Essay : Wie wir uns selbst betrügen

Die Realität genügt nicht mehr – um uns herum muss alles perfekt sein. Doch wie viel Inszenierung ist verkraftbar, damit wir nicht verrückt werden?

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Die Autorin ist Fernsehmoderatorin und Buchautorin. Der Text ist ihrem neuen Buch „Betrüger
Die Autorin ist Fernsehmoderatorin und Buchautorin. Der Text ist ihrem neuen Buch „Betrüger

Betrachtet man den Zustand unserer Gesellschaft, verschärft sich der Eindruck, der Mensch entwickle sich zu einem vorgefertigten Teigling, dessen Lebensinhalt darin besteht, fertig aufgebacken zu werden. Wenn die Mikrowelle klingelt, dann haben wir das Ziel erreicht.

Es fängt an, wenn uns im Supermarkt aufgemotzte Produkte anstarren, die verkünden, dass sie uns schön, schlau und schlank machen. Tatsächlich aber sind es Chemiecocktails, im Hightechlabor entwickelt und angereichert mit künstlichem Aroma, viel Zucker und Fett. Wenn solche Kalorienbomben dann von Sportstars beworben werden, so, als würden uns diese ebenso fit machen, haben es die Marketingexperten wieder mal geschafft. Dann lassen wir uns mit überteuerten Mogelpackungen abspeisen. Müssen zwar nicht mehr hungern, essen uns aber krank.

Wenn beim Arztbesuch nicht mehr zählt, wie es dem Patienten geht, sondern von Belang ist, welche Chipkarte er hat. Wenn eine Selektion nach Kassenlage erfolgt und verordnet wird, was Geld bringt. Dann sind die Kranken Mittel zum Zweck, um Gewinne zu machen. Wenn Politiker, statt regulierend einzugreifen, hauptsächlich in ihre persönliche Wirkung investieren. Wenn sie vom blendenden Redner zum redenden Blender mutieren. Dann werden Rettungspakete geschnürt, die sich schon am Tag danach als Milliardenguss in ein Fass ohne Boden erweisen. Wenn das alles die Finanzjongleure nicht juckt, weil sie am Ende die Rechnung nicht zahlen, dann zocken sie weiter mit ihren Supercomputern – so, als ob das Geld nicht erwirtschaftet, sondern einfach nur gedruckt werden müsste.

Wenn in den Medien auf Skandalisierung gesetzt wird, statt auf eine reflektierte Darstellung der Wirklichkeit. Dann wird erneut unser Verstand lahm gelegt, folgt auf Fernsehen Kurzsichtigkeit und die Wunschannahmebildschirme werden zu Wirklichkeitsverschleierungsapparaten. Und wenn auch frühkindliche Bildungsstätten oder Universitäten keine Forschungs- und Denkwerkstätten mehr sind, sondern formatierte Wissensabhak-Controlling-Agenturen, dann ist nur noch die Funktionstüchtigkeit unserer Kinder erwünscht, aber nicht mehr deren Persönlichkeit.

Täuschen und Tricksen werden dann zu Kernkompetenzen in rauen Abstiegszeiten. Mediencharaktere etablieren sich, die nicht mehr fragen: Wer bin ich? Sondern nur noch: Wie werde ich wahrgenommen? Angepasst an die Verkaufsgesellschaft, in der sich alles marktschreierisch aufdrängt, geht es um Eindrucksmanagement, um Kompetenzdarstellungskompetenz. Neben Faken, Wulffen und Guttenbergen regieren Vernebeln und Verblenden. Und damit der systematische Betrug nicht auffällt, werden Einzelne zu bedauerlichen Einzelfällen hochstilisiert, über die man sich hämisch-moralisch erheben kann und mit denen man ansonsten angeblich nichts gemein hat.

Dabei sind wir alle Lügner, weil das Lügen in unseren Genen verankert ist. Längst jedoch geht es nicht mehr um kleine Alltagsschwindeleien, um Schmeicheleien, die ein Schmiermittel in unserem Miteinander sind. Längst geht es auch nicht mehr nur um die galante Kunst der Verstellung, die schon im Tierreich anzutreffen ist. Die Mimikry, die im Kampf ums Überleben ihre Wurzeln hat. Aufgeplustert und geschönt sind inzwischen nicht nur die Selbstdarstellungen und Lebensläufe. Blasen entstehen überall: Finanzblasen, Medienblasen, Politikblasen – bis wir zu einer Zivilisation der Flatulenz geworden sind, in der selbst die Sprache zum Blasebalg wird und nicht mehr der Verständigung dient oder dem Trost. Sprache wird instrumentalisiert, um ein Feuer des Begehrens zu entfachen und jeden Auftritt zur beifallheischenden Darbietung werden zu lassen. Danach bleiben wir leer und trostlos zurück.

Doch ist das alltägliche Leben karg und trist, feiert der Wille zum schönen Schein besonders wilde Feste. Wohin das führt? Fest steht bereits jetzt: In einer computergesteuerten und manipulierbaren Welt fällt es uns immer schwerer, uns zu orientieren und den Realitätsgehalt ausfindig zu machen. Wahrhaftige und verlogene Botschaften sind kaum zu unterscheiden. Nahezu alles kann uns untergejubelt werden, wenn aus Klicks Cash generiert werden soll. Schon heutzutage leben wir zunehmend in digitalen Empfangsräumen und werden so informationsattackiert, dass nicht nur die Gelegenheiten zum Innehalten und Begreifen fehlen, sondern auch der Mut zur eigenen Authentizität. Durch das permanente Bedrängtwerden sind unsere Energien bereits für Banales verbraucht.

Zum ersten Mal werden gerade Jugendliche erwachsen, die mit Online-Zugang und Handy sozialisiert worden sind, allzeit angekabelt an die immer bereite Lieferwelt. Die Bedürfnisbefriedigung ist allerdings nur ein Vorwand. In Wahrheit sollen unablässig Wünsche entfacht werden, damit die Konsummaschinen im Hintergrund rattern. Und die Spirale dreht sich weiter: Noch stehen wir zwar auf dem Boden der Tatsachen. Noch leben wir in der Kohlenstoffwelt. Aber mehr und mehr umgibt uns die virtuelle Welt mit ihren aberwitzigen Möglichkeiten, die die Dimensionen der Scheinexistenz vervielfachen. „Generation Update“ befindet sich im ständigen Aktualisierungsmodus. Es ist ein Dasein im „Livetickertakt“, eine Gleichzeitigkeit von Leben im echten Leben und dem lebensechten Abbild im Netz.

Wird es uns besser gehen, wenn unsere digitalen Doppelgänger ganz und gar markttauglich geworden sind, oder stiften sie nur weitere Identitätsverwirrung? Bekommen wir nicht gerade durch sie und ihre Kompetenzen das Gefühl vermittelt, unser eigenes Ich genüge nicht mehr? Noch ist die Verschmelzung von Mensch und Maschine nicht komplett, aber was passiert mit uns, wenn uns die Selbstbestimmtheit abhandenkommt und die Algorithmen vorschreiben, was gut für uns ist? Und sollten am Ende alle Natur-, Finanz- und Internetressourcen ausgenutzt sein: Sind wir dann etwa klüger und stärker verwurzelt in unserem Leben oder implodieren wir vor lauter Dummheit und Fremdbestimmtheit?

Tatsache ist: Vieles wollen wir gar nicht mehr so genau wissen. Wir lassen uns lieber verführen und geben die Fäden in fremde Hände. Das ist unser Anteil am Lügengeschäft, unsere „Koabhängigkeit“. So hat eine Realitätsermüdung um sich gegriffen. Weil wir so überfordert und ausgebrannt sind von unserem durchökonomisierten Leben, ist die Frage nach Substanz und Relevanz einfach eine Frage zu viel. Später, bitte! Oder beim nächsten Mal! Derweil läuft das Fließband weiter und liefert rund um die Uhr neue Waren für unsere Wunsch- und Erwartungswelt, in der die Ehrlichkeit wie ein Spielverderber daherkommt.

Dagegen stehen die grandiosen Offerten aus der wunderbaren Welt des Scheins, die uns auffordern, unser bloßes Sosein zu überhöhen – neu aufzublühen in einer unendlichen Fülle von Möglichkeiten. Das kann uns nur zu Noch-nicht-Genügenden und ständig Begehrenden machen. Kein Wunder, dass wir – wenn auch nicht explizit unzufrieden –, so doch kaum je zufrieden sind. Dass wir nie ankommen können, weil wir bereits wieder weiter sein müssten, weil Neues lockt. So leben wir als von den in uns schlummernden, ureigenen Intentionen und Potenzialen Abgelenkte und was wir tun, fühlt sich am Ende irgendwie falsch an. Überall herrscht mehr Krisenmodus als Ausgewogenheit und Unwucht kursiert wie ein schleichendes Gift.

Was aber sind die Folgen, wenn sich um uns herum eine Welt aus Potemkinschen Dörfern aufbaut, in der wahlweise das Blaue vom Himmel versprochen oder gar dreist gelogen wird? Und wenn dann auch noch der, dem das leichtfüßig gelingt, die meisten Vorteile hat – was bedeutet das? Was macht es mit uns, wenn substanzlose Angebote Systemcharakter annehmen? Dann umgibt uns eine gut getarnte Kultur des Lügens und Betrügens, die mit der verspielten Camouflage eines Maskenballs nicht mehr viel gemein hat und Wahrheit wird systematisch abgeschafft. Alles dreht sich nur noch um Quote, Profit oder Wachstum um jeden Preis – kurz: um eine zügellose Orgie der Übervorteilung des anderen und der nachfolgenden Generationen. Der Wohlstandsmensch wird zum kalten Krieger im Kampf um schwindende Vorräte. Mitmenschlichkeit bleibt kannibalisiert zurück.

Und in den Medien ist die „Scripted Reality“ in Mode – „Wirklichkeit nach Drehbuch“ –, was heißt, die Realität genügt nicht mehr, sondern alles um uns herum will und muss mehr sein: der Politiker ein Perfekt-Poser, die Margarine ein Cholesterin-Heiler, das Medikament eine Wunder-Droge, die Information eine Erregungs-Botschaft und die Geldanlage ein Reich-Macher. Doch wie viel Inszenierung ist verkraftbar und kulturell akzeptabel, damit wir nicht verrückt werden? Denn wer die Wahrheit verdrängt, landet in einer Welt des Misstrauens. Zudem stellt sich die Frage: Welchen Halt gibt es in einer Welt, in der die Kulissen jederzeit einstürzen können? Und was rettet uns, wenn das letzte Vertrauen verzockt ist und der Supercomputer, diese funktionsbereite, aber seelenlose Rechenmaschine, das Kommando übernimmt?

Drücken wir lieber die Escape-Taste? Oder gelingt es unserer Spezies, so wie Phönix aus der Asche wieder aus dem digitalen (Kapitalaufbereitungs-)Imperium kraftvoll und vor allem selbstbestimmt aufzuerstehen, sich über die Technik und deren Vermarkter zu erheben? Sie zu nutzen, wenn sie uns dienen, und nicht umgekehrt, dass wir ausgenutzt werden und nur Profitinteressen dienen. Sind wir an Wahrheit tatsächlich noch interessiert, auch wenn sie uns rüttelt und schüttelt? Und wer hat diesmal den Schabowski’schen Zettel in der Hand und sagt, dass das Neue und bislang Undenkbare „ab sofort“ Gültigkeit hat und umgesetzt werden kann?

Nur der Mensch ist in der Lage, die Welt nach seinen Vorstellungen neu zu ordnen, verbesserte Lebensbedingungen aufzubauen und sein Umfeld seinen Bedürfnissen anzupassen. Nur er kann in der digitalen Welt die Fülle der Informationen gewichten, auswählen, was tatsächlich nützlich ist, und für Innovationen sorgen, die Wirtschaft und Gesellschaft voranbringen können. Doch der von der Rasanz der letzten Jahrzehnte im World Wide Web erschöpfte Mensch muss erst lernen, mit Informationsströmen, Nervenstärke und Hirnmasse zu arbeiten statt nur mit Muskeln und Körperkraft, wie es die Industrialisierung erforderte. Es ist an der Zeit, denn wir befinden uns in einer globalen Abschwungphase, die nach einer neuen Ausrichtung verlangt. Und erst wenn wir uns selbst aufschwingen, wird auch wieder eine Aufschwungphase kommen.

Demaskieren wir die Blender, die behaupten, unser Bestes zu wollen, und dabei nur ihre eigenen Interessen oder unser Geld meinen. Lernen wir Neinsagen. Dazu gehört auch der Mut, die allmächtigen und allwissenden Mobilgeräte, die derzeit zu Ersatzorganen mutieren, bei Nichtgebrauch abzuschalten. Entziehen wir uns dem ständigen Reagierenmüssen, zumindest für ein paar geschützte Momente am Tag. Ein gesamtgesellschaftlicher Therapieprozess steht an. Realitätsverweigerung als Konfliktvermeidung taugt nicht mehr.

Noch ist es Zeit für Lösungen. Noch sind wir nicht am „point of no return“ angekommen. Wir könnten die Ersten von morgen sein, statt die Letzten von vorgestern. Aber wenn wir uns nicht selbst ermächtigen, wenn wir uns nicht von den Tausenden falschen Verführungen der Scheinwelten abgrenzen, sind wir nur noch Statisten auf der Bühne von Lügnern, Betrügern und Schaumschlägern – dann haben wir die Endstation bald erreicht, sind eine „Betrüger Republik Deutschland“ und gärtnern in einem verlogenen Land.

Deshalb weg mit dem wuchernden Unkraut. Erobern wir verlorenes Terrain zurück und begehren statt Unersättlichkeit Maß und Mitte. Der Moment der Veränderung könnte ein magischer sein und dann weiter getragen werden in die Breite des Lebens. Noch ist der Mensch mehr als Bits und Bytes und in der Lage, bis zum Ende des Regenbogens zu träumen.

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