Euro-Rettung : Angela Merkel wird endlich zur Kanzlerin

Sie hat verhandelt, rote Linien eingezogen und in der Rettung Europas hat Angela Merkel endlich etwas gefunden - ihre Aufgabe.

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Ins Zentrum gerückt: Angela Merkel.
Ins Zentrum gerückt: Angela Merkel.Foto: dpa

Angela Merkel hat seit der letzten Bundestagswahl mindestens zweimal versucht, ihrer Kanzlerschaft einen höheren Sinn zu geben. Beide Male, im Herbst der Entscheidungen 2010 und im Frühling der Umkehr danach, hat sie dabei sich selbst und ihre schwarz-gelbe Koalition als Einheit betrachtet. Niemand, Merkel eingeschlossen, wird ernsthaft behaupten, dass diese beiden Operationen zur Sinnsuche gelungen sind.

Jetzt sieht es so aus, als ob Merkel die Strategie gewechselt, als ob sie – nach all den Irrungen und Wirrungen – den Sinn ihrer Kanzlerschaft entdeckt hat und fest entschlossen ist, diesen Zipfel nicht mehr loszulassen. Wer ihr zugehört hat, am Mittwochmittag im Bundestag, und vor allem, wer ihr in der Nacht zum Donnerstag in Brüssel bei ihrem Kampf mit arroganten Bankern und eitlen Staatslenkern zugesehen hat, der konnte eine andere, eine neue Seite an dieser Angela Merkel erkennen: Kühl hat sie Ursache und Wirkung analysiert, ihren Plan entwickelt und dann eisern für ihre Überzeugungen gekämpft. Einen europäischen Gipfel zu verschieben, den selbsternannten Fürsten von Rom in den Senkel zu stellen und dann auch noch anzukündigen, demnächst die europäischen Verträge aufzuschnüren: Das muss man erst mal zuwege bringen.

Die Frau an der Spitze Deutschlands hat offenbar ihre Aufgabe erkannt. Befreit vom klein-kleinen Hickhack zwischen Horst Seehofer und den Praktikanten von der FDP will Merkel Europa aus den Trümmern von Schulden und Nichtverantwortung befreien und auf ein solideres Fundament stellen. Mögen die Besserwisser an ihrem Plan herummäkeln. Mögen ihre eigenen Leute vor der Wucht dieser Aufgabe auch noch so ängstlich schlottern. Merkel scheint das alles nicht mehr wirklich zu rühren. Heute und morgen zählt Europa. Von Schwarz-Gelb, diesem unseligen Projekt, hat sie ihre Kanzlerschaft ganz augenscheinlich abgespalten.

Von Konrad Adenauer, dem ersten Kanzler dieser Republik, stammt die Feststellung, das Wichtigste in der Politik sei der Mut im richtigen Augenblick. Man könnte auch sagen: Wer in diesem Amt bestehen will, muss den Stier bei den Hörnern packen, wenn er vorbeikommt. Helmut Kohl tat es, als die Geschichte ihm die deutsche Einheit zutrug. Und auch Gerhard Schröder, dessen Agenda 2010, wenn auch mit etwas Abstand, zum weithin sichtbaren Ausdruck seiner Führungsfähigkeit geworden ist, hatte diesen Mut. Für beide gilt, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise, dass sie irgendwann in ihrer Kanzlerschaft den Moment erkannt haben, an dem sich die Wege teilen und das Wichtige vom Unwichtigen abfällt.

Als Helmut Schmidt vergangenen Sonntag dem Sozialdemokraten Peer Steinbrück vor Millionenpublikum zum Kanzlerkönner schlug, da schien es, als nahe der Augenblick, an dem das Gewurschtel der Zauderin vom Intellekt des Machers abgelöst wird. Doch so einfach scheint Merkel ihre Macht nicht aus den Händen geben zu wollen.

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