Meinung : Euro: Fluchen, rechnen, schätzen

Die Autorin schreibt für das französisch

Währungsreformen haben mir noch nie Glück gebracht. Die erste hat mir als Kind das Weihnachtsfest verdorben. 1958 stellte sich der General, nachdem er Frankreich befreit hatte, einer neuen Aufgabe: "dem Franc seine Würde zurückzugeben". Jedes Jahr kündigte meine Tante an, dass sie einen 1000-Francs-Schein für mich in den Umschlag gesteckt habe. Ein Vermögen! In Gedanken plünderte ich schon die Spielzeuggeschäfte. Der Brief kam, und was zog ich unterm Weihnachtsbaum aus dem Brief? Einen kleinen Schein über läppische hundert neue Francs. Am Vorabend des Euro hat meine Tante mit ihren 74 Jahren wie viele alte Menschen in Frankreich immer noch nicht aufgehört, in alten Francs zu rechnen.

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Ted: Der Euro - mehr Vor- oder mehr Nachteile? Die zweite Geldumstellung hat meine aufkeimende Leidenschaft für Münzen brutal zunichte gemacht. Das war ein paar Tage nach der Währungsunion von 1990. Als Souvenir hütete ich den Kopf von Marx, aufgedruckt auf drei 100-Ostmark-Scheinen. Diese drei Scheine - und auch nur die - haben mir Einbrecher aus einer Schublade gestohlen, als sie eines Abends meine Wohnung heimsuchten. Die Stereoanlage, den Videorekorder und den Schmuck ließen sie links liegen ... Das könnte ich noch verstehen. Aber welche Beleidigung für meinen Nationalstolz: Den Geldbeutel, in dem ich mit Herzblut meine Francs aufbewahre, fanden sie offenbar uninteressant!

Von der dritten Währungsreform kriege ich jetzt schon Migräne. Ein Euro ist 6,55957 Francs wert. Da fängt die Hölle an. Die Deutschen haben Glück. Um eine Mark durch zwei zu teilen, muss man wahrlich kein Mathematikgenie sein. Die Franzosen dagegen müssen erstmal wieder ihre Rechentafeln aus dem Keller holen. Schon bei der einfachsten Umrechnungstechnik wird mir schwindelig: Beim Einkaufen die Hälfte des Preises in Francs addieren, durch zehn teilen und man hat die Summe in Euro.

Fluchen, rechnen und Preise abschätzen: Das sind die drei Dinge, die man auch noch nach Jahren im Exil in der Muttersprache macht. Zehn Mark sind für mich immer 34 französische Francs. Machen Sie doch mal an meiner Stelle die gewaltige Hirngymnastik, wenn ich morgens bei meinem Bäcker einen Schusterjungen zu 35 Cents kaufe. 35 Cents - das sind 70 Pfennig multipliziert mit 3,4; macht 2 Francs und 38 Centimes.

Um weniger Begabten wie mir zu helfen, hat "Le Monde" eine Tabelle veröffentlicht mit den Europreisen der elementarsten Dinge, die man in Frankreich zum Überleben braucht: der "petit noir" (kleine Schwarze) an der Theke, das Baguette, der Butterschinken, der Liter Rotwein, das Metroticket, der Strafzettel. Wie froh wäre ich, wenn ich so eine praktische Tabelle in mein tägliches Berliner Leben übersetzen könnte: das U-Bahn-Ticket, den Milchkaffee, den Schusterjungen ... - der Tag wäre gerettet!

Die Deutschen sind schon überraschend. Da warte ich auf ihre schamlosen Tränen zum Abschied von der geliebten D-Mark und befürchte, dass es zu orgiastischen Trauerzügen kommt. Und dann vollzieht sich der Übergang in perfekter Stille. Und die Franzosen? Die Franzosen sind sich treu. Sie zieren sich rührend karikaturreif. Das sei "Frankreichs Ansehen im Ausland unwürdig", schimpfte Jacques Delors wütend. Die Gewerkschaften der Bankangestellten haben schon einen Streik angekündigt. Halten Sie sich fest: für den 2. Januar 2002!

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