Meinung : Europäische Zinspolitik: Wenn der Kurs überholt ist

Catherine Hoffmann

Wenn Geldpolitik ein Wettrennen wäre, dann läge Alan Greenspan jetzt klar vor Wim Duisenberg. Denn während der Chef der US-Notenbank gerade die Leitzinsen um einen halben Prozentpunkt senkte, steht der Chef der Europäischen Zentralbank immer noch auf der Bremse. Er hat Angst, mit einer Zinssenkung die Inflation anzuheizen. Die Folge: In Amerika bekommt die Wirtschaft langsam bessere Laune, zumal eine weitere Zinssenkung durchaus möglich erscheint. In Europa aber sehen sich die Pessimisten bestätigt. Duisenberg, so sehen sie es, lässt sie mit ihren Sorgen allein - zum Schaden aller Europäer.

Doch die Pessimisten liegen falsch. Ziel der Geldpolitik kann es nicht sein, die Zinsen nur möglichst schnell und tief zu senken. Dann wäre das Rennen schnell vorbei - mit einem Totalschaden. Die Kunst der Geldpolitik besteht darin, mit Blick auf die Prognosen für Inflation und Wachstum die richtige Entscheidung zu treffen. Das kann eine Zinssenkung sein, wie sie Alan Greenspan vollzog. Es kann aber auch ein Festhalten am Bestehenden sein, wie Duisenbergs Beharren auf dem gegenwärtigen Refinanzierungssatz von 4,75 Prozent. Panik hilft nicht weiter, Verzagtheit aber auch nicht. Wer ist in diesem Fall nun der bessere Künstler der Geldpolitik - Greenspan, der Maestro, oder Duisenberg, der Unbewegliche?

Für die europäischen Währungshüter war es noch nie ein Ziel, sich um eine florierende Wirtschaft zu kümmern. Die EZB fühlt sich verantwortlich für stabiles Geld. Duisenberg hat deshalb die Inflation im Euro-Raum im Blick. Und er sieht Gefahren: Die Teuerungsrate verharrt über der Schmerzgrenze von zwei Prozent. Ihr ganzes Berufsleben haben die nationalen Notenbanker im EZB-Rat damit zugebracht, für Preisstabilität zu sorgen. Das setzen sie nicht mal eben so aufs Spiel, nur weil Amerika vorprescht. Um die Konjunktur, so heißt das europäische Credo, muss sich die Politik kümmern. Das Auf und Ab an den Börsen geht die Notenbank nichts an, sagen die Europäer. Sicher, sie sehen sehr wohl, dass hohe Ölpreise, ein schwacher Euro und die unselige Kombination aus BSE und Maul- und Klauenseuche die Preise klettern lassen. Aber, so sagen sie schulterzuckend: Was können wir dafür?

Die Amerikaner sehen alles ganz anders. Schon immer haben die Notenbanker hier neben der Inflationsrate auch ein ganzes Bündel von Konjunkturindikatoren beobachtet. Dazu zählen auch die Aktienbarometer Dow Jones und Nasdaq. Schon vor vier Jahren hatte Fed-Chef Alan Greenspan vor "irrationalen Übertreibungen" am Aktienmarkt gewarnt. Damals notierte der Dow Jones Index noch bei 6437 Punkten. Obwohl die Blase an der Börse eine Überhitzung der Konjunktur signalisierte, erhöhte Greenspan nicht sofort die Zinsen. Der Grund: Dank des starken Dollars und der Baisse der Rohstoffpreise blieb die Inflation noch im Zaum. Die Blase platzte erst viel später - im März 2000, bei mehr als 11 000 Dow-Punkten.

Die US-Geldpolitik hatte lange zugelassen, dass Aktienkurse und Wirtschaftswachstum übers Ziel hinausschossen. Deshalb fühlt sich Fed auch dafür verantwortlich, die Wirtschaft vor Abschwung und drohender Rezession zu retten - mit Zinssenkungen. Greenspan muss sich um die Landung sorgen. Die EZB dagegen fühlt sich nicht für die Krise verantwortlich. Deshalb ist sie auch nicht zu ihrer Behebung verpflichtet. Für sie besteht die Kunst zurzeit im Stillstand. Ein willkommener Nebeneffekt stellt sich ein: Den Märkten signalisiert diese Haltung der ruhigen Hand die Unabhängigkeit der europäischen Notenbank. Eine noch junge Zentralbank tritt jetzt an, ein eigenes Profil zu gewinnen. Es wurde Zeit.

Der Preis dieser Demonstration könnte Europa allerdings teuer zu stehen kommen. Niemand weiß, ob es nicht um den Zustand der US-Konjunktur viel schlechter steht, als allgemein angenommen wird. Der aggressive Zinskurs der Fed könnte ein Hinweis darauf sein. Wäre es so, wird sich auch die EZB dem Zinssenkungsdruck nicht länger entziehen können. Denn wenn die Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft und für den Euro-Raum weiter sinken, sinkt auch die Inflation. Und das bedeutet für Duisenberg: Freie Fahrt für niedrigere Zinsen.

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