Essay : Mein Kind gehört mir – wirklich?

Uns fehlt der Nachwuchs. Das ist auch deshalb fatal, weil die vorhandenen Kinder zur Privatsache ihrer Eltern geworden sind

Tissy Bruns

Im großen Geschrei über das Aussterben der Deutschen ist die gute Nachricht der Woche untergegangen. Oder können Sie auf Anhieb die häufigste Krankheit im Kindesalter nennen? Es handelt sich um die Kontaminierung des kindlichen Haarschopfes mit Kleinlebewesen, um die guten, alten Kopfläuse, die jedes deutsche Kind statistisch einmal befallen. Wer sie nicht kennt – infolge der Kinderlosigkeit nimmt die Zahl der Deutschen beständig zu, die niemals mit Goldgeist forte und Nissenkamm den ungebetenen Gästen zu Leibe rücken mussten –, wer Läuse also nicht kennt, den mag es schaudern. Doch für Eltern verklären sich gerade diese Schlachten, wenn sie vorbei sind. Denn der überstürzte Aufbruch aus dem Büro, der bei Läusealarm im Kindergarten unweigerlich fällig ist, der Kampf um Haare, Bettzeug, Kuscheltiere, das ist ein Kampf ums Kind, den wir leicht gewinnen.

Er mahnt an nicht so ferne Zeiten, als unzählige Kinder unter Armut, Infektionen, Ungeziefer gelitten haben. Kopfläuse sind ein elterliches Gemeinschaftserlebnis, das den Schauder vor vergangenen Schrecken in dem wohligen Gefühl aufhebt, auf der sicheren Seite zu sein. Wo Läuse sind, da sind auch Vorschriften: Man fügt sich ihnen wie frühere Eltern den Reihenuntersuchungen auf Tuberkulose oder den Impfprogrammen. Und reiht sich damit gleichzeitig ein in eine Generationenfolge, die ohne Nachdenken das Wissen transportiert, dass Kinder auf eine Gemeinschaft angewiesen sind, in der Gefahren lauern, die Schutz und Hilfe gewähren kann, in der Entwicklung möglich ist, wenn ihre Regeln geachtet werden.

Deshalb war die Läuse-Meldung eine gute Nachricht. Das Problem ist nur: Es ist nicht ganz sicher, ob sie auch stimmt. Zweifel sind nicht nur deshalb angebracht, weil sie in „Bild“ zu lesen war. Sondern es sind grundsätzlich Fragezeichen fällig, wenn es um die Kinderwelten in Deutschland geht.

In Berlin wissen die Behörden nicht genau, in welchem Ausmaß täglich die Schulpflicht verletzt wird, weil die Frage nach der Teilnahme muslimischer Mädchen am Biologie- oder Sportunterricht lange Zeit als latent diskriminierend galt. In Hamburg werden jährlich ungefähr 100 Kinder gesucht, die irgendwie vorhanden sein müssten, aber von ihren Eltern nicht zur Schule angemeldet worden sind – bei den Kindergeldstellen darf aus datenrechtlichen Gründen übrigens nicht nachgeforscht werden. Es ist unbekannt, wie groß die Zahl der Heranwachsenden ist, die als Täter oder Opfer in Abziehdelikte verwickelt werden, bevor sie die Schule verlassen. Die Mehrzahl der deutschen Akademiker dürfte nicht einmal wissen, was ein Abziehdelikt überhaupt ist. Doch zahllose Schüler lernen das Gefühl gekränkter Männlichkeit früh kennen, wenn drei 15-Jährige sich vor einem 12-Jährigen aufbauen: Her mit deiner Jacke oder…

Obwohl die Weltgesundheitsorganisation Adipositas seit 1987 als Krankheitsbild definiert und 1997 eine „globale Epidemie“ genannt hat, werden in Deutschland erstmalig 2006 repräsentative Daten für das gesamte Bundesgebiet über die Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen vorliegen. Nach dem Tod von Jessica und anderen schrecklichen Fällen von Misshandlung gibt es Gesetzesinitiativen, die Kinder-Vorsorgeuntersuchungen verpflichtend zu machen, um Vernachlässigung früh zu erkennen. Bisher geben nur Stichproben Auskunft, wie viele Eltern mit ihren Kindern überhaupt zur „U“ gehen. Aber dass staatlicher Zwang oder Pflicht falsch sind, das haben die Familien- und die Gesundheitsministerin schon verkündet, bevor sie uns sagen können, wie groß das Problem versäumter Untersuchungen überhaupt ist.

Kinder sind Privatsache. Die Gesellschaft will nicht so genau wissen, wie sie leben. Sie verlässt sich seit drei Jahrzehnten mehr und mehr auf die Eltern. Diese tragen ein Maß an Verantwortung und Mitsprache für ihre Kinder, das früheren Elterngenerationen nicht zugewiesen war. In den Familien der 50er und 60er Jahre war noch gegenwärtig, was Mangelernährung und Infektionskrankheiten anrichten können. Sie wurden bekämpft: mit Reihenuntersuchungen, Schulmilch, Impfprogrammen, Landverschickung, schulärztlichen und -zahnärztlichen Untersuchungen, der Autorität von Lehrern, Pfarrern und Hausärzten, der die Eltern folgten. Manchmal, im Gefühl der Pflichterfüllung, auch zum Nachteil ihrer Kinder.

Der Wohlstandsexplosion folgte in den 70er Jahren eine kulturelle Revolution: Mit der Pille wurden Kinder zur bewussten Entscheidung, das Wunschkind zum Normalfall. Selten hat sich so drastisch bestätigt, dass Freiheit vor allem Verantwortung ist. Denn das Glück des Kindes, zu dem man sich ganz frei entscheiden kann, liegt nach allgemeiner Erwartung ganz bei seinen Eltern. Dass die Deutschen, und die Ostdeutschen besonders lange, staatliche Anmaßung auf ihre Kinder erlebt haben, verstärkt diese Tendenz. Und so lautet im Jahr 2006 der Befund, dass nirgendwo im deutschen Versorgungsstaat die Eigenverantwortung so ausgeprägt ist wie bei ihren schwächsten Mitgliedern. Kinder brauchen starke Eltern; wer die nicht hat, kann sich auf niemanden verlassen.

„Wir haben uns das Wegsehen angewöhnt, Hinschauen haben wir verlernt“, sagt Werner Wörmann. Im Sitzungssaal 2200 des Paul-Löbe-Hauses hat die SPD-Bundestagsfraktion Experten zum Thema „Auf den Anfang kommt es an – gesundes Aufwachsen von Kindern“ versammelt. Wörmann vertritt ein Modellprojekt zur Früherkennung in Bielefeld, Rudolf Lange eines aus Mettmann. Wolfram Hartmann spricht für die Kinder- und Jugendärzte, Elisabeth Pott ist Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Es ist gut, dass sie den Familien- und Gesundheitsexperten der SPD Statistik und Erfahrung vortragen. Noch besser wäre es, die gleiche Runde säße einmal bei der Kanzlerin, dem Finanzminister oder dem Regierenden Bürgermeister von Berlin.

Denn das Bild, das sich auch in anderen Daten wiederfindet, solchen über Bewegung, Spracherwerb oder Schulabschlüsse, kann nur so resümiert werden: Jedes zehnte Kind fällt durch, jedem fünften fehlt ein starker Anwalt seiner Interessen. Nach Erhebungen in Nordrhein-Westfalen liegt die Teilnahme für die Früherkennungsuntersuchungen U1 bis U6 ungefähr bei 90 Prozent. Nach dem 2. Lebensjahr bricht die Beteiligung ein: Wenn es um die Entwicklungsstörungen zwischen drei und sechs Jahren, also um die wichtigen Vorschuljahre geht, machen nur noch 80 Prozent der Eltern den Weg zum Kinderarzt. Nach Statistiken der Bundeszentrale nehmen sogar nur 63 Prozent die Vorsorgeuntersuchungen U8 und U9 in Anspruch. Unstrittig ist, dass die Kinder betroffen sind, die es besonders nötig hätten. Der Evaluationsbericht des Pilotprojekts „Ich geh’ zur U! Und Du?“ nennt sie: „die Kinder aus bildungsfernen und sozial schwachen Schichten“.

Der verschämte Euphemismus beschreibt die Wirklichkeit unseres Landes. In den letzten drei Jahrzehnten sind parallele Kinderwelten entstanden: die der Wunschkinder mit einfühlenden, fürsorglichen und engagierten Eltern; und die der Kinder, die im Schatten der Arbeitslosigkeit und der ungelösten Migrationsprobleme aufwachsen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband rechnet vor, dass von den 15,2 Millionen Kindern in Deutschland 1,5 bis 1,7 Millionen auf Hartz-IV-Niveau leben. Eklatant sind die Zahlen in Städten wie Berlin (29,9 Prozent aller Kinder) oder Hamburg (20,4 Prozent).

Von den 947 446 Abgängern des Jahres 2003 verlassen 8,9 Prozent (also beinah jeder Zehnte) die allgemeinbildende Schule ohne Hauptschulabschluss. Bekanntlich ist der Start ins Berufsleben auch für die 26 Prozent, die eine Hauptschule geschafft haben, sehr schwer. In Städten wie Berlin haben erfolgreiche Realschüler Mühe, Ausbildungsstellen zu finden, weil sie mit den Abiturienten konkurrieren.

Jedes Kind soll Deutsch sprechen können, wenn es eingeschult wird. Wie dieses Credo durchgesetzt werden soll, bleibt vorerst das Geheimnis der Politiker, die es ins Repertoire ihrer Sonntagsreden aufgenommen haben. 25 000 künftige Erstklässler hat Berlin getestet, mit niederschmetternden Erkenntnissen. Obwohl die übergroße Mehrheit in die Kita geht, spricht jedes vierte Kind schlecht Deutsch, bei den rund 1100 Kindern ohne Kita-Besuch ist es sogar jedes zweite. 566 Berliner Kinder müssen nun zum Pflicht-Sprachkurs. Ob sie, ob die zwölf Prozent der deutschen Kinder, die hinterherhinken, und die 56 Prozent der sechsjährigen Migrantenkinder mit mangelhaften Sprachkenntnissen dem Unterricht der ersten Klasse wirklich folgen können?

Von der Sonntagsrede bis zur Wirklichkeit führt nur ein Weg: Wer will, dass alle sechsjährigen Kinder ihre Chance in der Schule nutzen können, muss sich die vierjährigen Kinder ansehen. Von Staats wegen und aus doppeltem Grund. Denn nicht nur der mangelnde Spracherwerb ist für manches deutsche und viele Migrantenkinder eine frühe Barriere. In den „bildungsfernen und sozial schwachen Schichten“ breitet sich auch die Infektionskrankheit unserer Zeit aus, die vielen Kindern ein schweres Lebensschicksal aufbürdet. Sie steckt nicht biologisch an, aber sozial: die Passivität.

Der Arzt Dietrich Grönemeyer berichtet von Daten zur Fitness von Schulkindern, die an der Universität Karlsruhe gesammelt werden. Danach rannten zehnjährige Jungen Mitte der 70er Jahre bei einem Sechs-Minuten-Lauf im Durchschnitt noch 1150 Meter weit, heute schaffen sie nur noch 890. Elfjährige Berlinerinnen brachten es beim Weitsprung 1995 auf einen Durchschnittswert von 3,10 Meter, heute sind es noch 2,78. Für harmlos kann diese Daten nur halten, wer wegsehen will: von Bewegungsmangel, Fernsehkonsum, Fehlernährung, Übergewicht. Und von der Fettsucht mit den schrecklichen psychischen Lasten und Gesundheitsrisiken. Nach Auswertung von 128 000 Daten aus 227 Kinder- und Jugendarztpraxen wurde im Jahr 2001 bei 6,92 Prozent der Jungen und 7,14 Prozent der Mädchen eine Adipositas festgestellt. Und wieder sind Mädchen aus Migrantenfamilien besonders betroffen, also die gleichen Kinder, die von ihren Eltern als Vierjährige nicht zur „U“ gebracht werden, als Sechsjährige schlecht Deutsch sprechen und in der Pubertät vom Sportunterricht ferngehalten werden.

Ihre Eltern können sich dabei übrigens auf Gerichtsurteile zur Religionsfreiheit stützen. Denn bis in die Richtersprüche macht sich in einer kinderarmen Gesellschaft schnell ein Denken breit, das Erwachsenenrechte vor die der Kinder stellt. Selbst starke Eltern sind keine schlagkräftige Lobby, wenn der Gesellschaft das Gefühl dafür verloren geht, dass alle Heranwachsenden „unsere“ Kinder sind, die zuallererst Anspruch auf Schutz, Förderung, Gesundheit und Bildung haben. Heute weiß jeder Landrat, wo im Konflikt um Lärmschutzwand oder Kindergarten die stärkeren Wählerbataillone stehen: nicht beim Kindergarten.

Schulprobleme, Fehlernährung, Gewalt: Potenzielle Eltern ahnen, dass die Gesellschaft ihnen eine Verantwortung aufträgt, die Väter und Mütter allein nicht einlösen können – und bleiben auch deshalb kinderlos. Nicht nur fehlende Kinder sind ein gesellschaftliches Problem – sondern jedes geborene Kind ist ein Gemeinschaftswesen, das sich auf die gesellschaftliche Obhut in Kindergarten oder Schule verlassen können muss, ebenso wie es die Liebe und Fürsorge seiner Eltern braucht.

„Wir müssen wollen, dass alle Kinder zur ,U‘ gehen!“ hat der Bielefelder Projektleiter Wörmann im Paul-Löbe-Haus ausgerufen. Und der Kinderarzt Wolfram Hartmann verlangt: „Das Kindeswohl muss ins Zentrum.“ Die Verfassung habe den Staat den Eltern gewissermaßen subsidiär an die Seite gestellt, hat Verfassungsrichter Udo di Fabio kürzlich gesagt. Artikel 6 des Grundgesetzes erklärt die Erziehung der Kinder zum „natürlichen Recht“ und zur Pflicht der Eltern. Dann aber heißt es weiter: „Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ Die Klagen über die Geburtenraten klingen hohl, solange dieser Auftrag für die kleine Zahl von jährlich 700 000 geborenen Kindern nicht eingelöst wird.

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