Meinung : Euro: Sinn und Sinnlichkeit

Christoph von Marschall

Praxis ist vielleicht doch die beste Werbung. Der Euro ist jetzt noch ein Stück realer geworden. Die Geldtransporter mit der neuen Währung sind bereits unterwegs zu den Banken. Zeitungen und Fernsehen stellten in den jüngsten Tagen die Scheine und Münzen vor, erklärten, wie man ihre Echtheit prüft: "Fühlen, sehen, kippen" hält Einzug in den Schulunterricht. In vielen Kaufhäusern hat sich die Rangordnung von D-Mark und Euro verkehrt. Erstens wird bereits häufig der Euro-Betrag groß geschrieben (und der in DM klein). Zweitens wird jetzt bei der Preisgestaltung vom Euro ausgegangen, diese Summe wird in einen "krummen" DM-Betrag umgerechnet. Noch 119 Tage. Dann haben wir alle nur noch Euro und Cent im Portemonnaie.

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Der Euro kommt - Infos zur Währungsumstellung Doch die Deutschen sind nach wie vor gespalten. Die Hälfte ist gegen das neue Geld. Oder sollte man es es umgekehrt formulieren: Immerhin die Hälfte akzeptiert die künftige Währung? Geld ist überall auf der Welt ein angstanfälliges Thema - bei einem Volk wie den Deutschen sind Skepsis und Ablehnung alles andere als überraschend. Die Angst vor einer Wiederholung der Inflation der zwanziger Jahre gehört ebenso gut zum mentalen Erbgut wie der Stolz auf den Erfolg der D-Mark. Sie war und ist für die Deutschen mehr als eine Währung, sie ist Teil der nationalen Identität geworden.

So gesehen könnte man es fast undramatisch nennen, wie die Bürger den Währungswechsel begleiten. EU-Kommission und Bundesregierung sind klug genug, auf Pathos zu verzichten; das würde eh nur Widerspruchsgeist wecken. Andererseits, wäre es so falsch, die Bürger ein bisschen zu bestärken in ihrer zaghaften Bereitschaft, den Euro hinzunehmen? So sind es abermals die Warner, die die veröffentlichte Meinung bestimmen: Die Währungsumstellung werde zu heimlichen Preiserhöhungen benutzt, das Bargeld werde an den ersten Tagen nicht reichen, das Falschgeld zunehmen.

Aber das ist ja das Angenehme am Warnen: Wer negative Prognosen stellt, muss sich in der Regel nicht rechtfertigen, wenn es am Ende doch besser kommt. Was wurde im vergangenen Jahr nicht alles Negatives geschrieben, als der Euro über Wochen und Monate gegenüber dem Dollar verlor! Das sei Ausdruck der generellen Schwäche Europas im Vergleich zu den USA, zudem einer falschen Finanzpolitik - und werde sich auch kaum bessern, weil elf souveräne Länder in der Eurozone eben nicht in der Lage seien, eine kohärente Währungspolitik zu betreiben.

Und heute? Seit Wochen hat sich der Trend umgekehrt. Der Euro hat sich seit dem Tiefststand im Juli (0,83 Dollar für 1 Euro) kontinuierlich verbessert. Er ist zwar noch weit von der ursprünglich angestrebten Parität entfernt, aber liegt jetzt bei 0,90 Dollar. Und? Wird jetzt über die neue Stärke des Euro geschrieben, über eine falsche US-Finanzpolitik, über die Rehabilitierung des EZB-Präsidenten Wim Duisenberg, den ein Großteil der deutschen Wirtschaftspresse im Oktober 2000 unrettbar vor dem Rücktritt sah?

Die Trendwende war politisch wichtig, gerade jetzt. Das Übrige wird die "normative Kraft des Haptischen", des Anfassbaren, bewirken - dann, wenn Euro und Cent Teil des Alltags sind: Sinn und Sinnlichkeit. Mal sehen, ob dann die Ängste Wirklichkeit geworden sind: die Ängste vor versteckten Preiserhöhungen, vor fehlendem Wechselgeld, vor Falschgeld. Es gibt ja auch die umgekehrten Ängste des Handels vor sinkenden Gewinnspannen, weil aus 99 Pfennig nicht die rechnerischen 51 Cent werden, sondern nur 49; aus den 5,99 DM nicht 3,06 Euro, sondern 2,99; und aus 19 900 DM für einen Kleinwagen nicht 10 153, sondern 9 999 Euro. Das wäre dann mal eine gute Nachricht, man muss sie nur verbreiten.

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