Essay über den Wandel der Gefühlskultur : Vom Verschwinden der Scham

Kälte ist Selbstbeherrschung, Contenance. Wärme ist das unverstellte Sich-Darbieten, die Enthüllung der eigenen Befindlichkeit. Heute hat das Wärmegebot, authentisch zu sein, das Kältegebot der Distanziertheit abgelöst.

Ulrich Greiner
Schlüsselloch? Das war einmal. Heute ist die freiwillige Preisgabe intimer Details durchaus üblich.
Schlüsselloch? Das war einmal. Heute ist die freiwillige Preisgabe intimer Details durchaus üblich.Foto: dpa

Scham entsteht, wenn ich mich plötzlich selber sehe. Ich sehe mich mit dem moralischen Blick meines besseren Ichs, ich empfinde mich als mangelhaft oder gar als minderwertig. Voraussetzung dafür ist eine Spaltung zwischen meinem Ich und meinem Selbst. Diese Distanz kann im Extremfall pathologisch werden. Sie kann aber auch Ausdruck einer Stärke sein, als wäre die Person doppelt verankert. Obgleich sie gerade dadurch zu starken Schamgefühlen fähig ist, gewinnt sie zugleich eine Art Wehrhaftigkeit gegen die Außenwelt.

Ernst Jüngers Erzählung Afrikanische Spiele beleuchtet das. Sie beginnt mit den Fantasien eines Sechzehnjährigen, der sich danach sehnt, jene abenteuerliche Welt, die er in seiner Lektüre oft durchstreift hat, tatsächlich kennenzulernen, und er verfällt auf die Idee, zur Fremdenlegion zu gehen. Das gelingt ihm schließlich. Bei seinen Erlebnissen spielt eine gewisse Dorothea eine Rolle. Es handelt sich dabei nicht um eine leibhaftige Person, sondern um eine geträumte Gestalt, um eine Art Schutzengel: „Ich hatte ein starkes Zutrauen zu ihr.“ Dorothea ist die Verkörperung einer bezwingenden Intuition, die innere Stimme, die ihm den Weg weist. In der Kaserne lernt er einen jungen Mann namens Leonhard kennen, zu dem er sich auch deshalb hingezogen fühlt, weil er jemanden sucht, mit dem er sich austauschen kann. Leonhard, der sich in einem Zustand seelischer Not befindet, sucht seinerseits die Nähe des Erzählers. „Obwohl er Worte bevorzugte, die mir peinlich waren, wie ,Harmonie’, ,gleichgestimmte Seelen’ und ähnliche, tat er mir doch leid, und ich beschloss, ihm beizustehen.“

Doch nun meldet sich Dorothea: „Es schien mir wunderlich, dass sie sogleich gegen Leonhard Stellung nahm, denn ich erwartete das Gegenteil. Sie riet mir jedoch, den Verkehr mit ihm zu meiden.“ Er folgt ihrem Ratschlag. Als er wenig später Leonhard begegnet, der gerade seinen Kummer im Wein ertränkt, heißt es: „Ich hatte den Eindruck, dass er mich gern in ein langes nächtliches Gespräch über sein Unglück verwickelt hätte; er begann gewissermaßen schon die Kerzen dazu aufzustecken, aber ich hatte wenig Lust, an dieser trüben Feier Teilnehmer zu sein.“ Und er überredet ihn, die Gesellschaft der Kameraden aufzusuchen.

Dorothea ist keine Göttin der Empathie. Sie rät ihrem Schützling, sich vom verzehrenden und verletzbar machenden Mitleid fernzuhalten. Nur die Distanz, die man zu sich selber hat, erlaubt es, eine hygienische Distanz zum Nächsten aufzubauen. Es gilt, sich gegen Schwächungen zu immunisieren.

Ulrich Greiner war von 1986 bis 1995 Feuilletonchef der „Zeit“. Der Text stammt aus seinem neuen Buch „Schamverlust – Vom Wandel der Gefühlskultur“ (Rowohlt Verlag, Reinbek 2014).
Ulrich Greiner war von 1986 bis 1995 Feuilletonchef der „Zeit“. Der Text stammt aus seinem neuen Buch „Schamverlust – Vom Wandel...Foto: picture-alliance/ dpa

Von einer „sonderbaren Vergiftung durch Mitgefühl“ spricht Stefan Zweig in seinem Roman Ungeduld des Herzens. Die Geschichte spielt im Jahr 1913. Der junge Leutnant Anton Hofmiller ist nahe der ungarischen Grenze stationiert. Eines Tages erhält er die Einladung zu einem Bankett im Schloss. Infolge eines Missgeschicks zu spät gekommen findet sich für ihn keine Gelegenheit, der Familie vorgestellt zu werden. Als er die Tochter des Hauses zum Tanz auffordert, geschieht der Eklat. Was er nicht weiß und nicht sehen kann, da sie in einem Sessel sitzt: Edith ist behindert, sie kann nur auf Krücken gehen. Sie bricht in ein furchtbares Schluchzen aus. Ohne um Verzeihung zu bitten, läuft er davon.

Überwältigt von Scham- und Schuldgefühlen lässt er ihr einen gewaltigen Korb Rosen bringen. Als Antwort erhält er die Einladung, sie zu besuchen. Im Bestreben, den Faux-pas wiedergutzumachen, erscheint er unverzüglich, und es ergeben sich regelmäßige Begegnungen. Edith legt großen Wert darauf, weil ihr der hübsche Leutnant mehr und mehr gefällt. Dieser, gelangweilt durch die Kasernenroutine, findet das prachtvolle Ambiente des Schlosses ebenso anziehend wie Ediths zarte Erscheinung, und er spürt, wie eine Veränderung von ihm Besitz ergreift: „Dieser eine zornige Blick, da ich in den Augen der Gekränkten eine bisher ungeahnte Tiefe menschlichen Leidens erkannte, hatte etwas in mir aufgesprengt, und nun strömte von innen eine jähe Wärme durch mich hin, jenes geheimnisvolle Fieber erregend, das mir selbst unerklärlich blieb wie immer dem Kranken seine Krankheit.“

Der Leutnant Hofmiller wird dieser Krankheit erliegen. Der „subtilen Lust“ des Mitleidens „wie einer dunklen Leidenschaft verfallen“, nährt er in der unglücklichen Edith die Hoffnung, geheilt zu werden, und stimmt, mitgerissen von ihrer Verliebtheit, einer Verlobung zu. Damit jedoch hat er sich übernommen. Denn nichts fürchtet er mehr als den Spott der Kameraden, wenn sie davon Kenntnis bekämen, und er verleugnet nach außen die Verbindung. Als Edith dies erfährt, bringt sie sich um – just am Tag der Ermordung des österreichischen Thronfolgers. Der Leutnant, zutiefst erschüttert, erblickt in dem ausbrechenden Krieg seine Rettung: „Ich flüchtete in den Krieg wie ein Verbrecher ins Dunkel.“

Es ist bemerkenswert, mit welcher Schärfe der Roman das Mitleid als Krankheit beschreibt – nicht jedes Mitleid, sondern lediglich das sentimentale und selbstgefällige Mitgefühl des Leutnants. Ihm steht keine Dorothea zur Seite, die ihm von undurchsichtig-schwülen Abhängigkeiten abraten könnte. So lädt er aus Schuldgefühl neue Schuld auf sich und gerät von einer Scham in die nächste.

Während Stefan Zweigs Held in sich einen Wärmestrom verspürt, dessen Verderblichkeit er zu spät erkennt, ist Jüngers Held darauf bedacht, diese Wärme gar nicht erst aufkommen zu lassen. Der Typus, dem wir bei Jünger begegnen, legt höchsten Wert auf Haltung, auf Stolz und Selbstachtung. Nichts gefährdet den Stolz mehr als die Scham. Gerade weil dieser Typus über ein hohes Maß an Reflexivität verfügt und folglich über ein hohes Maß an Schamfähigkeit, hat er ein elementares Interesse an Schamvermeidung. Sie gelingt durch die Kunst, sich nicht verstricken zu lassen.

Es gelingt keineswegs immer. In den Afrikanischen Spielen wird der Erzähler in Algerien stationiert. Angeleitet von einem älteren Kameraden gerät er eines Abends in eine der „dunklen Behausungen“, wo zwei Mädchen in gelben Kleidern auf ihre Freier warten. Die Mädchen waren „gewiss für den Kenner nicht ohne Reiz“. Nun ist der Erzähler gewiss kein Kenner und deshalb einigermaßen verlegen, als der Kamerad mit einem der Mädchen verschwindet und ihn mit dem anderen allein lässt. „In dieser heiklen Lage schien es mir am besten, zu tun, als ob ich mit dem ganzen Handel nichts zu schaffen hätte.“ Er setzt sich und wartet ab. „Nachdem ich dort eine Weile tiefsinnig vor mich hingestarrt hatte, wagte ich einen Seitenblick und wurde von einem neuen, verdoppelten Schrecken gepackt, denn die gelbe Dame war, als ob sie sich ganz allein im Raum befände, gerade dabei, ihr Fähnchen über den Kopf zu streifen, unter dem sich weder Hemd noch Wäsche befand. Bei diesem unerwarteten Anblick stürzte ich, als ob mich eine Biene gestochen hätte, zur Tür hinaus, freilich weniger aus Tugend als in einem unwiderstehlichen Anfall von Verlegenheit.“

Die panische Reaktion des Erzählers zeigt, dass seine Strategie der Schamvermeidung zusammengebrochen ist. Vermeidung von Scham bedeutet die Vermeidung von Nähe. Die Frau ist ihm zu nahe gekommen. Das Verführerische, das von ihr ausgeht, erscheint als schiere Bedrohung des Selbst. Dringend muss es den Wärmestrom des Begehrens abwehren. Wärme führt zur Abschmelzung seines festen Kerns. Dagegen hilft nur die Einübung in Kälte. (...)

Der Erste Weltkrieg, in den Anton Hofmiller ebenso flüchtet wie Hans Castorp im Zauberberg, wird auch für Ernst Jünger zu einer Schule des kalten Blicks. In seinem Buch In Stahlgewittern notiert er mit der Präzision eines Berichterstatters das schiere Grauen. Sein Bestreben liegt zunächst darin, es nicht an sich herankommen zu lassen, und es gibt Passagen eines unheimlichen Humors. Nachdem der Kompanieführer Jünger den Bericht von einer Attacke vernommen hat, bei der drei Kameraden von einer Granate „zerrissen“ worden seien, heißt es: „Nach dieser Erzählung zündete ich mir für alle Fälle eine Zigarre an.“

Jüngers kalter Blick ist nicht kalt genug, um ihn über das Wegsterben seiner Kameraden und über die eigenen Verwundungen mit der erwünschten Désinvolture hinwegzutragen. Da er nun das Grauen nicht leugnen kann, gelangt er mit der Todeserfahrung in ein höheres Stadium. Es besteht darin, das Grauen anzunehmen und durch es hindurchzugehen. Am Ende des Kapitels „Die große Schlacht“, bei der ihn eine Granate nahezu tödlich trifft, schreibt er: „Die ungeheure Ballung der Kräfte in der Schicksalsstunde, in der um eine ferne Zukunft gerungen wurde, und die Entfesselung, die ihr so überraschend, so bestürzend folgte, hatten mich zum ersten Male in die Tiefe überpersönlicher Bereiche geführt. Das unterschied sich von allem bisher Erlebten; es war eine Einweihung, die nicht nur die glühenden Kammern des Schreckens öffnete, sondern auch durch sie hindurchführte.“

Jünger spricht von „Einweihung“. Eingeweiht wird nicht jeder. Der Einweihung würdig zu werden ist nicht Lohn einer Anstrengung, sondern Folge einer glücklichen Geburt. Jünger hat von den Gesetzmäßigkeiten der Sterne immer viel gehalten. Man muss ihnen allerdings entsprechen und einer aus dem nächtlichen Himmel Weisung gebenden Dorothea Folge leisten. Daraus bildet sich jener Aristokratismus, der Jüngers Werk von Grund auf prägt. In den Marmorklippen berichtet der Erzähler: „Damals wurde es mir deutlich, dass die Panik, deren Schatten immer über unseren großen Städten lagern, ihr Pendant im kühnen Übermut der Wenigen besitzt, die gleich Adlern über dumpfem Leiden kreisen.“ Der Übermut der Wenigen: Er entsteht nicht nur aus Kühnheit, sondern auch aus Schamvermeidung. Es ist besser zu sterben, als sich schämen zu müssen.

Jüngers Kältekonzept ist elitär. Es hat jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts – und verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg – konträre Bewegungen gegeben, die den Rationalismus der Kälte durch die Wärme einer gleichgestimmten Emphase für etwas Gemeinsames ersetzen wollten. In seinem Traktat Grenzen der Gemeinschaft (1924) hat Helmuth Plessner die Flucht in die Wärme des Gemeinschaftlichen leidenschaftlich kritisiert. Das Individuum, das sich in die Öffentlichkeit begebe, müsse sich eine Form geben, in der es unangreifbar werde: „Eine Rüstung gleichsam, mit der es den Kampfplatz der Öffentlichkeit betritt.“

Plessners Argumente lassen sich der Polarität von Kälte und Wärme zuordnen. Kälte wäre Selbstbeherrschung, Contenance. Und Wärme wäre das unverstellte Sich-Darbieten, die Enthüllung der eigenen Befindlichkeit, kurz: sie wäre das, was wir authentisch nennen. Heute hat das Wärmegebot, authentisch zu sein, das Kältegebot der Distanziertheit abgelöst. Man erkennt den Wandel, wenn Plessner schreibt: „Wir bedürfen der Hemmungen um unserer selbst willen, der Verhaltung, der Stauung, um Gefälle zu haben, und diesen bedeutenden Dienst erweisen Zeremoniell und Prestige durch die Rücksicht, die sie von uns verlangen. Der Schrei nach korsettloser Tracht verdient nur bei sehr guten Figuren ein Echo zu finden.“

Das Korsett ist verschwunden. Und so, wie die Mode es nahelegt, die eigene Figur, sei sie „sehr gut“ oder eben nicht, unverstellt zu zeigen, so legen auch die modernen Umgangsweisen es nahe, sich spontan, authentisch zu geben. Sie tendieren zur Intimität, zur Wärme. Was Plessner emphatisch Öffentlichkeit nennt, ist in Teilöffentlichkeiten zerfallen. Die Generationen und ihr Lebensstil bleiben für sich: Die ganz Alten in den Heimen, die Rüstigen bei Seniorennachmittagen in der Pfarrei oder gemeinsamen Ausflügen; die Jungen auf dem Kiez, bei den angesagten Partys und in den Clubs. Im Netz versammeln sich die nach Ausbildung und Alter verschiedenen Kohorten. Die Preisgabe intimer Details ist durchaus üblich, wenngleich nicht an jedermann, sondern an vermutlich Gleichgesinnte.

Der kalte Typus, der auf Haltung Wert legt, ist hier, wo die Wärme des Einverständnisses herrscht, nicht zu Hause. Das hat für den Mechanismus der Scham weitreichende Folgen. Im freundschaftlichen Kreis ist Schamvermeidung nicht das oberste Gebot: Man weiß sich aufgehoben im Gleichklang, und weil Entblößungen nicht geahndet, hier und da sogar verlangt werden, bedeutet die grundstürzende Scham nicht übermäßig viel. Das protestantische Gewissen, das ein Verhalten unabhängig vom Beifall vorschreibt, ist im Schwinden begriffen.

Die Gefahr, die jetzt droht, ist die der Peinlichkeit. Sie entsteht, wenn der Gleichklang durch einen Misston gestört wird. Er kann sich in einer falschen Geste, falschen Bemerkung, falschen Kleidung äußern. Der klassische Fehltritt, der zu einer das ganze Leben verändernden oder gar vernichtenden Scham führen könnte, ist hier unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass sich die nächste Peinlichkeit aus der vorherigen ergibt. In den Gemeinschaften der Wärmezone ist man nur von Freunden umgeben. Tatsächlich gibt es in der Facebook-Welt ausschließlich Freunde. In der vergangenen Welt eines Ernst Jünger oder gar Carl Schmitt hätte man sich über die Menge seiner Feinde definiert. Heute besteht die Aufgabe darin, sich vor seinen Freunden in Acht zu nehmen.

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