Euro-Krise : Geizen wir nicht

Die Griechen sollen gerettet werden, mit ihnen der Euro. Geben die Euro-Staaten nicht mehr Geld, war alles vergeblich. Geben sie mehr Geld, gibt es keine Erfolgsgarantie. In diesem Dilemma müssen sie einem Muster folgen: nach Europa!

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Eine Frau protestiert in Brüssel am Rande des EU-Gipfels.
Eine Frau protestiert in Brüssel am Rande des EU-Gipfels.Foto: dapd

Wenn es doch nur ein griechischer Dämon wäre. Dämonen in der griechischen Mythologie kamen, so lernen wir von Hesiod, der etwa 700 vor Christus lebte, in Scharen vor, waren Zwischenwesen zwischen Göttern und Menschen, Wächter über Recht und Unrecht. Reichtum brachten sie auch. So hilfebedürftig waren die Menschen damals, dass sie diese Mittler brauchten. Heute sind viele, so scheint es, wie besessen vom Mammon, und vieles wird besessen von denen, die dem dienen. Mammon ist das Wort, das wir europäischen Abendländer der Neuzeit im Wesentlichen unserem Martin Luther verdanken. Es kam über seine griechische Schreibweise in die Bibel, Luther übersetzte es nicht, und so gilt das Wort heute für den Dämon, der den Menschen nur auf den persönlichen Reichtum blicken lässt und zum Geiz verführt.

Zum Geiz! Ist es so, dass Geiz Europa regiert? Nichts wäre gefährlicher, als dass diese Woche, morgen, jeder nur seine eigene Wirtschaft sieht und seinen eigenen Vorteil, und dabei die Gemeinschaft weniger achtet. Nein, das heißt nicht, dem Romantisieren das Wort zu reden, der Weltflucht und dem Rückzug in die Vergangenheit und dem Nationalismus, sondern der Weltoffenheit aus individueller Stärke, dem Aufbruch zur nächsten Stufe eines vereinigten Europa, und zur Supranationalität. Europa braucht doch Europas verstärkte Union, um in der Welt im Wettbewerb, auch im wirtschaftlichen, zu bestehen. Die Mehrheit weiß das.

Was uns dann auch etwas für diese neue Zeit nach dem großen Crash sagt. Wir sind nicht nur das Volk. Wir sind der Souverän! Das rufen gegenwärtig immer mehr allen Institutionen der Entscheidungssuche zu in unserer Polis, unserer Bürgergesellschaft. Uns gehören die Stimmen, die die Entscheidungsträger hören und brauchen. Aber nicht ums Besetzen der Wall Street geht es, sondern darum, allgemein einen Begriff davon zu gewinnen, was es im Blick auf morgen bedeutet, wenn Bewegungen auf den Finanzmärkten mehr zählen als die Angebote auf dem Versammlungsplatz der Politik.

Die Politiker in Europa mühen sich, keine Frage. Sie stecken im Dilemma; selbst dieses Wort kommt aus dem Griechischen. Geben sie nicht mehr Geld zur Rettung des Euro, und sei es mit dem Hebel (nach dem Gesetz des Archimedes), um gemeinschaftlich mehr aufbringen zu können, war alles, was sie bisher getan haben, nicht umsonst, aber vergeblich. Andererseits gibt es für einen Erfolg ebenso wenig Gewähr wie dafür, dass das verbürgte Geld – eine astronomische Summe – nicht doch noch wirklich in Anspruch genommen wird. Trotzdem muss entschieden werden, muss Politik über die Bedingungen stetig unbedingt die Wahrheit sagen. Sie darf dazu kein taktisches Verhältnis haben. Denn Strategie muss sein, in diesem Strom von Entscheidungen diesem klaren Muster zu folgen: nach Europa! Die Mehrheit weiß das. Angela Merkel weiß das auch.

Hätten wir die alten Griechen nicht, wir wüssten nichts von alledem. Wir hätten zu wenig, das wir Europäer als für uns konstituierend reklamieren könnten; auf das wir zivilisatorisch gesehen stolz sein könnten; mit dem wir uns an anderen messen könnten. Rühmen sich die Chinesen nicht einer 5000-jährigen Geschichte und bereits einer gesellschaftlichen Entwicklung, als wir noch im Morast saßen? Drum: Geizen wir nicht. Nicht an Geld und ruhig auch nicht an Debatte. Aber in dem Wissen, dass wir alle ein bisschen Griechen sind. Und entdämonisieren wir die Gegenwart.

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