Meinung : Europa setzt über die Oder

Reagan, D-Day und der Ausbau der Viadrina als Stiftungsuniversität Von Hans-Dietrich Genscher

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Der 60. Jahrestag der alliierten Invasion hat noch einmal die historische Bedeutung der Veränderungen in diesen sechs Jahrzehnten sichtbar gemacht. Zum ersten Mal nahm ein deutscher Bundeskanzler teil, als Partner und Verbündeter, und ein russischer Präsident als Repräsentant der Verbündeten der WestAlliierten im Jahre 1944. In diese Tage hinein fällt der Tod des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan. Seine Unterstützung für die deutsche Forderung nach dem Fall der Mauer ist ebenso unvergessen wie Kennedys Ausruf: „Ich bin ein Berliner!“ vor dem Schöneberger Rathaus. Es ist schon wahr, die deutsch-amerikanische Freundschaft hat tiefe Wurzeln und sie umfassen auch jene Tage, in denen deutsche und amerikanische Soldaten an der Atlantikküste aufeinander schossen und dennoch der Erfolg der Landung für Deutschland Befreiung und Freiheit bedeutete.

Für die Zukunft Europas, war es entscheidend, dass Frankreich und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zueinander fanden und heute in einer einzigartigen Weise miteinander verbunden sind. Die Begegnung von Präsident Chirac und Bundeskanzler Schröder im Rahmen der Veranstaltungen am D-Day steht in der Tradition deutscher und französischer Nachkriegspolitik. Sie bildet dennoch einen neuen Höhepunkt. So, wie wir Amerika nicht vergessen, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg zu uns stand, so unvergessen bleibt für uns auch die Haltung Frankreichs, die Präsident Chirac am 6. Juni 2004 noch einmal und so anrührend gerade an historischer Stelle bekräftigte.

Heute geht es um die Gestaltung des größeren Europa. Dass Polen und die anderen Staaten aus dem früheren sowjetischen Machtbereich heute Mitglieder der EU sind, bedeutet eine große Chance für die Völker Europas am Beginn des 21. Jahrhunderts. Das 1991 von meinen französischen und polnischen Kollegen Dumas und Skubiszewski sowie mir ins Leben gerufene Weimarer Dreieck sollte die schicksalhafte Verbundenheit unserer drei Völker nicht nur symbolisch, sondern auch in der praktischen Zusammenarbeit zur Geltung bringen. Die Möglichkeiten wurden nicht immer genutzt, Meinungsverschiedenheiten über den Irakkrieg haben gezeigt, dass es am permanenten Dialog fehlte. Jeder Schritt aber, der unsere drei Völker enger zueinander führt, ist gut für das ganze Europa.

Die Fortentwicklung der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) zu einer deutsch-französisch-polnischen Stiftungsuniversität wäre ein sichtbares Zeichen gemeinsamer Verantwortung und gemeinsamer Ziele. Eine Universität, an der deutsch, französisch, polnisch und englisch gesprochen und gelehrt wird, wäre beispielhaft für neues Denken. Der erste Präsident der Viadrina, Professor Weiler, kehrte aus den USA zurück und schuf mit seinen amerikanischen Erfahrungen das Modell einer modernen Universität. Wenn mit der Viadrina ein Zukunftsmodell im vereinten Europa geschaffen wird, dann verdient auch das allseitige Unterstützung.

Unhistorisch und falsch wäre es, diese kühne Idee einzuordnen in die von der Bundesregierung zunächst recht oberflächlich geführte Elitediskussion oder gar in die absurde Vorstellung, der Staat könne Elite-Universitäten sozusagen „ernennen“. Natürlich müssen die Mittel zusätzlich und nicht zu Lasten anderer sinnvoller Vorhaben bereitgestellt werden. Wie das möglich ist, darüber darf gestritten werden. Aber dass eine deutsch- französisch-polnische Stiftungsuniversität an der Oder eine große politische, wissenschaftliche und kulturelle Relevanz hat, sollte außerhalb jeden Streits sein.

Es darf auch keine Rolle spielen, dass die Präsidentin dieser Universität für das Amt unseres Staatsoberhauptes kandidiert hat. Die Klarheit, mit der sie allen Spekulationen entgegentrat, sie könne jetzt für einen Kabinettsposten zur Verfügung stehen, und ihr Bekenntnis zur Viadrina unterstreichen im Übrigen, wo sie und wie sie ihre Aufgabe sieht. Die Priorität von Wissenschaft und Forschung mit der Idee Europas zu vereinen – das verlangt Zukunftsverantwortung. Auch als Signal für die Europawahl.

Der Autor war von 1974 bis 1992 Bundesaußenminister.

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