Europas Angst vor China : Wir Steiff-Tiger

28.01.2011 15:40 UhrVon Tissy Bruns
Steiff-Tiger, oder gar nur Menschen mit Tiger-Masken? Im Wettbewerb mit dem effizienten China entwickeln die westlichen Demokratien einen Minderwertigkeitskomplex. Foto: AFP
Steiff-Tiger, oder gar nur Menschen mit Tiger-Masken? Im Wettbewerb mit dem effizienten China entwickeln die westlichen Demokratien einen Minderwertigkeitskomplex. - Foto: AFP

Die US-Mittelschicht, die Wirtschaftsführer in Davos - alle in der westlichen Welt reden über "Tiger Mother", das Buch von Amy Chua über das Scheitern der westlichen Erziehung. In seiner Angst vor China offenbart der Westen die eigene Ich-Schwäche.

Boom für die „Tiger Mother“, das Buch vom Amy Chua über das Scheitern der westlichen Erziehung. Top-Manager zeigen ihre sensiblen Seiten, wenn sie an China denken. Die US-Mittelschichten, die Tigermutter Amy lesen, und die Wirtschaftsführer, die in Davos neuerdings auch über Burnout reden, leiden unter einer Angst. Sie fürchten die Überlegenheit der „asiatischen Werte“.

Weil der Begriff so unbestimmt wie seine Suggestionen machtvoll sind, lässt sich sehr Verschiedenes darauf projizieren. Kann nur noch der Drill, mit dem Yale-Professorin Chua ihre Töchter erzieht, wie sie selbst von ihren chinesischen Eltern angetrieben wurde, zum westlich-individuellen Erfolg führen? Chuas ältere Tochter tritt mit 14 Jahren als Pianistin in der New Yorker Carnegie Hall auf.

Sie ist das „Wunderkind“; die Lang Langs kommen aus China. Nicht nur in den USA sind die Mittelschichten schockiert und fasziniert. Ihrem eigenen Abstieg könnte die finale Niederlage ihrer Kinder folgen, die, westlich-weich erzogen, der östlich-disziplinierten Konkurrenz die besseren Jobs und die Zukunft überlassen müssen.

Deutsche Wirtschaftsbosse fürchten schlichter. Fast jeder zweite ist überzeugt, so der Befund des „Handelsblatt“-Monitors unter 700 Führungskräften, dass sich eher „östliche, asiatische Normen“ im globalen Wirtschaften durchsetzen werden. Nur 29 Prozent erwarten, dass die „westlichen Normen“ die Oberhand behalten. Man tritt den Herren nicht zu nahe, wenn man vermutet, dass sich in ihren Ängsten auch eine Sehnsucht versteckt. Nämlich die, der ökonomischen Konkurrenz Chinas auch mit deren Mitteln begegnen zu können, zum Beispiel mit Arbeitsverhältnissen, die den frühkapitalistischen ähnlicher sind als den differenzierten der späten Wohlstandsdemokratien.

Weil der Realitätsgehalt solcher Ängste und Projektionen überhaupt nicht zu bestreiten ist, macht die narzisstische Kränkung und Schwäche, die sich in ihnen offenbart, erst richtig Angst. Es gehört zu den seltsamen, den offenen Geheimnissen der demokratischen Welt, dass sie nicht nur in einem ökonomischen Wettbewerb, sondern in einer neuen Systemkonkurrenz bestehen muss. Die Marktwirtschaft hat 1989 gesiegt, nicht aber Freiheit und Demokratie. Es ist offen, ob demokratische oder autoritäre Marktwirtschaften sich in nächster Zeit als effizienter und überlegen erweisen.

Sind Drill und Kollektivdenken der Motor für die chinesischen Erfolge? Ja, sie werden erzwungen. Und Nein. Denn die entscheidende Triebkraft für Millionen junger Menschen, sich anzustrengen, viel zu leisten und zu arbeiten, sind ihre unerfüllten Hoffnungen auf individuelle Entfaltung. Und diese Hoffnungen können autoritäre Zwänge und Systeme sprengen.

Die Maxime, dass alle Menschen mit gleichen Rechten geboren sind, anerkennt indirekt auch UN- Mitglied China. Glauben die Demokratien selbst noch daran? Sie handeln nicht danach, ihre soziale Realität spricht dagegen. Das ist die innere Schwäche und Defensive der Demokratie.

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