Euro-Krise : Die Zukunft des Euro hängt vom Volk ab

Die FDP löst sich auf, Griechenland führt die Drachme wieder ein und Deutschland stimmt über ein neues Grundgesetz ab: Szenarien für das nächste Jahr in der Europäischen Union und was es für Alternativen gibt.

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In der Klemme. Das gilt nicht nur für den Euro, sondern auch für Fotografen und Redakteure, die das Thema bebildern müssen. Eine Auswahl der schönsten Symbolfotos.Weitere Bilder anzeigen
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31.10.2011 11:38In der Klemme. Das gilt nicht nur für den Euro, sondern auch für Fotografen und Redakteure, die das Thema bebildern müssen. Eine...

Es ist der 12. März 2012. Ein historischer Tag. In einer Nacht- und Nebelaktion hat der griechische Regierungschef Filippos Petsalnikos am Wochenende zuvor die Wiedereinführung der Drachme verfügt. Jetzt, es ist Montag gegen Mittag, erläutert er vor der Weltpresse in Athen seinen Schritt. „Uns blieb keine andere Wahl“, sagt Petsalnikos zerknirscht.

Während Petsalnikos seinen Landsleuten erklärt, dass die Banken für die nächsten drei Tage geschlossen bleiben, stehen dessen europäische Amtskollegen immer noch unter Schock. Besonders Italiens Ministerpräsident Mario Monti muss nun fürchten, dass sein Land als nächstes den Euro verlassen muss, weil der Rettungsschirm EFSF einfach nicht groß genug ist, um das Land zu beschützen – eine düstere Vorahnung, die sich zwei Monate später bewahrheiten wird.

Dabei hatte Monti den Griechen beim letzten Gipfel der Euro-Zone noch eindringlich beschworen, die Euro-Zone nicht zu verlassen. „We are family“, hatte der nüchterne Italiener, ganz gegen seine Art, in Gegenwart des Griechen die bekannte Titelzeile aus dem Evergreen der „Sister Sledge“ intoniert – eine kleine Erinnerung, dass ein Austritt aus der Euro-Zone rechtlich gar nicht möglich ist.

Aber am Ende hatte sich Petsalnikos über alle Bedenken hinweggesetzt. Schon vor zwei Monaten, als er das Amt von seinem an der Obstruktionspolitik der „Nea Dimokratia“ gescheiterten Vorgänger Lucas Papademos übernommen hatte, war ihm klar gewesen, dass die Zeiten noch schwerer werden würden. Als Erstes hatte er einräumen müssen, dass auch das letzte 130-Milliarden-Hilfspaket der Europäer nicht ausreichen würde. In Deutschland hatte das zu erheblichen Verwerfungen geführt. Die FDP war am Streit über den Euro zerbrochen. Die Liberalen hatten sich in zwei Teile gespalten – die altbekannte FDP und eine Gruppe namens „Wahre Europäer“.

Viel schlimmer waren für Petsalnikos aber die Unruhen auf den Straßen von Athen, die das Land inzwischen komplett lahmgelegt hatten. So hatte er sich an jenem denkwürdigen zweiten Märzwochenende entschlossen, den Sparkurs zu beenden und das Heil außerhalb der Euro-Zone zu suchen. „Die Straße hat gesiegt“, lautete der Kommentar der Zeitung „Eleftherotypia“.

Es ist der 12. März 2012. Ein historischer Tag. Stolz verkündet Helle Thorning-Schmidt in Kopenhagen, dass sich ein EU-Konvent unter dänischer Ratspräsidentschaft überraschend schnell auf eine Änderung des EU-Vertrages von Lissabon geeinigt hat. Die dänische Ministerpräsidentin stellt der internationalen Presse die Kompromissformel vor, auf die sich der Konvent zuvor in einer letzten Sitzung am Wochenende verständigt hatte. Künftig sollen einzelne Mitgliedstaaten der Euro-Zone die Möglichkeit haben, Defizitsünder vor dem Europäischen Gerichtshof zu verklagen.

Die Dänin Thorning-Schmidt macht während der Pressekonferenz keinen Hehl daraus, dass sie einen wesentlichen Anteil am Gelingen des Projektes hatte. Eigentlich könnte es ihr egal sein, ob nun künftig striktere Regeln in der Euro-Zone gelten oder nicht. Denn ihr Land gehört nicht zum Euro. Aber weil auch die dänische Krone an die Gemeinschaftswährung gekoppelt ist, war Thorning-Schmidt schon vor Weihnachten überraschend auf den Kurs von Kanzlerin Angela Merkel eingeschwenkt. Das kleine Dänemark sperrte sich nun nicht mehr gegen eine Änderung des EU-Vertrags – und das war ein Signal an alle anderen gewesen, die dem Vorschlag aus Berlin zunächst skeptisch gegenüberstanden: vor allem die Briten, die das ganze Vorhaben hätten zu Fall bringen können, auch wenn sie außerhalb der Euro-Zone stehen.

An diesem 12. März wird auch bekannt, dass noch vor Ende des Monats ein weiterer EU-Konvent einberufen wird. Unter den 17 Euro-Staaten zeichnet sich schon jetzt ein breiter Konsens darüber ab, was dort beschlossen werden soll: Aus der Euro-Zone soll eine echte Fiskalunion werden, das Europaparlament wird weiter gestärkt, dafür muss der Bundestag Haushaltsrechte abgeben. In Deutschland, auch dies wird bereits deutlich, wird die Bevölkerung am Ende über ein neues Grundgesetz abstimmen.

Vermutlich wäre die Diskussion in den Wochen vor diesem historischen 12. März sehr viel zäher verlaufen, wenn es wieder neue Schreckensnachrichten aus Griechenland gegeben hätte. Doch zur allgemeinen Überraschung hat sich das Blatt in Hellas mit der Amtsübernahme von Lucas Papademos gewendet. Es ist ihm sogar gelungen, die radikale Gewerkschaft Pame auf seinen Sparkurs einzuschwören. Die Stimmung hellte sich auf, und auch anti-deutsche Töne waren kaum noch zu hören. Die Athener Zeitung „To Vima“ hatte sogar getitelt: „Efcharisto, Angela“ („Danke, Angela“).

Es ist zu vermuten, dass man an der Börse viel Geld verdienen könnte, wenn man schon heute wüsste, wie es weitergeht im Euro-Drama. Es ist auch zu vermuten, dass keines der beiden beschriebenen Szenarien in dieser Form eintreten wird. Warum also diese beiden Fiktionen? Sie sollen erhellen, was in den nächsten Wochen und Monaten in der Euro-Krise auf dem Spiel steht. Es geht darum, ob die Euro-Zone auseinanderfällt oder nicht.

Nun muss man noch nicht einmal ein Europa-Romantiker sein, um sich für den Bestand des Euro einzusetzen. Zahlreiche Berechnungen legen nahe, dass für Deutschland ein Ausstieg aus der Gemeinschaftswährung wesentlich teurer wäre als die Griechenland-Rettung. Nun mag man darüber räsonieren, wie dies FDP-Chef Philipp Rösler jüngst getan hat, ob es tatsächlich so klug war, dass Helmut Kohl, François Mitterrand und viele andere Staatenlenker Europas vor knapp zwei Jahrzehnten bei ihren Einigungsbemühungen ausgerechnet mit der Währung anfingen, „dem schwierigsten Feld“. Aber das ist eine eher akademische Überlegung, die wenig zur Krisenbewältigung beiträgt. Der Euro ist da. Jetzt gilt es, seine offenkundigen Konstruktionsfehler zu beheben.

Warum Großbritannien doch die EU und die Euro-Zone braucht, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

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