Meinung : Europa, deine Strandmöbel

Pascale Hugues, Le Point

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Alle europäischen Strände haben ihr spezifisches Mobiliar, aus dem sich Schlüsse über die jeweiligen Strandbenutzer ziehen lassen. Englische Strände zum Beispiel sind karg und wenig einladend. Kaum hat man sein Handtuch auf den spitzen Kieseln ausgebreitet, bricht auch schon ein Platzregen los, der einen die Flucht zu den viktorianischen Piers antreten lässt, diesen langen Fingern aus weißen Holzbohlen, die den Ärmelkanal säumen. Dort, zwischen einarmigen Banditen, rosa Zuckerwatte und kleinen Orchesterbühnen spielt sich der wahre englische Sommer ab. Es sind altmodische und etwas triste Orte, diese Piers. Sie riechen nach lauwarmem Regen, essiggetränkten Fish & Chips und Melancholie.

Von der scheinbaren Prüderie italienischer Strände sollte man sich nicht täuschen lassen! Die kleinen, wie Zwiebelhäute aneinandergereihten Umkleidekabinen aus Holz haben eine doppelte Funktion. Ihr offizieller Zweck besteht darin, die Badenden beim Umziehen vor Blicken zu schützen. Drinnen kann man seinen Mini-Bikini perfekt in Form zupfen, um dann mit theatralischer Geste die Tür aufzustoßen und hüftschlendernd eine exhibitionistische Show an der Wasserkante aufzuführen. Der geheime Sinn der Kabinen wird gerne in neorealistischen italienischen Filmen aufgedeckt: Den katholischen Landbewohnern dient die kleine Holzumkleide als Ort für Initiationsriten. Unbeholfene Heranwachsende pressen sich in der feuchten Hitze dieser Isolationszellen an die üppigen Brüste furchteinflößender Matronen.

Keine falschen Schlüsse bitte: Der deutsche Strandkorb mag zwar mit seiner Holzarchitektur an die italienische Umkleidekabine erinnern, aber damit hört der Vergleich auch schon auf. Der Strandkorb ist eine tugendhafte, solide und pragmatische Konstruktion. Seine Erfinder haben an alles gedacht: Es gibt eine Halterung, an der man die Sonnenbrille aufhängen kann, eine Leine zum Trocknen der Badetücher, ein Tablett, auf der die Thermosflasche platziert wird, eine Fußstütze und einen verstellbaren Sitz, mit dem man dem Wind ausweichen oder sich optimal der Sonne aussetzen kann. Gleichzeitig ist der Strandkorb eine Art Truhe, in der alles verstaut wird, was man für den Aktivurlaub am windigen Nordseestrand so braucht: Schaufeln, Harken, Schlagball-Keulen, Bocciakugeln. Schirmt man den Strandkorb dann noch mit einem Sandschloss nebst Burggraben vom Rest der Welt ab, wird er zur uneinnehmbaren Festung: ein paar Quadratmeter Privateigentum in der demokratischen Weitläufigkeit des Sandes. Man kommt sich vor wie in einer Einfamilienhaussiedlung in Kleinmachnow: jedem sein Eigenheim, perfekt geschützt vor den Blicken der anderen. Der Strandkorb ist wie ein Schneckenhaus, aus dessen Inneren sich die Weite des Horizonts noch viel besser genießen lässt – ein Kokon der deutschen Gemütlichkeit.

Völlig anders die Kombination aus Strandmatten und Sonnenschirmen an der Côte d’Azur. Mit ihren langen, rechtwinkligen Reihen sehen die französischen Strände aus wie Schlafsäle in Internaten. Man wird förmlich zur Promiskuität gezwungen. Ohne es zu wollen, liegt man plötzlich neben einem dicken Herrn in HawaiiShorts, der übelriechende Zigarillos raucht.

Die Schirm-und-Matte-Kombination verpflichtet zum meditativen, kollektiven Ferienverhalten. Um zehn Uhr morgens bestellt man einen kleinen Kaffee. Mittags, wenn die Sonne ihren Zenit erreicht, verschlingt man ein Autobus-langes Sandwich und eine halbe Wassermelone. Die Kunst besteht darin, durch Drehungen des Sonnenschirms die Dichte der UV-Strahlen auf der Haut so zu dosieren, dass die resultierende Bräune möglichst gleichflächig wird. Mögen die Deutschen ruhig von Strandkorb zu Strandkorb ernste Gedanken über Kindererziehung, die schwierige Beziehung zwischen Mann und Frau und den desolaten Zustand ihres Landes austauschen! Wenn der Franzose erst mal wie ein römischer Imperator auf seiner Matte liegt, wird sein Hirn weich wie eine Kugel Vanilleeis in der Sonne der Provence. Man döst, man lässt sich einlullen vom sanften Klatschen der Wellen, vom Rascheln der Oleanderbüsche und dem Zirpen der Heuschrecken. Wäre ja auch Selbstmord, bei 40 Grad im Schatten über existenziellen Fragen zu brüten. Allerhöchstens rafft man sich zu einem leichten Plausch oder einem unschuldigen Flirt mit dem Nachbarn auf, der in etwa einem Meter Entfernung vor sich hin döst. Zugegeben: Die französische Schirm-und-Matte-Kombination wirkt ein wenig dekadent im Vergleich mit dem kleinen Strandkorb, der im Norden Europas so tapfer allen Versuchungen trotzt.

Aus dem Französischen übersetzt von Jens Mühling.

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