verwirren, auch wenn sie einen öfter wundern als quälen. Ein Achtzigjähriger hat in der Regel im Auto eine Strecke zurückgelegt, die mehrfach um den Globus gereicht hätte. Und auf einmal meidet er den Innenstadtverkehr genauso wie die Autobahn, weil er die Lichthupen hinter sich ebenso wenig wie das Geschiebe im Stau verträgt.

Es gibt alte Männer, die einander fragen, ob der andere an der Deckenlampe noch eine Glühbirne auswechseln kann, ohne auf der Leiter allzu heftig zu schwanken. Oder ob er das gar nicht mehr versucht, weil er fürchtet runterzufallen. Die irreparablen Schäden an Körper und Seele mehren sich, und das erfordert, dass sich die Alten damit auseinandersetzen. Besser ist es, nicht festzukleben an Enttäuschungen und dankbar zu bleiben für jede Treue, die einem galt.

Wenn Alte mit gleichaltrigen Freunden über das Alter sprechen, ist das fast immer unpathetisch. Jeder weiß von den anderen, wie es um sie steht, und alle wissen, dass sie das Wichtigste zum Schluss nicht planen können, weil niemand voraussieht, wie das eigene Lebensende sein wird. Manche Menschen wollen sich nie darüber äußern. Viele andere haben zu zweit und gemeinsam alles Notwendige mit jahrzehntelangen Freunden bedacht und sich darüber ausgetauscht.

Dem Alter ist der Tod vertraut. Es bringt die Aufgabe mit sich, das Sterben zu begreifen, so weit ein Mensch das kann. Damit bleibt jede Frau auch vor ihrem Mann allein, und jeder Mann gegenüber seiner Frau. Wer von einem Paar am Ende übrig bleibt, sie oder er, bekommt den schwereren Teil aufgeladen. Wenn Krankheiten eines Tages ausweglos werden, sitzen die Alten schweigend bei ihren sterbenden Freunden, manchmal sogar Mitschülern von einst. Es ist einsam geworden. Selten gibt der letzte Aufenthalt dem Vertrauen einen Raum. Vielleicht geschieht das in einem Hospiz.

Was für die Scheidende Generation jetzt zählt, ist die Anstrengung, sich auf den eigenen Tod vorzubereiten. Diese Erfahrung überschreitet nicht nur diesseitige Grenzen, sondern stellt die Alten auch vor praktische Aufgaben. Umso wichtiger ist es für viele von ihnen, sich durch eine Patientenverfügung, die den eigenen Willen zweifelsfrei ausdrückt, gegen die Enteignung ihrer Identität im Prozess des Sterbens zu schützen. Im Bundestag existiert ein Gesetzentwurf. Viele warten darauf, dass dies Versprechen eingelöst wird, und sie fragen sich, ob das für sie nicht zu spät kommen wird.

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