Essay : Zeit, die blutige Tyrannin

Ein atemloses Jahr geht zu Ende. Doch die Beschleunigung widerfährt uns nicht. Sie ist selbstgemacht und deshalb können wir sie bremsen.

von
Karikatur: Klaus Stuttmann

Ein durchschnittlicher Leser liest etwa 200 bis 250 Wörter pro Minute. Dieser Text umfasst 1043 Wörter, es dauert also etwa fünf Minuten, um an das Ende dieses Artikels zu gelangen. In derselben Zeit könnte man 30 Twitter-Nachrichten überfliegen, mit der S-Bahn vom Hauptbahnhof bis zum Alexanderplatz fahren, zu Mittag essen, oder etwa ein Hundertstel der Strecke zwischen Berlin und New York im Flugzeug zurücklegen. Haben Sie dafür überhaupt Zeit? Drängt nichts anderes? Zeit ist schließlich das, was uns unter all den Mangelerscheinungen, die wir diagnostizieren, am meisten fehlt. Zeit, die blutige Tyrannin.

Ein atemloses Jahr geht zu Ende. Beim Zuschauen fühlte man sich wie Sten Nadolnys John Franklin in „Die Entdeckung der Langsamkeit“, der als Zehnjähriger so langsam ist, dass er dem Ballspiel der anderen Kinder gedanklich nicht folgen, geschweige denn mitspielen kann: „Alles war etwas zu schnell, das Spiel, das Sprechen der anderen, das Treiben auf der Straße vor dem Rathaus.“ Ereignisse scheinen in immer kürzeren Intervallen aufeinanderzufolgen, Politik und Gesellschaft immer schneller zu ticken.

Die Diagnose, dass Gesellschaft und Politik an akuter Beschleunigung leiden, ist keine neue. Schon einmal, vor eineinhalb Jahrhunderten, wurde Europa von diesem Gefühl erfasst, mit der Revolution der Kommunikation durch den Telegraphen und die Erfindung der Eisenbahn. Das Zeitraster, an dem sich der Mensch orientierte, wurde sprunghaft präziser und einheitlicher, schließlich wollte man den Zug nicht verpassen. Das Wechselspiel von technischer Innovation, Wandel der Kommunikation, Beschleunigung und politischer Veränderungen beschreibt der englische Mathematiker G.J. Whitrow in seiner Geschichte der Zeit. Besonders der Telegraph habe das politische und wirtschaftliche Handeln auf den Kopf gestellt. „In der Hitze des Gefechts war schnell ein Ultimatum gestellt, das eine umgehende Antwort erforderte. Eine plötzliche Panik an der New Yorker Börse am Nachmittag konnte dazu führen, dass sich ein Geschäftsmann in London noch vor dem Frühstück am nächsten Morgen das Leben nahm.“

Unser Gefühl ist also nicht sehr originell, falsch ist es wohl dennoch nicht. Die Soziologie hat das Thema vor etwa 20 Jahren entdeckt und nimmt seitdem der Gesellschaft die Zeit. Die Geschwindigkeit der Kommunikationsübertragung, so schreibt der Zeitsoziologe Hartmut Rosa, hat seit Beginn der Industrialisierung um das 107-fache zugenommen, die Transportgeschwindigkeit um das 102-fache. Wir essen schneller, schlafen weniger, lernen im Eiltempo. Feste Beziehungen halten weniger lang, wir wechseln häufiger die Arbeitsstelle, den Wohnort und die Religionszugehörigkeit, wir haben unsere Produktion und unseren Konsum gesteigert, nicht einmal zum Ausschreiben von Wörtern haben wir mehr Zeit, Glg, (ganz liebe Grüße), asap (as soon as possible).

Die These, dass für diese erneute Beschleunigung die Digitalisierung verantwortlich ist, liegt auf der Hand. Computer, die an den Finanzmärkten Aktien im Hochfrequenzhandel hin und herschieben, zwingen uns zu schnellen Reaktionen. Maschinen feuern unerbittlich mit Nachrichten und Aufgaben, mit Mails, Tweets und SMS, die wir kaum mehr bewältigen können. Der „FAZ“-Journalist Frank Schirrmacher hat das Phänomen in seinem Buch „Payback“ beschrieben. Es beginnt mit einem verzweifelten Bekenntnis: „Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen bin. Ich werde aufgefressen.“ Können uns ein paar Maschinen so aus dem Takt bringen? Ist Beschleunigung wirklich ein passiver Prozess, etwas, das uns widerfährt?

Intuitiv betrachten die meisten Menschen Zeit als etwas Absolutes, etwas, dem sie ausgesetzt sind, wie es auch in Shakespeares Beschreibung der Zeit als „blutige Tyrannin“ mitschwingt. Wir können sie messen, also glauben wir, eine Stunde sei eben eine Stunde. Diese Vorstellung der gleichmäßig wegtickenden Zeit hat bereits Augustinus von Hippo bezweifelt. Er beschreibt wahrnehmungspsychologisch, was später Albert Einstein für ganz andere Dimensionen von Geschwindigkeit physikalisch belegt. Zeit ist relativ, wie schnell sie vergeht, hängt vom Beobachter ab. Zeit könne man nur messen, schreibt Augustinus, weil der menschliche Geist den Eindruck, den Ereignisse hinterlassen, im Geist bewahrt. Diese Eindrücke dienen sozusagen als Meilensteine entlang einer Wegstrecke, die die Entfernung eines zeitlichen Ortes zum nächsten markieren. Demnach entsteht ein Gefühl von Beschleunigung, je mehr Ereignisse wir wahrnehmen, weil die Strecken zwischen den Meilensteinen kürzer werden.

Die Digitalisierung bewirkt ein solches Gefühl. Zum einen wird die Zahl der Ereignisse pro Zeitspanne größer, zumindest der medial vermittelten Ereignisse. Das Netz haben wir inzwischen immer dabei, die Distanz zwischen dem Betrachter und einem Ereignis wird immer unwichtiger. Zudem erreichen uns die Eindrücke in „Echtzeit“, ohne Verzögerung, und häufig gleichzeitig mit anderen Eindrücken. Zeit wird nicht nur komprimiert, der Augenblick wird gewissermaßen gespalten.

Folgen hat dieses Zersplittern der Gegenwart sowohl für die Politik als auch für den Einzelnen. Der Soziologe Hartmut Rosa fürchtet, dass die Beschleunigung des Wandels im Leben des Einzelnen das Gefühl von Kohärenz und Geschichtlichkeit gefährdet, dass jemand, der seine Aufmerksamkeit in der Gegenwart zerstreut, seine Identität verliert, das Gefühl, eine individuelle, ganze Person zu sein, die den Augenblick überdauert.

Konkret zu beobachten waren in diesem Jahr die Folgen für das politische System. Von der Fülle der Ereignisse und der Gleichzeitigkeit von Entscheidung und Konsequenz waren Regierung und Parlament überfordert. Sie haben begonnen, ihre Autonomie zu verlieren. Werden die Folgen einer Absichtserklärung oder Entscheidung sofort an den Finanzmärkten sichtbar, ist längerfristiges Handeln kaum mehr planbar. Die Reaktion der Welt erfordert sofort die nächste Entscheidung. Statt lange in die Zukunft zu planen, müsse sich die Politik gezwungenermaßen „durchmogeln“, schreibt Hartmut Rosa, kurzfristige Ziele gewinnen gegenüber langfristigen Zielen an Priorität. Oder die Politik delegiert Entscheidungen an „schnellere“ Gremien: etwa an ein Sondergremium des Haushaltsausschusses oder gleich an „die Märkte“.

Die gute Nachricht ist: Gerade weil Zeit vom Beobachter abhängt, haben wir es selbst in der Hand, sie wieder langsamer vergehen zu lassen. Die Gegenbewegung, die „Entschleunigung“ ist bereits in vollem Gange. Die Menschen verordnen sich selbst Bremsen, Yoga, Slow- Food, Sabbaticals, Landflucht. Das lässt sich auch politisch umsetzen. Ein kollektiver morgendlicher Sonnengruß oder ein Bürohund in den Trading-Räumen wären vermutlich nicht durchsetzbar. Doch nur weil Computer Aktien handeln können, heißt es nicht, dass wir es ihnen erlauben müssen. Nur, weil es das Smartphone gibt, heißt es nicht, dass wir es nicht auch einmal beiseitelegen können. Beschleunigung widerfährt uns nicht. Wir betreiben sie selbst.

In „Die Entdeckung der Langsamkeit“ kämpft John Franklin anfangs verbissen gegen sein natürliches Schneckentempo, entdeckt aber mit zunehmendem Alter dessen Vorteile und lernt, sich regelrecht in seine Langsamkeit zu versenken: „Eben wurlte die Jagdgesellschaft von Lord Willoughby vorbei, rote Röcke, nervöse Pferde, braungefleckte Hunde mit tanzenden Ruten, ein großes Gebelfer. Was hatte der Lord von so viel Wirbel?“

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