Meinung : Europa, mit Sturm und Drang

Die deutschen Klassiker sind heute ungehobene Schätze im Ozean Von Antje Vollmer

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Haben Junge und Alte, Einheimische und Zugewanderte die gleichen Grundwerte? In einer Serie von Tagesspiegel und DeutschlandRadio Kultur diskutieren prominente Autorinnen und Autoren Vorbilder, Werte und Toleranz. Zu hören sind die Beiträge sonntags um 12 Uhr 40 auf UKW 89,6.

Die Idee Europas musste einen langen Weg gehen, bis sie zu unserem Jahrhundertprojekt werden konnte. Ein ganz früher Vorreiter war Friedrich Schiller. Sein Wallenstein ist vielleicht das europäischste aller Dramen und nimmt alle europäischen Machttragödien vorweg. Und doch tun wir uns schwer mit Schiller! Praktisch jeder, der die deutsche Sprache spricht, hat ihn schon zitiert. Seine Stücke und Opern, die nach seinen Theaterstücken komponiert wurden, sind legendär. Wer aber inszeniert noch den ganzen Wallenstein,und wer liest heute noch Schiller?

In der Schule muss man nicht, nachher hat man kaum die Anstöße oder auch nur die Zeit, sich in diese merkwürdig pathetische Welt hineinzuversetzen. Später würde man ihn dann gern verstehen, kann aber kaum, weil der Schlüssel der frühen Jahre fehlt. So verflüchtigt sich der Dichter, der im 19. Jahrhundert als einer unserer größten galt. Ist es noch angebracht, ihn heute so zu feiern, wie geplant – in aufwendigen Veranstaltungsreihen, großzügig gefördert von der Kulturstiftung des Bundes? Warum ist Schiller, der studierte Regimentsarzt, uns kaum noch Vorbild und Vordenker?

Unsere Kultur hat sich weit entfernt von der echten Begeisterung und der Leidenschaft, für die der junge Schiller steht. Überhaupt pflegen wir die Klassiker kaum. Als Sprachverführer aber ist er unübertroffen. „Dem Manne kann geholfen werden“ (letzter Satz der Räuber); „Durch diese hohle Gasse muss er kommen“ (Wilhelm Tell); „Donner und Doria“ (Fiesco); oder „Ich hab’ hier bloß ein Amt und keine Meinung“ (Wallensteins Tod) – alles wunderbare Sätze, die ihren Charme bis heute behalten haben. Unsere dichte und flächendeckende Theaterlandschaft, das Politische am Theater: Auch das hat Schiller stark geprägt.

Es sieht so aus, als würden wir den Dichter im Schillerjahr 2005 aus dem Dämmerschlaf im Bücherschrank befreien. Der Tenor, die Emphase der schillerschen Sprache mag ungewohnt sein für unsere Ohren, die durch neue Medien und Top-News geprägt sind, und unsere zum Zynismus neigende Sprache. In seinen Stücken aber ist er bis heute merkwürdig gegenwartsnah. Das schillersche Werk erzählt von Begeisterung, vom Kampf für die Freiheit und gegen den Despotismus, für die europäische Idee, für die Liebe.

Unsere „Klassiker“ sind so weit der Zeit entrückt wie ungehobene Schätze im Ozean. Schon die Erinnerung an Alexander von Humboldt, den großen Geist des 18. Jahrhunderts, hat uns vor Augen geführt, wie weltbürgerlich, weltgewandt und interessant die deutschen Klassiker und ihre Zeit, jenes wunderbare 18. Jahrhundert, waren. Auch Schiller war, wenn auch nicht so weit gereist wie Humboldt, ein internationaler Geist, immer auf der Spur der neuen Dinge. Seine Stücke spielen in England, Spanien, der Schweiz und in Frankreich. Wir, die Europäer von heute, haben die Aufgabe, uns neu unseren Nachbarn zuzuwenden, uns wirklich für sie zu interessieren, offen zu sein, die Integration voranzutreiben und dabei die Freiheit und Leidenschaft nicht aus dem Blick zu lassen. Ein bisschen Sturm und Drang und vor allen Dingen Gedankenfreiheit könnte da schon nützlich sein.

Die Autorin ist Theologin, Abgeordnete der Grünen und Vizepräsidentin des Bundestags.

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