Europäische Union : Europa braucht einen gesetzlichen Feiertag

Ressentiments gegen angeblich faule Griechen und Spanier befeuern den Aufstieg von Anti-Europa-Parteien. Doch das heutige Europa ist auch trotz seiner Problemlast prosperierend. Der D-Day am 6. Juni wäre das passende Datum, um die EU zu feiern.

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Stabile Ambivalenz - so stehen die Deutschen zur EU.
Stabile Ambivalenz - so stehen die Deutschen zur EU.Foto: dpa

Europa: Für manche der Jüngeren klingt das unmodern, irgendwie prä-digital. Besser wäre es, meinen sie, wenn „wir“ als die coolen Businesstypen der finanzstarken Länder nicht irgendwelche Griechen oder Spanier alimentieren müssten. Solche Ressentiments befeuern den Aufstieg von Anti-Europa-Parteien auf einem Kontinent, der sich, historisch gesehen, als politische Einheit eben erst erfunden hat.

Unreifer, apolitischer könnten die Ressentimentler nicht irren. Und sie haben Zulauf. Hollands Rechtspopulist Geert Wilders sucht jetzt die Allianz mit der französischen „Front National“ von Marine Le Pen. Um bei der Europawahl im Mai 2014 mit brüsselfeindlichen Parolen ihre Wähler zu mobilisieren, hechten die beiden Politiker über ideologische Gräben und hetzen gemeinsam wider das Brüsseler „Monster“ wie Migranten. Als rassistische Allianz liebäugelt das Gespann mit Gleichgesinnten in Nord wie Süd. Man wirft ein Auge auf Österreichs „Freiheitliche“ (FPÖ), auf die „Schweden-Demokraten“, den belgischen „Vlaams Belang“, Italiens „Lega Nord“, die „Dänische Volkspartei“ oder die „Wahren Finnen“. Zögerlich zeigen sich Deutschlands Euro-Paranoiker der „Alternative für Deutschland“ (AfD), sie wollen nur ungern in den Salons dieser mediokren Gesellschaft geortet werden.

Und noch ist die Öffentlichkeit nicht wirklich alarmiert. Dieses Desinteresse liegt allerdings auch an Brüssel selber. Europa wirbt nicht für sich. Die historische Sensation des in Frieden geeinten Kontinents wird nicht vermittelt, nicht begangen, gefeiert. Dabei gibt es dafür jeden Grund. Als der Erste Weltkrieg wütete, schrieb der Pazifist Leonhard Frank 1916 in seiner expressionistisch visionären Erzählung „Der Mensch ist gut“ über die Erzfeinde Deutschland und Frankreich: „Solange wir nicht ebenso vor Schmerz schreien, wenn ein Franzose fällt, lieben wir nicht.“ Aus dem Züricher Exil beklagte Frank die „Eisenplatte, die seit zwei Jahren über Europa liegt“ und erklärte: „ … es gibt kein Haus in Europa, in dem nicht die Tränen fließen.“ 1920 erhielt er für das Buch den Kleist-Preis. Nicht mal 20 Jahre später stürzte Deutschland Europa in die Barbarei, in den nächsten Krieg und in den Genozid an Europas Juden.

Das heutige Europa, fast 70 Jahre in Friedenszeit, trotz Problemlast prosperierend, ist ein Geschenk an alle Zeitgenossen, eins, das die meisten noch nicht ausgepackt haben – der Inhalt scheint nicht attraktiv. Aus Brüssel gelangen kleinliche Verordnungen zu Glühbirnen und Staubsaugern in die Öffentlichkeit, nichts davon würde man mit dem demokratischen Freudenfunken assoziieren, den die Europa- Hymne beschwören will. Es gibt kein supranationales, europäisches Geschichtsbuch, schulische Exkursionen nach Brüssel oder Straßburg sind kein üblicher Teil des Curriculums.

Und noch nicht einmal einen jährlichen EU-Feiertag hat Brüssel ins Leben gerufen. Ein Vorschlag für einen gemeinsamen gesetzlichen Europafeiertag in den Mitgliedsländern der EU ist der 9. Mai, weil Frankreichs Außenminister Robert Schuman 1950 an diesem Tag den gemeinsamen Marktplatz Europa entwarf. „Europa lässt sich nicht mit einem Schlag herstellen“, erklärte er. „Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen.“

Am 7. Februar 1992 hatte Europa mit dem Vertrag von Maastricht eine weitere Dimension erreicht. Drei Jahre nach dem staunenswert friedlichen Ende des Kalten Krieges wurde damit unter anderem die Unionsbürgerschaft eingeführt (unseren Pässen und Personalausweisen sieht man das leider nicht wirklich an). Der 7. Februar jedenfalls würde sich besonders für einen EU-Feiertag eignen. Und sicher gäbe es bald andere Vorschläge, würde Brüssel einen supranationalen Wettbewerb ausloben.

Mein Lieblingstag wäre D-Day, der 6. Juni, Tag der Landung der Alliierten in der Normandie. An diesem Tag wurde 1944 die Bedingung der Möglichkeit zum Entstehen des heutigen Europa geschaffen. Auf den Tag folgten die Niederlage des Faschismus, das „European Recovery Program“, die Gründung der Bundesrepublik, die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland, die Studentenrevolte – und alles weitere. D-Day in Europa zu ehren wäre auch eine angemessene, transatlantische Geste. Aber, okay, ich ziehe das im selben Atemzug zurück. Das Datum wäre politisch nicht durchzusetzen, ich weiß. Schon gar nicht hier, in Deutschland. Mein Europatag wird es trotzdem bleiben.

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