Meinung : Etwas Nächstenliebe, etwas Seelenwanderung

Katholikentag in Ulm: Viele Menschen backen sich ihre eigene Religion Von Hans Apel

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Im Ausland gilt Deutschland als der kranke Mann Europas. In einer gemeinsamen Reihe von Tagesspiegel und DeutschlandRadio Berlin suchen prominente Autorinnen und Autoren nach Wegen aus der Krise.

Die Menschen unserer Zeit in unseren Breiten haben einen materiellen Wohlstand erreicht, der in unserer Jugend utopisch war. Die Bitte im Vaterunser „unser tägliches Brot gib uns heute“ klingt wie ein Nachhall aus alter Zeit. Beten um Gottes Hilfe? Wozu das?

Und doch treibt den modernen Menschen Angst um: um die Gesundheit, den Arbeitsplatz, den individuellen Wohlstand. Fatale Krankheiten, der eigene Tod werden verdrängt und möglichst totgeschwiegen. Die Lehren und die Tröstungen des Christentums scheinen nach 2000 Jahren ihre Kraft zu verlieren. Selbst der Mehrheit der jungen Pfarrer macht die wachsende Distanz zwischen ihrer Ordination auf Bibel und Bekenntnis und ihren eigenen Glaubenswelten zu schaffen.

Für den marxistischen Sozialismus ist „Religion Opium des Volkes“. Für Nietzsche ist Gott tot. Doch so „tapfer“ wollen die Menschen nicht sein. Sie wollen sich selbst verwirklichen, als Individuen ihren Weg zum Glück suchen. Die Konsequenz – alles im Leben ist Zufall, nach dem Tode bleibt von uns nichts – ziehen nur wenige. Der überzeugte Atheismus spielt im Bewusstsein der Menschen kaum eine Rolle.

Übertrieben ist es, von einer neuen Konjunktur für Religion und Transzendenz zu sprechen. Einerseits laufen den beiden großen Kirchen ihre Kirchensteuerzahler davon, der Besuch der Gottesdienste nimmt ab. Andererseits wächst das Interesse am bunten Angebot religiöser Sinnvermittler und esoterischer Gruppen. Charismatische Freikirchen haben Zulauf. Dieser Widerspruch ist das Ergebnis der Privatisierung der religiösen Vorstellungen. Ein fester Glaube kann stören. Religion soll pflegeleicht sein, keine einengenden Vorgaben machen, dem individuellen Lebenszuschnitt gerecht werden. Nimmt aber der Friede in den Seelen der Menschen zu?

Der religiöse Testfall ist der Tod. Wir Christen vertrauen darauf, dass Jesus am Kreuz unsere Sünden weggenommen hat, auferstanden ist und wir von ihm beurteilt werden zum ewigen Leben. Das wollen immer weniger Menschen glauben. Aber was bleibt von uns, wenn wir nicht die Auferweckung der Toten durch Gott erwarten?

Viele erwarten ihr Weiterleben in ihren Kindern und Enkeln. Stark kann dieser Glaube angesichts der drastisch gesunkenen Geburtenraten nicht sein. Die „religiösen Renner“ sind die Unsterblichkeit der Seelen und damit die Seelenwanderung. Sie verspricht uns einen neuen Anfang. Sie erklärt, dass wir im derzeitigen Leben das ernten, was wir im Leben davor gesät haben. Doch wollen die Menschen das hinnehmen?

Deshalb die selbst gebackene Religion: die weich gespülte Nächstenliebe des Christentums ohne die stringenten Vorgaben der zehn Gebote, dazu die reduzierte Seelenwanderung der östlichen Religionen und etwas New- Age. Der Steinbruch der Traditionen der großen Religionen kann alles liefern für immer neue Lebensentwürfe.

Doch wie lange halten solche Tröstungen in einer Zeit wachsender Unsicherheit, der Sehnsucht nach dauerhafter Bindung im vermeintlichen Chaos? Da ist Jesus Christus noch lange nicht aus dem Spiel, auch wenn kirchliche Gefäße zerbrechen und viele Rituale ausgedient haben. Seine Botschaft bleibt. Sie hebt sich ab von den religiösen Modetrends. Sie ist ein stetiges Leuchtfeuer für unser gefährdetes Leben.

Der Autor war Bundesfinanz- und Verteidigungsminister (SPD). 1999 trat er von der evangelischen zu einer Freikirche über. Zu hören ist dieser Beitrag am Sonntag um 12 Uhr 10 auf UKW 89,6.

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